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Am Beispiel meines Bruders Gebundene Ausgabe – 15. August 2003

4.2 von 5 Sternen 70 Kundenrezensionen

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-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch.

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In Toni Morrisons Roman Menschenkind geistert ein Opfer der Sklaverei noch Jahre später am Ort des Geschehens herum. Auch Uwe Timms älterer Bruder spukt Jahrzehnte nach seinem Tod durch dessen Träume. Nur, dass er zu den Tätern zählt -- anfänglich.

Als Angehöriger der SS-Totenkopf-Division verliert Karl-Heinz auf dem Russland-Feldzug zuerst beide Beine, dann das Leben. Durch das trauernde Nicht-Vegessen-Wollen der Mutter und das zornige Nicht-Vergessen-Können des Vaters wird er für den 1940 geborenen Autor zur mythischen Figur, ist "abwesend und doch anwesend". Als Eltern und Schwester nicht mehr leben, kann er endlich auch darüber schreiben.

Mithilfe der Feldpostbriefe und seiner Erinnerung an die Erinnerungen der Eltern nähert er sich dem fremden Bruder. Dessen Kriegsnotizen "verraten weder den Überzeugungstäter noch aufkeimenden Widerstand", deuten nur an, wie Ganz normale Männer allmählich zu Mordmaschinen werden: "75 m raucht Iwan Zigaretten, ein gefundenes Fressen für mein MG." Timm rechnet mit dem Schlimmsten: Meint "Läusejagd" wirklich nur eine hygienische Maßnahme?!

Eigene Erinnerungen rahmen das Suchbild ein: Nazi-Größen müssen 1945 plötzlich die Straße fegen; der Vater stürzt sich, wie seine gekränkte und kranke Generation, in den "lärmenden Wiederaufbau"; die 74-jährige Mutter reist auf den Spuren des Sohnes in die Ukraine. Timm versucht zu urteilen, ohne zu verdammen, und wittert stets "die Gefahr, glättend zu erzählen".

Ebenso behutsam wie schonungslos legt er menschliche Abgründe offen, bringt deutsche Befindlichkeiten in schlichte Sätze, die nachklingen: "Die Erziehung zur Tapferkeit... führte zu einer zivilen Ängstlichkeit." Oder: "Erst wenn etwas zur Sprache kommt, kann sich auch Widerspruch bilden."

Ein Altachtundsechziger rekapituliert am Beispiel seines Bruders Geschichte im Kleinen und Großen, mehr wehmütig als wütend. Wo er das Schreiben als "Notwehr" begreift, hat es dem Älteren irgendwann die Sprache verschlagen: "Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich es für unsinnig halte, über so grausame Dinge, wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen." --Patrick Fischer

Pressestimmen

»Eine ebenso dichte wie aussagekräftige Familiengeschichte« (Jochen Hörisch, Neue Zürcher Zeitung)

»Ein künftiger Klassiker seines Genres [...] Nüchterner und liebevoller, zarter und unerbittlicher ist über die deutsche Vergangenheit selten geschrieben worden.« (Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

»Ein größere Harmonie zwischen der Nähe subjektiv-identifikatorischer Aneignung und der Distanz historischer Beurteilung, mithin Poesie und Aufklärung ist kaum denkbar.« (Ursula März, Die Zeit)

»Ein kluges, berührendes Buch.« (Gudrun Norbisrath, Westdeutsche Allgemeine Zeitung)

»Die Jungen sollten es lesen, um zu lernen, die Alten, um sich zu erinnern, und alle, weil es gute Literatur ist.« (Elke Heidenreich)

