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am 12. Februar 2013
Im Grunde genommen gilt das Wort des Facharztes, das der amerikanische Schriftsteller William Styron im Bericht über die Geschichte seiner Depression vor mehr als fünfzehn Jahren anführt, noch immer: „Wenn wir unseren Kenntnisstand (über die Depression) mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus vergleichen, dann ist Amerika nach wie vor nicht entdeckt; wir sitzen noch immer dort unten auf der kleinen Insel in den Bahamas." Die Depression ist eine Krankheit, über die man umso weniger definitiv zu wissen scheint, je stärker sie sich verbreitet. Und sie verbreitet sich rasch: Schätzungen sprechen von derzeit 340 Millionen Fällen weltweit. Depressionen treten bei Menschen aller sozialen Schichten, Kulturen und Nationalitäten auf. Etwa zwei Prozent Kinder unter 12 Jahren und fünf Prozent Jungendliche unter 20 Jahren sind betroffen. Allein in Deutschland erkranken ungefähr 20 Prozent aller Bundesbürger einmal in ihrem Leben an einer Depression. Zehn bis fünfzehn Prozent aller Depressionspatienten begehen Selbstmord. Die Depression ist so nicht nur zu einer Krankheit einzelner, sondern auch zu einem Sinnbild für den Zustand ganzer Gesellschaften geworden.

Dem Wort "Depression", geprägt von dem Schweizer Psychiater Adolf Meyer, wohnt nicht der düster lockende Klang inne, der seinen medizinhistorischen Vorläufern, dem Weltschmerz, der Schwermut, der Melancholie noch zukam. Es ist eine Worthülse, die in ihrer Unbestimmtheit geradezu wieder zu dem Syndrom passt, das sie bezeichnet. Der Depression ist auch die "Wonne" fremd, die der Künstler von einst noch in der Wehmut finden konnte, die Freude an der Melancholie, die adelnde Lust am Kopfhängenlassen. Sie ist nicht mehr Ausweis einer sensiblen, an ihrer Umwelt leidenden Seele, sondern nur noch nüchterne Bezeichnung eines schmerzhaften Krankheitsbildes, dessen einzige und letzte Hoffnung nicht selten im Selbstmord liegt.

In Abgrenzung zur traditionsreichen Melancholie hat der amerikanische Schriftsteller Andrew Solomon die Depression einmal so beschrieben: „Traurigkeit und Melancholie gehören zu den Erfahrungen eines reichen Lebens. Sie folgen auf Verlust, und Verlust ist verbunden mit den Gefühlen von Liebe. Depression ist etwas ganz anderes. Depression heißt, auf eine schmerzhafte Art abgeschnitten zu sein von allen nützlichen Erfahrungen des Menschseins, und das ist keineswegs schön."

Ihre Erscheinungsformen sind ebenso zahlreich wie schwer zusammenzufassen. Antriebslosigkeit, innere Unruhe und Schlafstörungen, fehlende Lebensfreude, Leere und Traurigkeit, vermindertes Selbstwertgefühl, psychomotorische Verlangsamung, Konzentrationsschwäche, Schuldgefühle, Gedanken an Selbstmord – dies sind nur einige der Kennzeichen einer Krankheit, die von dem Soziologen Alain Ehrenberg mit dem Begriff „fatigue d’être soi“ näher bestimmt wird. Die Mühsal, man selbst zu sein, ist nach Ehrenberg der point commun der „Modekrankheit“ Depression, die in den westlichen Gesellschaften längst die Neurose und die Angst als häufigste Geisteserkrankungen abgelöst habe.

Sie wird verursacht, so die Hauptthese von Ehrenbergs Buch „Das erschöpfte Selbst“, von dem seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts herrschenden Diktat der Individualität. Während die Neurose noch zu Beginn des Jahrhunderts als Ausweis einer unter der Forderung nach Anpassung leidenden Psyche diagnostiziert wurde, kann nunmehr die Depression als Niederschlag gesellschaftlicher Veränderungen angesehen werden. „Freud fasste unter dem Begriff Neurose eine ganze Reihe von Dilemmata zusammen, die Menschen in einer Gesellschaft erlebten, die durch strenge Normen und Regeln gekennzeichnet war, durch Konformität zur gängigen Meinung, Verbote, Disziplin, bis hin zu blindem Gehorsam.“ Die Paradigmen der westlichen Gesellschaften haben sich jedoch mittlerweile dahingehend geändert, dass der Konflikt wegfiel, vor dem sich das Individuum mit seinen je eigenen Bedürfnissen angesichts einer restriktiven Gesellschaft befand. Die Dichotomie erlaubt – verboten hat ihre Wirkung verboten. An ihre Stelle ist die Unterscheidung zwischen möglich – unmöglich getreten. Nicht mehr Unterwerfung unter die Normen ist seither gefragt, sondern die Entwicklung einer „reichen Persönlichkeit“, die Arbeit am Selbst. An die Stelle sozialer Repression treten Unverbindlichkeit, ein Zuviel an Sinnangeboten und daher ein Mangel an Orientierung, nicht bloß das Recht, sondern auch die Pflicht zum „pursuit of happiness“.

