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Der Betroffenheitskult: Eine politische Sittengeschichte Kindle Edition
Früher wollten Politiker handeln und entscheiden, heute wollen sie allem Anschein nach nur noch etwas emotionale Betroffenheit zeigen. Eine Arbeitseinstellung, die im vereinten Deutschland, in dem wachsende wirtschaftliche Probleme einen Abschied von der Schönwetterdemokratie verlangen, keine Anerkennung mehr unter der Bevölkerung findet. Cora Stephan plädiert für einen Rückgriff auf alte Tugenden wie Pflicht und Verantwortung und eine strikte Trennung von Privatem und Politik.
- LanguageGerman
- PublisherEdel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
- Publication date20 Sept. 2013
- File size1832 KB
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Product details
- ASIN : B00FGRAM6O
- Publisher : Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe; 1st edition (20 Sept. 2013)
- Language : German
- File size : 1832 KB
- Text-to-Speech : Enabled
- Screen Reader : Supported
- Enhanced typesetting : Enabled
- X-Ray : Not Enabled
- Word Wise : Not Enabled
- Sticky notes : On Kindle Scribe
- Print length : 225 pages
- Best Sellers Rank: 416,105 in Kindle Store (See Top 100 in Kindle Store)
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Damit hat sie nach dem Urteilsspruch der intellektuellen medialen Öffentlichkeit das Recht verwirkt, gehört und ernstgenommen zu werden. Wie einst Eva Herman, die vom antifaschistischen Tugendwächter Johannes B. Kerner aus der laufenden Sendung entfernt wurde, weil sie sich zu positiv über Mutterschaft geäußert hatte oder wie Philipp Jenninger, der als Bundestagspräsident in seiner Rede zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome den erwarteten Betroffenheitston unsensibel verfehlt hatte und sein Amt quittieren musste.
Wie lautet ihre Diagnose, was ist ihr Anliegen ? Es geht ihr um die Betrachtung einer von ihr so beschriebenen zunehmenden Subjektivierung und Moralisierung politischer und sozialer Fragen in der politischen und öffentlichen Diskussion, die die früheren Gepflogenheiten zu objektivieren, pragmatisch abzuwägen, eine Trennung zwischen Privatem und Politischem aufrecht zu erhalten und eine verantwortungsethische Perspektive im Zweifelsfall einer gesinnungsethischen vorzuziehen, weitgehend hinter sich gelassen habe. Das ist nicht die Marotte einer enttäuschten, ehemals geschätzten Journalistin, sondern immerhin ein wichtiges Thema in der politischen Philosophie. „After Virtue. A Study in Moral Theory“ ist ein viel beachtetes Standardwerk des schottisch-amerikanischen Philosophen Alasdair McIntyre aus den achtziger Jahren. Für die von Cora Stephan gemeinte neue Erscheinungsform öffentlicher Meinung und politischer Selbstdarstellung hat er den Begriff „Emotivismus“ geprägt. Stephans Buch ist 2013 erschienen, also zwei Jahre vor der „Flüchtlingskrise“ und „Willkommenskultur“ und sieben oder acht Jahre vor der pandemischen „Corona-Krise“. Mit Blick darauf müsste sich die Autorin die Augen reiben und sich erneut bestätigt fühlen. Was Stephan in der Nachkriegsgeschichte und beschleunigt seit der 68er-Studentenrevolte und ihrem kulturellem Shift sehr differenziert und materialreich festhält, ist mittlerweile eskaliert und überdeutlich geworden. Keine Talkrunde, keine Nachrichtensendung oder Zeitung ohne extensive Defizitbeschreibungen und die neue Identifizierung von „Leidtragenden“. Während in Zeitungen und TV-Medien ein alarmistischer Bußpredigerton („wie kann es sei, dass in einem reichen Land wie Deutschland…“) vorherrscht, versuchen die Politiker sich an ähnlichen, wenn auch nicht so krass skandalisierenden Diagnosen. Aber sie signalisieren Zustimmung und die unbedingte Entschlossenheit, hier organisatorisch und gesetzgeberisch Abhilfe zu schaffen, Beteiligung, Inklusion, soziale Gerechtigkeit, Prophylaxe ( Frühwarnsystem) zu schaffen.
