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Das Perlenmedaillon: Roman Taschenbuch – 1. Februar 2007

4.7 von 5 Sternen 112 Kundenrezensionen

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Produktinformation

Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Sabine Weigand stammt aus Franken. Sie ist promovierte Historikerin und arbeitete als Ausstellungsplanerin für Museen. Historische Originaldokumente sind der Ausgangspunkt vieler ihrer Romane, wie ›Die Markgräfin‹, ›Das Perlenmedaillon‹, ›Die Königsdame‹, ›Die Seelen im Feuer‹ und ›Die silberne Burg‹. In ›Die Tore des Himmels‹ gestaltet sie das Leben der Hl. Elisabeth, in ›Das Buch der Königin‹ das Schicksal der deutschen Kaiserin Konstanze, in ›Ich, Eleonore. Königin zweier Reiche‹ der europäischen Skandalherrscherin. Ihr neuer Roman ›Der Duft der Zeit‹ schildert das Schicksal einer Seifenfabrikantendynastie.

Literaturpreise:

»Kulturmeter« Stadt Schwabach

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Schwabach, August 2004

Die segnende Hand Christi ragte aus den züngelnden Flammen. Zwei Finger wiesen anklagend nach oben auf die musizierenden Engelchen, die pausbackig an der Decke über dem Speise
altar schwebten. Es rauchte, knackte und zischte.
"Ey, holt noch mehr Gebetbücher!"
Der schlaksige Halbwüchsige mit dem Pickelgesicht und der knallrot gefärbten Igelfrisur kippte sich den Rest seiner Bierdose in den Mund, während er mit schwankenden Schritten das Feuerchen umrundete, das im Mittelgang zwischen den Bankreihen flackerte. Einer seiner Kumpane rüttelte am übrig gebliebenen Arm des hölzernen Heilands auf dem Palmesel, der trotz der Tatsache, dass das Kunstwerk aus der Zeit um 1500 stammte, nicht nachgab.
"Fuck! "
Ein wütender Tritt sorgte dafür, dass Grautier und Reiter krachend umfielen, wobei der Esel seine morschen Ohren und der Heiland fast alle Finger seiner rechten Hand verlor.
Der dritte Eindringling, ein dicklicher Baseballkappenträger mit Augenbrauenpiercing und einem Ninja-Tattoo auf der Schulter, schleppte einen Arm voller Gesangbücher und Kirchenprospekte durchs Langschiff, sichtlich behindert durch das bis in die Kniekehlen herunterschlabbernde Gesäß seiner Jeans. Unter beifälligem Gejohle der beiden anderen schmiss er alles in die Flammen, dass die Funken bis zur Decke stoben.
In einer Nische des Sakramentshäuschens stöberten die Jugendlichen zwei silberne Messpokale auf. Während zwei der Kids grölend durch die Stadtkirche turnten und mit den Pokalen Fangen spielten, holte ihr Anführer aus dem mitgebrachten Rucksack eine Spraydose. Auf der vordersten rechten Säule entstand ein grinsendes neongrünes Strichmännchen, auf der linken Säule ein umlaufendes Band mit dem beliebten Sponti-Spruch "Alle Bullen sind Schweine". Danach fläzten sich die drei auf die Stufen vor dem spätgotischen Hochaltar - einem grandiosen Gemeinschaftswerk der weltberühmten Meister Wolgemut und Stoß -, rauchten selbst gedrehte Zigaretten und soffen billigen Wodka aus den inzwischen völlig verbeulten Silberkelchen. Schließlich, als die Glocken vom Kirchturm längst Mitternacht geläutet hatten, rafften sich die sturzbetrunkenen Halbstarken auf, kickten noch ein paar Blumenständer um und verließen die Kirche unbehelligt im Schutz der Nacht durch das Fornikantenpförtchen. Das aufgebrochene Schloss schepperte blechern, als die Holztür hinter ihnen zufiel.
Als der Messner am Morgen seinen Dienst antrat, traf ihn beinahe der Schlag.