Autonomie, Selbstständigkeit und Verantwortung sind die Schlagworte, die den Menschen der modernen Gesellschaft vor die schwierige und ermüdende Aufgabe stellen, um jeden Preis er selbst zu sein. Das souveräne Individuum bestimmt nun die übliche Lebensweise. Das Ich ist zu einer einzigen Großbaustelle geworden. Diese Ermüdung diagnostiziert Ehrenberg in seinem bereits vor sieben Jahren in Frankreich erschienenen Buch als Negativ der gesellschaftlichen Forderung nach Aktivität. Der Zwang zur Individualität habe eine Einsamkeit der Selbstverantwortung (Beck-Gernsheim) hervorgerufen, die sich mehr und mehr in den benannten Symptomen äußere. Dort, wo die Seele dem Anspruch auf Selbstverwirklichung nicht mehr nachkommen kann, reagiert sie mit einem Rückzug auf ganzer Linie, mit innerer Leere, Antriebsschwäche und Erschöpfung. War die Neurose bei Freud die Krankheit der Schuld (gegenüber den gesellschaftlichen Ge- und Verboten), so ist die Depression nach Ehrenberg eine Krankheit der Verantwortung (gegenüber seinem eigenen Ich).

Ehrenberg zeigt in einer detailreichen psychiatriehistorischen Analyse, wie sich das Sprechen über psychische Erkrankung (von Hysterie und Neurasthenie über manisch-depressive Psychose und Schizophrenie bis hin zur Depression) entlang den Linien entwickelt, die von den Entdeckungen der Medizin vorgezeichnet werden. Vor allem der Elektroschock und die Psychopharmakologie haben in Bezug auf die Definition der Depression Revolutionäres geleistet – bis hin zum diagnostischen Umkehrschluss, depressiv sei, was durch Antidepressiva geheilt werde.

Was aber, so lautet Ehrenbergs Frage, bedeutet Heilung im Zusammenhang mit einer möglich gewordenen Symptomreparatur? Ist die Krankheit mehr als die Summe ihrer Symptome? Ist Leiden nützlich? Ist Heilung nicht mehr als persönliches Wohlbefinden, das mit der Verabreichung von Psychopharmaka oder der Elektroschockmethode erzielt werden kann?

In einem früheren Buch, „L’individu incertain“, hatte der Autor die Depressiven, die ihre Krankheit mit ausschließlich pharmazeutischen Mitteln behandeln ließen, noch plakativ als „Pillenschlucker“ bezeichnet und sie in die Nähe von Drogensüchtigen gerückt, hatte die Hochpreisung von Antidepressiva als Folgestufe des Bodybuildungkults gedeutet („psycho building“). Solcherart Generalisierungen sind dem Buch „Das erschöpfte Selbst“ weitgehend fremd. Gleichwohl ist Ehrenbergs Ablehnung einer Verabsolutierung rein biologischer „Heilmethoden“ auch aus der nüchternen, sich zuweilen im Detail verlierenden Sprache des neuen Werks nicht zu überhören.

