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Christine Bernard. Das Eisrosenkind Taschenbuch – 7. März 2016

4.2 von 5 Sternen 28 Kundenrezensionen

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Produktinformation

Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Michael E. Vieten, Jahrgang 1962, wuchs in Düsseldorf und Ratingen auf. Danach verbrachte er den Großteil seines Lebens im Norden Deutschlands. Er lebt und arbeitet heute im Hunsrück mit Blick auf den Hochwald. Vieten ist gelernter Hotelkaufmann, später wechselte er in die IT-Branche. 2002 gründete er einen Internet-Versandhandel, den er 2011 verkaufte, um mehr Zeit für die Dinge zu haben, die ihm wirklich wichtig sind. Er schreibt seit seiner Jugend, überwiegend Prosa und Lyrik, Romane und Erzählungen, am liebsten Balladen über die kleinen und großen Dramen im Leben von Menschen. Michael E. Vieten freut sich immer sehr darüber, wenn er seinen Lesern etwas mitgeben kann, für ihre eigene Reise durch die Zeit.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Das Eisrosenkind
Im Morgenmantel, mit einer Tasse Kaffee in ihrer Hand, stand Christine Bernard in der Küche am Fenster und schaute hinaus.
Reif hatte sich über die Stadt gelegt. Ein leichter Wind drückte den Rauch aus den Kaminen auf den Dächern der Häuser nach Westen. Müde knabberte sie an einer Scheibe Toast. Die Nacht war zu kurz gewesen. Der Morgen kalt, aber sonnig. Sie ließ Torben schlafen. Leise kleidete sie sich an, zog die Wohnungstür hinter sich zu und stieg die Stufen im Treppenhaus hinab.
Der hoffentlich letzte Nachtfrost in diesem Frühjahr hatte die Scheiben ihres Wagens zufrieren lassen. Herabgerutschter Schneematsch war in dicken Klumpen an den Scheibenwischern angefroren. Sie ließ den Motor an und schaltete die Heckscheibenheizung und das Heizungsgebläse zum Entfrosten der Windschutzscheibe ein. Dann begann sie, mit einem kleinen Plastikschaber die Scheiben freizukratzen. Ohne Handschuhe. Die lagen oben in ihrer Wohnung auf der Garderobe. Nach wenigen Sekunden spürte sie ihre Fingerkuppen nicht mehr. Sie begann zu fluchen, hauchte auf ihre angefrorenen Finger und rieb ihre Hände aneinander. Grinsend ging ein gut gekleideter Mann mit Aktenkoffer an ihr vorbei.
‚Ja, lach du nur, du Depp‘, dachte sie wütend. Wenigstens kam sie ungehindert durch den Berufsverkehr. Eine freie Parklücke vor der Kriminaldirektion Trier besänftigte sie vollends.
‚Wegen welcher Nichtigkeiten man in Rage geraten kann‘, belächelte sie sich selbst.
Amüsiert stieg sie aus ihrem Wagen und warf die Tür zu. Mit einem kurzen Druck auf die Fernbedienung verriegelte sie ihn und überquerte den Parkplatz.
Plötzlich schoss ein dunkelgrauer Wagen heran und stoppte dicht neben ihr. Die Seitenscheibe auf der Fahrerseite wurde heruntergelassen. Hauptkommissar Kluges Gesicht erschien.
„Morgen. Die Dienstbesprechung wurde verschoben. Wir haben einen Einsatz. Steig ein.“
Noch während Kommissarin Bernard nach dem Sicherheitsgurt angelte, setzte ihr Kollege den schweren Audi kraftvoll zurück und fädelte sich in den morgendlichen Verkehr ein.
„Dein Mädchen aus der Fahndung, Rosalia Lemke, ich glaube, wir haben sie gefunden.“
Christine Bernard musterte das Profil ihres Kollegen. Sein Gesichtsausdruck passte nicht zu einer guten Nachricht.
„Wo?“
Sie fürchtete sich plötzlich vor der Antwort.
„Am Moselufer. Der Mantrailer von einem unserer Hundeführer hat sie gefunden.“
Ihr Magen zog sich zusammen. Sie biss sich auf die Unterlippe, nickte stumm und bekam feuchte Augen. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Schnell schaute sie aus dem Seitenfenster.
Diese Reaktion. Das würde nie vergehen. Und wenn doch, dann müsste sie ihren Beruf aufgeben. Abgestumpft, ohne Mitgefühl für die Menschen und deren Schicksale, wollte sie diesen Job nicht mehr ausüben. Ihre Empathie war ihr Treibstoff, der es ihr ermöglichte, jeden Tag Dienst für die Sicherheit dieser Menschen zu tun. Und wenn sie einige schon nicht vor dem Bösen beschützen konnte, dann wollte sie wenigstens die Täter stellen.
Jeder Polizeibeamte hoffte, nie in einem Fall ermitteln zu müssen, in dem ein Kind getötet wurde. Doch kaum einem Beamten blieb diese traurige Arbeit erspart. Irgendwann war es eben so weit. Nun war sie selbst also dran.
Langsam rollten sie mit ihrem Dienstwagen über den schma­len Uferweg. Hinter dem Kleinbus der Spuren­sicherung ließen sie ihn stehen und stiegen aus.