Wenn man die Zeitungen und Rundfunkkommentare zur Kenntnis nimmt, so eröffnen sie ein fast nicht mehr überschaubare Vielfalt von Brennpunkten. Überall herrscht dringender Handlungsbedarf. Die Ungleichbezahlung von Männern und Frauen ist mit Recht immer noch ein Thema und es ist wirklich schwer zu begreifen, warum jahrzehntelange Berichterstattung und Gewerkschaftsarbeit daran fast nichts geändert haben. Neuer sind aber andere Themen: Altersarmut, steigende Arbeitslosigkeit durch die Corona-Krise, stockende Ausgleichszahlungen, einsames Sterben der Alten, Versündigung an Kindern und Frauen. Kinder haben keine Lobby, sind zu Computerspielen und Hausarrest verdonnert. Ihre Sozialisation ist blockiert. Der Entwicklungsstand um Monate oder Jahre zurück. Einige „Experten“ sind sich sicher, dass er nicht mehr aufgeholt werden kann. Frauen tragen den größten Teil der Corona-Last durch Mehrfachbeanspruchung und Kinderarbeit. Beruflich und emanzipatorisch wirft sie das um Jahre zurück – liest man. Obendrein erfahren sie in Coronazeiten vermehrt Gewalt und Demütigung aller Art. Gleichzeitig haben wir Integrations-, Migrations- und Rassismusprobleme und kein ausreichendes Gender-Mainstreaming. Die Spezialeinsatzkräfte, die uns eventuell vor islamistischem Terrorismus schützen sollen, kommen meist nicht aus dem links-autonomen Lager, sondern sind nationalistisch verseucht und zu AfD-nah. Die Polizei hat nach Meinung der halben SPD-Vorsitzenden Esken ohnehin ein Rassismusproblem und die Bundeswehsoldaten sollen zwar in Afghanistan eine Aufgabe erfüllen, deren Beschreibung sich schwierig gestalten würde, aber dabei mit möglichst wenig Waffen auskommen und keinesfalls mit bewaffneten Drohnen hantieren, denn das widerspricht dem Friedensethos des Koalitionspartners.
Pflege der Diversität in Einrichtungen und Unternehmen, Etablierung geschlechtergerechter Sprache, Aufarbeitung kolonialer Geschichte und Durchsicht von Lernmaterialien und kanonischen Texten zwecks Aussonderung oder Warnkennzeichnung sind weitere Themen, die sich fortsetzen ließen.
All das waren, als Stephan ihr Buch schrieb und ihre Betroffenheitsdiagnose stellte, noch keine so brisanten Themen. Offensichtlich hatte die Autorin hellseherische Qualitäten. Denn in der guten alten Zeit von 2013 hat sie erahnt, was auf uns zukommt. Sie zeichnet oft witzig, manchmal sarkastisch die Entwicklung seit der 68er-Kulturrevolution nach, der sie sich selbstkritisch in ihrer Erinnerung zuordnet. Schon die Originalzitate sind lohnend. Cohn-Bendit: „ Wenn man sich heute Filme von 68 anschaut, die Reden anhört, dann ist das eine Katastrophe. Es tut richtig weh“. Matratze ohne Bettgestell und Apfelsinenkisten als Bücherregal ( inzwischen in den Möbelhäusern angekommen) , Türblatt auf zwei Böcken als Schreibtisch – wäre alles lustig und harmlos. Steht aber auch für einen ideologischen Überbau, der damals grundgelegt wurde und inzwischen Mittelklassemainstream geworden ist. Das Privateste ist politisch. Selbstverleugnende Pflicht, unbedingter Leistungswille, ideologieferner Pragmatismus sind Sekundärtugenden, mit denen man auch ein KZ betreiben kann. Alles hängt mit allem zusammen – strukturell eben bzw. systemisch. Ein Terror des Zusammenhanges. Marx und zumindest die frühe Sozialdemokratie haben die historische Aufgabe des Kapitalismus, die bürgerliche Gesellschaft zu zerreißen und zu überwinden bejaht, ihr nicht nachgetrauert und auf die Vergesellschaftung in einer noch unscharfen Moderne gesetzt. Die neuen Fortschrittlichen setzen auf die Entmachtung der weißen, alten, gebildeten Männer, auf Antifaschismus und Antikapitalismus und seine enge Beziehung, die (gescheiterte) Verhinderung der deutschen Einheit (Günther Grass und Habermas) , weil ein vereinigtes Deutschland unweigerlich nationalistisch entgleisen wird und zur europäischen Gefahr, auf einseitige Abrüstung und die weitere Sakralisierung der historisch einmaligen deutschen Schuld, die es uns erlaubt, sich weiter an eine nationale Grandiositätsphantasie zu klammern, nicht der Macht, sondern der Tugend und moralischen Makellosigkeit.
Ein sozialer Fundamentalismus im Großen wie im Kleinen. Das „Zurückwachsen“ der Politik in die Gesellschaft (Enzensberger) bedeutet die Aufhebung der Trennung von Staat und Privatheit. Alles ist politisch und alle individuellen Notlagen und sozialen Ungleichgewichte sind staatlicher Obhut anzuvertrauen. Auch in unserem seines gleichen suchenden sozialen Netz werden ständig neue Defizite ermittelt, die bisher diskriminierend missachtet worden sind. Es braucht mehr Sensibilität und die geeigneten Strukturen. Andere Länder (wer? ) sind uns oft meilenweit voraus.
Was im individuellen schon klarer ist, dass man sich nicht nur von seinen Fehlern und Unzulänglichkeiten her definieren sollte und in ihrer Verbesserung erschöpfen, sollte vielleicht auch im Makroskopsich-Gesellschaftlichen gelten und nicht nur entlastend sondern auch effektiver und motivierender sein. Ein bisschen mehr Obama und etwas weniger Steinmeier täte uns schon gut.
Leider ist das Buch vergriffen.