Heilung bedeutet, so Ehrenbergs abschließende Behauptung, dass ein Individuum an seinen Erfahrungen wächst und lernt, seine Konflikte auszuhalten und als konstituierenden Teil der Persönlichkeit zu akzeptieren. Hierin liegen zugleich die wichtigen politischen Implikationen der Thesen Ehrenbergs. Die demokratische Gesellschaft beruhe auf dem Konstrukt eines politischen Subjekts, das sich in Konflikten selbst-gebildet hat und das somit in der Lage ist, von seinen Befindlichkeiten abzusehen und an seiner Umwelt zu arbeiten. Fällt dieses Subjekt aus – die steigende Nachfrage nach Psychopharmaka und die relative Abdankung der Psychotherapie lassen solches befürchten –, so bewegt sich unsere Gesellschaft auf eine gefährlich instabilen Zustand zu.
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am 11. Januar 2012
Ehrenberg bietet eine sehr interessante Erklärung für die Depression. Die Karriere der Depression beginnt gerade in dem Augenblick, in dem das disziplinarische Modell der Verhaltenssteuerung, das autoritär und verbietend den sozialen Klassen und den beiden Geschlechtern ihre Rolle zuwies, zugunsten einer Norm aufgegeben wird, die jeden zu persönlicher Initiative auffordert: ihn dazu verpflichtet, er selbst zu werden. Der Depressive ist nicht voll auf der höhe, er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen. Nicht das Verbot, sondern Freiheit macht uns depressiv! Man wird depressiv, weil man seinen eigenen Ansprüchen nicht entsprechen kann.
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am 7. Januar 2010
Abriss
Alain Ehrenberg (AE) stellt zu Beginn 2 Hypothesen auf:
1) "... denn sie (die Depression) ist eine Krankheit einer Gesellschaft, deren Verhaltensnorm nicht mehr auf Schuld und Disziplin gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative. (...) Die Depression ist ein Laboratorium für die Ambivalenz einer Gesellschaft, in der der Massenmensch sein eigener Souverän sein soll." [20]
2) "Der Erfolg der Depression beruht auf dem verlorenen Bezug auf den Konflikt, auf dem der Begriff des Subjekts basiert ..." [22]

Als das Individuum noch in einer von Moral und Gesetz bestimmten Welt lebte, spielten bei den psych. Erkrankungen die Begriffe Konflikt und Schuld die Hauptrolle - doch mehr und mehr kam eine Krankheit auf, die von Leere, Hemmung, Verlangsamung und Kraftlosigkeit gekennzeichnet war. Auf Spurensuche der Depression, nimmt uns diese Studie des französischen Soziologen mit auf eine Reise durch die Irrenhäuser früherer Zeiten, vorbei an den Elektroschocks Cerlettis, den Theorien von Lacan, Freud, Bleuler, Kuhn, usw. Wir durchmessen den Raum von den guten alten Trizyklika bis zum Prozac, vom Urschrei bis zu New Age, von verstaubten Periodika der 1960er (Elle, Marie-Claire aber auch Fachblätter, wie L'Encéphale, La Revue du praticien) bis zu dem "topmodernen" "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders - DSM III und IV". Mit populärwissenschaftlichen Berichten zur Depression und zur Psyche allgemein leisten die Zeitschriften dieser Jahre einen wichtigen Beitrag: erstmals entdecken die Menschen eine Grammatik des Innern, sie erhalten die Begriffe, um über die Befindlichkeiten ihrer Psyche sprechen zu können und damit die Tabuisierung aufzubrechen. Das Individuum emanzipiert sich von einem Schicksal, das bisher durch Religion, soziale Gegebenheiten und Autoritäten determiniert war. Dies alles klingt fast zu schön, um war zu sein - doch die neue Freiheit ist für die Menschen ungewohnt und fordert ihren Tribut. Nach der inneren Befreiung, die fast schon einer Enthemmung gleich kommt, stürzt das Selbst erneut in eine Verzweiflung.
"Ein neuer Blick auf die Depression macht sich im analytischen Millieu breit. Ihn prägt ein Stil der Verzweiflung, den die frühen Generationen nicht kannten." [163]
Sucht kann auch als Selbstmedikation des Depressiven betrachtet werden, sie ist oft nur zusammen mit der Depression zu verstehen:
"Der ... Depressive erträgt keine Frustration. Alkoholismus und Abhängigkeit von Rauschmitteln oder Medikamenten dienen dazu, einen Ausgleich zu schaffen ... Die Erfüllung durch die Sucht ist die Kehrseite der Leere der Depression." [173]
Auch die ständigen Veränderungen in Beruf und Alltag der Menschen bleiben ein Nährboden für die Problematik:
"Die Triade Asthenie, Schlaflosigkeit, Angst ist eine verhaltensmässige und affektive Antwort auf die unaufhörlichen Veränderungen im Alltag der demokratischen Gesellschaften." [184]
Immer stärker schiebt sich der Verzicht auf Psychopathologie, Ätiologe, verstehende Psychiatrie und eine medikamentöse Überlagerung der Depression in den Vordergrund. Die Psychiatrie versucht in immer neuen Anläufen die Depression zu fassen oder auch nur kohärent zu beschreiben. Als sich dies als kaum möglich erweist, werden alte Ansätze über Bord geworfen:
"... verzichtet auf den Begriff der Persönlichkeit und die Kompetenz des Psychiaters (...) Da sich die Psychiater nicht über die Ursachen und daher nicht über die den Syndromen zugrunde liegende Krankheiten einigen können, muss man die Semiologie von ätiologischen Problem befreien (...) Das technische Mittel dazu besteht darin, standardisierte Diagnosekriterien zu entwickeln ..." [139]
Doch auch diese Entwicklung ruft Kritik auf den Plan:
"Oft genug muss der Depressive nicht selbst die Hilfe der Drogen suchen; seine Ärzte machen in zu einem passiven Süchtigen ..." [213, Zitat von Bergeret]
"Die neuen Methoden, uns vor der Depression zu befreien oder sie zu erleichtern, führten zu der Befürchtung, dass wir aus unserer Psyche, wie es Pierre Legendre schrieb, "einen regulierbaren Apparat" machen." [214]
Wenn der Depressive wirklich eine Vorstufe des Nietzscheanischen Übermenschen darstellen sollte, dann wird es keine Heilung geben - denn das Rad der Zeit kann nicht zurückgedreht werden. Vielmehr dürfte dann die Depression ein Wachstumsschmerz sein, der vielleicht zu einer besseren Welt führt - vielleicht.
"Die Antworten auf die Krise der Heilung suggerieren, dass es heute nicht mehr so sehr darum geht, geheilt zu werden, als vielmehr darum, mehr oder weniger ständig betreut und verändert zu werden, und zwar sowohl durch Pharmazie als auch durch die Therapie und die Gesellschaftspolitik." [221]
Doch auch die neueren Medikamente der 1990er Jahre sind nicht über jeden Zweifel erhaben, und die Erkenntnisse der Neurowisschenschaften bringen die Psychiatrie vorerst nicht weiter.
"Die bedeutendsten Biochemiker, Neurologen und Psychopharmakologen sind sich einig: Sie wissen nicht, ob die Schwankungen des Serotoninspiegels für die antidepressive Wirkung verantwortlich sind, ..." [236]