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Kundenrezensionen

Top-Kundenrezensionen

Format: Taschenbuch
Uwe Timm hat gerade sein Erinnerungsbuch an Benno Ohnesorg veröffentlicht, dass mich sehr beeindruckt und begeistert hat. Nun habe ich sein Erinnerungsbuch an den Bruder gelesen,
mit dem Uwe Timm bereits vor längerer Zeit eine große Leserschaft erreicht hat. Wer noch keines seiner Bücher gelesen hat, sollte vielleicht mit "Am Beispiel meines Bruders" beginnen, denn auch hier erzählt Uwe Timm sehr persönlich aber immer diskret von seiner Familie und seinen Prägungen!
Wer war der "große" Bruder, der 1943 in Russland fiel, nachdem er im Lazarett unmenschliche Qualen erlitten hatte? Wie hat diese Abwesenheit ihn und seine Familie geprägt? Das sind die zentralen Fragen um die sich dieses schmale, gleichsam gewichtige Buch dreht.
Uwe Timm erzählt von seinen Eltern, dem Pioniergeist der Nachkriegszeit von dem auch die Timms beseelt sind, die sich eine vielversprechende, aber doch zum Scheitern verurteilte Existenz als Kürschner aufbauen. Uwe versucht, in die Fußstapfen des toten Bruders zu treten, lernt - ungern - ebenfalls das Kürschnerhandwerk.
In vielen - manchmal durch Kleinigkeiten ausgelösten - Erinnerungsfragmenten lässt Uwe Timm den Leser an seiner eigenen Geschichte teilhaben, die einzigartig und dennoch repräsentativ ist für diese Generation.
Ein schönes, niemals anklagendes Buch, dass allen Beteiligten versucht gerecht zu werden ohne jemals in eine unkritische Verteidigungshaltung zu rutschen! Ein grandios erzähltes und versöhnliches Buch!
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Von Helga König #1 HALL OF FAME REZENSENTTOP 500 REZENSENT am 14. Oktober 2003
Format: Gebundene Ausgabe
In seinem neuen Buch befasst sich Uwe Timm ( Jahrgang 1940 ) mit seiner Herkunftsfamilie. Eindringlich hinterfragt er das Denken und Handeln seines um viele Jahre älteren Bruders, der Mitglied der SS-Totenkopfdivision war und reflektiert am Beispiel seines Vaters " die kranke Generation , die ihr Trauma " ( nicht länger als Herrenmenschen gesehen zu werden) " im Wiederaufbau verdrängten."
Ausschlaggebend für das Buch waren, laut Timm , die Tagebuchaufzeichnungen und Feldbriefe seines Bruders, die dieser aus der Ukraine schrieb und in denen er " geschliffen " und enthumanisiert durch seine " SS-Elite"-Ausbildung, monoton den Kriegsalltag schildert, ohne sich dabei in Details zu verstricken. Sein konkretes Tun bleibt nebulös!
Uwe Timm, der sich intensiv mit den Machenschaften der Soldaten in Russland und der Ukraine befasst hat, weiß um den Massenmord in Babij Jar, einer Schlucht in der Nähe von Kiew. Dort wurden 33 771 Juden seitens eines Sonderkommandos eines deutschen Polizei-Regimentes exekutiert. Zu welchen Handlungen war sein Bruder fähig?
Timms Bruder starb, aufgrund seiner schweren Kriegsverletzungen , im Jahre 1943 und wurde irgendwo in der Nähe von Minsk beerdigt. Sein Tagebuch endet mit dem Hinweis, dass er es " für unsinnig halte, über so grausame Dinge, wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen."
Die Elterngenerationen verdrängte nach dem Ende der Nazi-Zeit die Gräueltaten, welche seitens der Deutschen, während des 2.Weltkrieges, begangen worden waren und schwieg. Der Autor analysiert Verstocktheit und Trotz, aufgrund politischer und mentalitätsmäßiger Entmachtung.
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Format: Gebundene Ausgabe
Der 19-jährige Karl Heinz Timm aus Hamburg stirbt nach schwerer Kriegsverletzung, die zur Amputation beider Beine führt, 1943 in einem ukrainischen Lazarett. Er hatte sich freiwillig zur Waffen - SS gemeldet und wurde mit einer Eliteeinheit an die Ostfront versetzt. 60 Jahre später spürt sein "kleiner" Bruder diesem viel zu früh erloschenen Leben nach. Eine Feldtagebuch über die Zeit von Februar bis Oktober 1943 wirft viele Fragen auf. Warum ging der Bruder freiwillig zur SS ? Wie hielt er es mit der Verpflichtung zum Töten ? Inwieweit machte er sich schuldig ?
Da weder die knappen, sich auf harte Kriegsfakten beschränkenden Tagebucheintragungen noch die Archive über seine Einheit viel hergeben, bleiben die Antworten des Autoren auf diese Fragen lückenhaft. Erst mit Hilfe der Erinnerung an Erzählungen der Eltern und der Schwester gelingt es Uwe Timm, ein Bild des 16 Jahre älteren Bruders entstehen zu lassen. Das Nachdenken über den Bruder läßt den Autor nach Prägungen, Werten und Erziehungszielen in seiner engsten Umgebung fragen. Unleugbar haben familiäre Liebe, Nähe und Respekt unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Zivilisationsbruches auch die eigene Biographie beeinflußt.
Der gut gewählte Titel des 159 seitigen Buches paßt. Vordergründig geht es um den Bruder. Gleichzeitig ist es ein gelungenes, teilweise auch kritisches Portrait der eigenen Familie, des begabten, wenngleich später doch scheiternden Vaters und der zähen, vom Autor bewunderten Mutter. Es ist auch eine Beschreibung von Menschen in Hamburg und ihr Verhalten in der Nachkriegszeit. Uwe Timm greift in sehr persönlichem Umfeld eine Thematik auf, die er bereits exzellent in seinem früheren Werk "Die Entdeckung der Currywurst" behandelt hat. Ein kluges empfehlenswertes Buch, das viele Menschen bei aller Unterhaltung zu Recht nachdenklich machen wird.
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