Einen Tag später. Paul Möbius, Leiter des Schwabacher Stadtmuseums, lehnte sich in seinem Bürosessel zurück, blies mit dem Rauch seiner Zigarette Kringel in die Luft und beobachtete, wie diese gemächlich an seinen überfüllten Aktenregalen vorbeiwaberten. Möbius war Kunsthistoriker und begeisterter Sixties-Freak; tief in seinem Innern litt er unter der unabänderlichen Tatsache, dass er die wilden sechziger Jahre aufgrund zu später Geburt nicht hatte persönlich erleben dürfen. Er trug die Haare etwas zu lang und die Hosen etwas zu kurz; seine Hemden wiesen stets entweder das obligatorische Paisleymuster oder irgendwelche Op-Art-Dekors auf.
Den ganzen Vormittag hatte Möbius damit verbracht, ein Konzept für die nächste Sonderausstellung zu entwerfen. Jetzt hatte er sich einen Kaffee und die erste Zigarette des Tages verdient, bevor er sich daran machen wollte, die neuesten Auktionskataloge nach Schnäppchen durchzugehen. Möbius tat noch einen tiefen Zug. Gott sei Dank Freitag. Spätestens um halb zwei Uhr würde er im Museum alles erledigt haben und nach Hause fahren können. Dann hatte er noch Zeit für ein Schläfchen, sein obligatorisches freitägliches Entspannungsbad und ein schönes Glas Whisky, bevor er seine Freundin abholen und mit ihr in den Star Club gehen würde, das Mekka der fränkischen Sixties-Anhänger. Für heute Abend war eine englische Live-Band na
mens "The Psychedelic Bell-Bottoms" direkt aus London angekündigt, für Insider der Szene ein echter Leckerbissen.
Ein Klopfen riss Möbius aus seinen Gedanken. Monika Herbst, seine Halbtagssekretärin, steckte den Kopf zur Tür herein.
"'Tschuldigung, Chef, aber der Herr Dekan Müller hätte Sie gern gesprochen."
Schon öffnete sich die Tür ganz, und der oberste Schwabacher Kirchenmann trat ins Zimmer, in der Hand eine unförmige neongelbe Sporttasche. Möbius nahm hastig die Füße vom Schreibtisch und drückte den Glimmstängel aus. Mit beiden Händen wedelte er den Rauch über dem Schreibtisch weg, während er den Dekan entschuldigend anlächelte und dabei verzweifelt überlegte, ob er diesen Termin heute wohl verschlafen hatte.
"Störe ich etwa Ihre Zigarettenpause, mein Lieber?"
Dekan Müller, dank einiger Jugendjahre als Amateurboxer ein außergewöhnlich athletischer Sechzigjähriger mit ergrautem Haarkranz, Brille und Kinnbart, stellte vorsichtig die Sporttasche ab und schüttelte Möbius über den Schreibtisch hinweg die Hand.
"Tut mir Leid, dass ich Sie so überfalle, aber es handelt sich um eine recht dringliche Sache." Er nahm umständlich auf dem Besuchersessel Platz, rückte seinen Kragen zurecht und setzte eine düstere Miene auf. "Haben Sie heute schon Zeitung gelesen?"
Möbius schüttelte den Kopf. "Ist was passiert?"
"Das kann man wohl sagen." Der Dekan raufte sich die spärlichen Löckchen auf seinem Hinterkopf. "Gestern Nacht waren Vandalen in der Stadtkirche! Haben mit Gesangbüchern ein Feuer gelegt, Wände beschmiert, Messgerät beschädigt, all so was. In der Kirche sieht's aus wie auf einem Schlachtfeld. Stellen Sie sich vor, sogar dem Jesus auf dem Palmesel haben sie einen Arm abgerissen! Blasphemie ist das, reine Blasphemie!" Müller schnaubte grimmig durch die Nase, sein Doppelkinn bebte vor Empörung.
Möbius, der nicht besonders religiös war, nickte mitfühlend. "Ist ja unerhört, so was. Weiß man denn schon, wer's war?" -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.



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am 6. Januar 2015
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