Etwas Kritik
- Die Identifikation des Depressiven mit jenem, der "versprechen darf", wie ihn Nietzsche in "Zur Genealogie der Moral" in Aussicht gestellt hat, finde ich voreilig. Entweder hat sich Nietzsche "das souveräne Individuum, das nur sich selbst gleiche" zu monolithisch, zu ungebrochen vorgestellt, oder Ehrenberg konnte nicht lange genug warten. Ich selber setze auf Nietzsche.
- Wiederholung. Ich schätze mal, dass eine verbesserte und vom Autor durchgesehene Auflage locker an die 20 bis 30 Seiten kürzer ausfallen könnte, ohne an dieser gelungenen Studie inhaltlich etwas zu streichen. Etwa das Konflikthafte, das in der Diagnose zunehmend an Bedeutung verliert oder das Wegfallen von Normen, Verboten, Dogmen oder die bedeutunsschwangere Heraufkunft des "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" sind Gravitationszentren, derer sich der Autor in immer wieder neuen Formulierungen zu versichern scheint. Man nimmt es in Kauf.
- sehr knapp fallen Recherchen und Schilderungen des modernen Berufslebens aus. Doch der Autor ist problembewusst: "Das Unternehmen ist das Vorzimmer der nervösen Depression geworden." [245] und verweist damit auf "Le culte de la performance" - ein anderer Titel seiner Trilogie über das moderne Individuum. Leider liegt davon keine Deutsche Übersetzung vor.