Das Gelände um den Fundort herum war abgesperrt. Nur wenige Schaulustige standen an diesem kalten Morgen hinter dem Flatterband. Ein Pressefotograf knipste seine Bilder mit großem Objektiv aus der Entfernung.
Der Anblick von Kinderleichen griff jeden Polizisten an. Die Bergung und der Abtransport dieser kleinen leblosen Körper gingen jedem an die Nerven. Auch einem Jörg Rottmann, der sich keinerlei Illusionen mehr darüber hingab, zu was Menschen fähig sein konnten.
Hauptkommissar Rottmann war bereits vor Ort und entsprechend gelaunt.
„Ja, was jetzt, Günther?“, schnauzte er den Leiter der Spurensicherung an. „Ist sie es nun oder ist sie es nicht?“
„Nun mal langsam, Jörg. Auch uns greift das hier an. Alter, Aussehen und Körpergröße stimmen überein. Mehr kann ich jetzt nicht sagen.“
„Ach, leck mich doch. Ich blase die Fahndung ab.“
Wütend stolperte Rottmann davon und stieg in seinen schwarzen Dienst-BMW.
Gefühle waren nicht sein Ding. Und gerade die waren soeben im Begriff ihn zu überwältigen. Also, was tun?
Zurückweisen. Verdrängen. Stärke demonstrieren! Obwohl er selbst am besten wusste, dass dies jeder der Kollegen als ein Indiz von Schwäche deuten würde. Deutung von Verhalten gehörte schließlich zur Grund­ausbildung eines jeden Polizisten.
Polizeihauptmeister Günther Hagemann beugte sich in der üppigen Uferbepflanzung über den gefrorenen Körper eines etwa achtjährigen Mädchens mit langen blonden Haaren und bedeckte ihn mit einer weißen Plastikfolie. In seinem Schutzanzug, mit den übergezogenen Handschuhen und einem zusätzlich angelegten Mundschutz, war er kaum zu erkennen. Aber jeder der an diesem Einsatz beteiligten Beamten erkannte den Chef der Spurensicherung schon an seiner Statur und seinem Auftreten.
Er war der Kleinste, aber er strahlte Autorität aus. Der Polizeihauptmeister und sein Team hatten die Aufgabe, erste Spuren zu sichern und zu verhindern, dass sie vor der Sicherung vernichtet, entfernt oder verfälscht wurden. Die Auffinde-Situation musste exakt dokumentiert werden.
Spurentafeln wurden aufgestellt und Maßstäbe wurden angelegt. Alles wurde fotografiert. Kleinteile in Tüten verpackt. Fasern aufgenommen und Fußabdrücke mit Gips ausgegossen, wenn es welche gab.
Am liebsten hätte Günther Hagemann diesen Fundort aus der Landschaft herausgestochen und mit in sein Labor genommen. Denn dieser Morgen hatte es in sich. Schwierige Witterungsbedingungen erschwerten ihm und seinem Team die Arbeit. Der Nachtfrost sichert zwar grobe Spuren wie Fußabdrücke und Reifenspuren im weichen Boden, aber das Tauwasser durch die ansteigende Temperatur nach Sonnenaufgang kann feine Spuren wie Speichelreste oder Fingerabdrücke vernichten oder Haare und feinste Fasern fortschwemmen.
Polizeihauptmeister Hagemann winkte Christine Bernard und Torsten Kluge heran. Beide folgten einem abgesteckten Trampelpfad bis zur Leiche. Ihr Kollege zog zwei Mundschutze aus seinem Koffer.
„Nicht über der Leiche sprechen. Hier, setzt die auf.“
Natürlich kannte jeder Kriminalbeamte die Vorschriften am Fundort einer Leiche. Aber Günther Hagemann wurde nicht müde, immer wieder daran zu erinnern.
Dann bückte er sich und schlug die längliche weiße Folie an einem Ende um, mit der er die Kinderleiche abgedeckt hatte.
Ein kleines mit Reif bedecktes Gesicht kam zum Vor­schein. Die Augen waren geschlossen. Doch der Vergleich mit Rosalia Lemkes Foto bestätigte ihre schlimmsten Befürch­tungen. Die Ähnlichkeit war unübersehbar.
Ein leichter Windstoß hob die Folie ein Stück an und entblößte für einen Augenblick den Oberkörper des Kindes. Christine Bernard erschrak.
„Sie wurde unbekleidet hier abgelegt?“, entfuhr es ihr.
„Ja“, antwortete Günther Hagemann knapp.
So sehr es sich Kommissarin Bernard auch anders gewünscht hätte, aber dieses Mädchen dort war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Margit Lemkes Tochter.
Tränen verschleierten ihr den Blick. Hastig wischte sie sie fort.
„Ist nur die kalte Luft.“
Günther Hagemann nickte beinahe väterlich.
Kommissarin Bernard warf einen letzten Blick in das hübsche Kindergesicht. Der Anblick war schrecklich und doch hatte dieses tote Gesicht einen ganz eigenen, einen letzten Zauber. Die Haut schimmerte matt in verschiedenen Grautönen und verlieh eine schlichte Würde. Dunkelgraue Lippen. Eiskristalle hatten sich auf allen Haaren gebildet. Auf den Augenbrauen und an den Wimpern sahen sie aus wie Puderzucker. Mit geschlossenen Augen...


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