Perspektive
"Soziologen oder Historiker haben den Menschen nicht vorzuschreiben, wie sie leben oder denken sollen." [279]
Daran hält sich AE weitgehend, darüberhinaus ist Verstehen ohne Perspektive wahrscheinlich unmöglich. AE will die widersprüchlichen Argumente herausarbeiten, die das Bild der Depression prägen. Wenn man dabei immer tiefer dringt, stösst man früher oder später auf philosophische Fragen. "Die Absicht ist also Aufklärung in einem politischen Sinn. Sie zielt weniger auf eine wissenschaftliche Wahrheit, ... Sie (die Psychiatrie) ist eine erstrangige Quelle, wenn man beobachten will, wie sich die Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft verändern."
AE ergreift in all den geschilderten Debatten nur ungern Position, deutet oft nur an oder lässt den Leser darüber rätseln, ob er nun einen weiter oben ziterten Autoren paraphrasiert, oder ob es eigene Statements sind. Mehr oder weniger klar wird immerhin, dass AE die alte französische Phalanx der Metaphysik dem Anachronismus zurechnet, den pragmatisch-utilitaristischen Stil von Peter Kramer und seinen Beipackzettel zu Prozac (Listening to Prozac) mag und dann aber doch froh ist, dass die Wirkungsmacht moderner Antidepressiva noch nicht jenes Mass erreicht hat, das ein gewisser Solomon Snyder schon 1987 vollmundig verkündet hat:
"[dass] neue psychotrope Wirkstoffe mit ausserordentlicher Kraft und Selektivität aufkommen werden ... Mit diesen Medikamenten wird man selektiv die emotionalen Nuancen modellieren können, die heute so fein sind, dass sie sich im Vokabular der Dichter wiederfinden und nicht in dem der Psychiater." [239]
Werden wir diesen Snyder'schen Tag noch erleben? Was wird dann sein? Heute gehen wir vielleicht einmal pro Jahr zur Dentalhygiene, in Zukunft können wir vielleicht gleich noch einen Termin zur Rekalibrierung der Psyche anhängen. Wird das das Ende der Geschichte sein, wird das Subjekt dann endgültig verschwunden sein? Worauf kann sich Gesellschaftskritik dann noch berufen, wenn die Störungen, Leiden und Schmerzen einfach "wegmodelliert" werden?

Fazit
Entstanden ist eine umfangreiche, interessante Auslegeordnung über die Wandlungen des Subjekts, die Problemgeschichte der Psychiatrie, die das Subjektive zu objektivieren sucht, die verschiedenen Akteure, die um die Definitionsmacht dieser verbreiteten Krankheit (Depression) kämpfen und auch einwenig die philosophischen Untiefen, die sich dahinter verbergen. Dass Manches etwas frankozentrisch ausgefallen ist, stört kaum, das meiste davon lässt sich leicht auf andere Mentalitäten übertragen. Für konzentrierte Lesearbeit wird man reich belohnt, man findet in diesem Buch soetwas wie die erste Landkarte eines gerade erst entdeckten Kontinents und wird zum eigenen Denken angeregt.

Man könnte wegen der Wiederholungen 1 Stern abziehen - doch das was nach Abzug der Redundanz noch bleibt, ist immer noch 5 Sterne wert. Also 5 Sterne.
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Es sind wahrhaft großartige und erfuhrchteinflößende Worte, die bis heute nichts von ihrer Kraft verloren haben: "Werde, der du bist", rief Nietzsche den Menschen zu und entwarf sein Ideal des selbstbestimmten und schöpfungsfähigen Übermenschen. "Wir sind zur Freiheit verurteilt" verkündete Sartre sechs Jahrzehnte später, um die Verantwortung des Einzelnen in einer an sich sinnlosen Welt zu betonen. Doch ist der Mensch überhaupt zu dieser Art von Freiheit geschaffen? Was passiert, wenn er nicht zum Schaffen geeignet ist und seine Versuche stets als Scheitern erlebt? In seiner weitreichenden Darstellung "Das erschöpfte Selbst" untersucht Alain Ehrenberg die Auswirkungen einer auf Können und Leistung ausgerichteten Gesellschaft auf die sie konstituierenden Individuen.

"Das Recht, sich sein Leben zu wählen, und der Auftrag, man selbst zu werden, verorten das Individuum in einer ständigen Bewegung. [...] Die Grenze zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen schwindet zugunsten der Spannung zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen" (19). Alte Normen, die auf Schuld und Disziplin gründen, haben, so Ehrenberg, ihre sinnstiftende und handlungsanleitende Funktion verloren. Der Einzelne könne nun nicht mehr allein durch das Gehorchen eines vorgegebenen Regelwerks zu einem nützlichen und angesehenen Mitglied einer Gemeinschaft werden. Nein, der neue Mensch müsse etwas Schaffen und sich in ständigen Vertikalspannungen ergehen, um vor anderen und vor allem vor sich selbst bestehen zu können. Und gerade hier liege der Kern für die enorme Zunahme von Depressionserkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten: 'Die Depression zeigt uns die aktuelle Erfahrung der Person, denn sie ist die Krankheit einer Gesellschaft, deren Verhaltensnormen nicht mehr auf Schuld und Disziplin gründen, sondern auf Verantwortung und Initiative. [...] Die Depression ist eher eine Krankheit der Unzulänglichkeit als ein schuldhaftes Fehlverhalten, sie gehört mehr ins Reich der Dysfunktion als in das des Gesetzes" (20). Zum besseren Verständnis unterscheidet Ehrenberg zwischen einer Neurose und einer Depression, in dem er die Neurose als eine "Krankheit des Gesetzes" und die Depression als eine "Krankheit der Unzulänglichkeit" (170) bezeichnet, die sich in einer "Erschöpfung davon, man selbst zu sein" (80) manifestiere.

Was lässt sich gegen diesen Zustand unternehmen? Gibt es überhaupt so etwas wie Heilung? Ehrenberg legt dar, dass Heilung und Glück nicht identisch sind und Heilung auch und vor allem in der Akzeptanz des Leidens liege: "Wohlbefinden ist nicht Heilung, denn Heilung bedeutet, leiden zu können, in der Lage zu sein, das Leiden zu tolerieren. Geheilt sein heißt aus dieser Perspektive nicht glücklich, sondern frei zu sein, das heißt, eine Macht über sich selbst zurückgewinnen" (269).

Die große Frage, warum manche Menschen an Depressionen erkranken und manche nicht, warum Medikamente einigen helfen und bei anderen völlig versagen, kann Ehrenbergs Untersuchung natürlich auch nicht erklären. Das Verdienst des Buches liegt vor allem darin aufzuzeigen, welche gesellschaftlich-kulturellen Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten sich dafür verantwortlich zeichnen, dass immer mehr und mehr Menschen Opfer dieses Unzulänglichkeitsgefühl werden, welches wir als Depression bezeichnen. Wie schon in den beiden Darstellungen Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne von Hartmut Rosa und Müdigkeitsgesellschaft von Byung-Chul Han spielt auch für Ehrenberg das Phänomen der Beschleunigung eine zentrale Rolle, die maßgeblich für die Überforderung von Individuen mitverantwortlich sei. Für alle, die an dieser spannenden Thematik interessiert sind, bieten diese drei Bücher einen hervorragenden Einstieg.
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am 27. Juni 2010
Das einzige Buch das ich kenne (obwohl ich schon lange Suche) dass sich detailliert, seriös und interessant damit auseinandersetzt wie die hohen Anforderungen unsere heutigen Welt die Menschen belastet oder sogar krank macht. Sollte jeder lesen der an derheutigen schnellen stressigen Welt "leidet" oder sie zumindestens hinterfragt.
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am 22. August 2011
Ich habe "Das erschöpfte Selbst" im Rahmen meines Studiums gelesen. Es handelt sich um ein sehr informatives Buch, wenn es darum geht die Geschichte der Depression und der Depressionsbehandlung nachzuvollziehen. Die Gegenwartsdiagnose kommt etwas kurz, wird sie lediglich auf den letzten paar Seiten abgehandelt. Ehrenberg macht es sich etwas leicht, indem er von vorneherein sagt, dass er keine wissenschaftliche Arbeit mit diesem Buch abliefern möchte. Im Groß und Ganzen dennoch ein lesenwertes Buch, sofern man sich für die Thematik interessiert.
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am 29. September 2011
Das Buch ist extrem langatmig geschrieben und wiederholt viele Fakten immer wieder.
Es setzt viel Wissen voraus - erwartet hatte ich mehr ein Werk zwischen Psychologie und Soziologie.
Leider verliert sich der Autor zu sehr in der Medizin.

Inhaltlich könnte man dem Werk vielleicht noch 4 Sterne geben.

Das Buch ist selbst für ein wissenschaftliches Werk sehr trocken und die Satzbau verwirrend und lang.
Dafür einen Stern abzug.

Viele "Fakten" erscheinen nicht wirklich durch Praxis belegt, und sind ggf. auch sehr Frankreich spezifisch und Vergangenheitsbezogen.
Dafür noch einen Abzug.

Läßt dann 2 Sterne übrig.

Fazit:
Auch wenn das Buch interessante Fakten enthält, kann ich nur vom Kauf abraten.
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