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am 17. Januar 2009
Leverkühns Zwölfton-Gulasch

Der Enkel des großen Komponisten und Präsidenten des Holocaust-Museums in Los Angeles E. Randol Schoenberg brachte jetzt den Briefwechsel zwischen Arnold Schönberg und Thomas Mann heraus nebst Tagebuchaufzeichnungen. In dem Buch werden erstmals die Hintergründe der Entstehung des "Faustus"-Romans öffentlich. Arnold Schönberg, Thomas Mann, Theodor Adorno, Alma Mahler-Werfel und viele andere spielten mit bei der Affäre "Dr. Faustus", Manns Roman über das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn. Die fiktive Biografie, für die Mann Anleihen bei Nietzsches Leben nahm und damit die Musik Schönbergs verquickte, löste einen heftigen Konflikt zwischen Schönberg und dem Schriftsteller aus. Schönberg glaubte sich beleidigt und herabgesetzt durch das Werk.

Alma Mahler-Werfel, die auch in einigen anderen Intrigen deutscher Geistes- und Kunstgeschichte eine fragwürdige Rolle spielte, legte ihm das nahe. Er selbst hatte den Roman nicht gelesen, als er ihn erstmals kritisierte -' er hatte ein Augenleiden, als er Ende 1947 erschien. Aber auch Thomas Mann äußerte bereits in einem Brief an Agnes Meyer, Jahre vor Erscheinen des Buchs das Gefühl: "Schönberg wird mir die Freundschaft kündigen." So kam es denn auch Anfang 1948, Schönberg ließ über Alma Mahler-Werfel dem Nachbarn im kalifornischen Exil ausrichten, er bestehe darauf, dass in den Roman künftig eine Notiz eingerückt werde, die ihn als Erfinder der Zwölf-TonKompositionsmethode ausdrücklich nenne. Sonst sei sein Ruhm gefährdet und man schreibe in 100 Jahren deren Erfindung womöglich einem Musiktheoretiker namens Thomas Mann zu.

Im Exil, wohin beide vor Hitler geflohen waren, führten die Nachbarn völlig unterschiedliche Existenzen: Schönberg, das Genie, blieb ohne Resonanz und Bekanntheit, während Mann der einflussreiche, vermögende und weltberühmte Schriftsteller war. Dazu kam, dass Schönberg erst nach Erscheinen des Romans erfuhr, dass einer seiner ehemaligen Schüler, Theodor Wiesengrund Adorno, den Romancier beraten hatte und dass dessen "Philosophie der neuen Musik", die Schönberg scharf ablehnte, dabei Verwendung fand. Der Briefwechsel enthält böse, scharfe Worte des Abscheus gegenüber Adorno. Schönberg verachtete ihn, hielt ihn für einen Schmock, der einen aufgeblasenen "Quatsch-Jargon" pflege.

Schönberg witterte in dem Roman einen Racheakt Adornos. Diesen Verdacht äußert er in einem Brief an Kurt List: "Wiesengrunds Attacke ist ein Racheakt. Ich habe ihn einmal, als mir die Nerven rissen, lächerlich gemacht, und obwohl ich mich ausführlich entschuldigt habe, hat er mir das anscheinend nicht verziehen." Thomas Mann wies den Verdacht, er könnte von Adorno instrumentalisiert worden sein, weit von sich: " Sie schlagen los auf einen Popanz Ihrer Phantasie, der nicht ich bin. (...) Wollen Sie durchaus mein Feind sein' es wird Ihnen nicht gelingen, mich zu dem Ihren zu machen. "

Im Grunde ist der Konflikt bis heute nicht zu klären, so aufschlussreich und interessant das Material auch sein mag. Schönberg schrieb polemisch noch zwei Jahre nach Erscheinen des Romans in einem bisher unveröffentlichten Dokument: "Ich bin bereit, alles zu vergessen, was Mann sich von mir geliehen hat, um seinen Helden zu adornen." Mit Leverkühn will er nicht verwechselt werden. Er sei nicht geistesgestört und habe auch nie dessen Krankheit Syphilis gehabt. Mit der im Roman konstruierten apokalyptischen Vision möchte er sein Komponieren nicht in Verbindung gebracht sehen. Die geschichtsphilosophische Konstruktion schreibt er Adorno zu. Mittlerweile scheint er auch den Roman gelesen zu haben, denn er lässt kein gutes Haar an ihm. Er nennt das Kapitel, das auf seine Musik reflektiert "das Zwölf-Ton-Gulasch von Leverkühn": "Leverkühn ist ein Überrest der Zeiten Wagners letzter Jahre (...) Es ist erstaunlich, dass dieser obsolete Charakter in unserer Zeit erscheinen konnte. All seine Neigungen sind irgendwie atavistisch."

Man erkennt hier nicht nur die Gekränktheit Schönbergs, sondern auch das sehr unterschiedliche Empfinden der beiden Künstler in der eigenen Epoche. Während Mann das 19. Jahrhundert mit seinem parodistisch-ironischen Sprachspiel verlängert, erkennt Schönberg einen Bruch der geschichtlichen Gezeiten, der ihn mit Igor Strawinsky, keineswegs aber mit Wagner verbindet. Die Kunst des Thomas Mann, sorgsam zu verbergen, was er von anderen Leuten hält, ist indes enorm. Er baut kunstvolle Fassaden der Höflichkeit und des Zuvorkommens auf, nennt Schönberg einen Meister, scheint voller Verehrung für ihn. Was er wirklich von ihm hält, lässt er kurz angebunden dann im Tagebuch heraus: "Die verklärte Nacht von Schönberg ist sehr klangschön, aber zu lang, zu formlos, oft gar zu tristanisch und zu substanzarm".

Nie würde er das offen sagen, denn er ist ja nicht vom Fach. In der Musik ist er bei der Spätromantik stehen geblieben, wie er freimütig und nicht ohne Koketterie bekennt. Doch das ist für ihn kein Grund, nicht fröhlich vom Leder zu ziehen, wenn ihm nach Attacke zumute ist. Ein ähnlich doppeldeutiges Spiel treibt er, wenn er überrascht tut, weil Schönberg sich beschwert darüber, dass er seine Kompositionsmethode einem Romanhelden zuschreibt, wo er doch selbst damit nicht fest genug im Sattel sitze. Schönberg misstraut den Mann'schen Beschwichtigungsformeln.

Auch der "Roman eines Romans", in dem Thomas Mann die Entstehungsgeschichte des "Doktor Faustus" behandelt, schafft nur neuen Argwohn. Schönberg wittert jetzt überall Falschheit und Intrige: "Wäre er so würdevoll, wie sein Brief den Eindruck erwecken will, hätte er zitiert, was er wirklich geschrieben hat, und nicht diese ,altfränkische Feinheit' in Babysprache, durch die er die Wahrheit ersetzt. (..) Er wollte mich herabsetzen. Ein zeitgenössischer Komponist ist unter uns Deutschen eine Bezeichnung, die ein Historiker vielleicht verwendet, wenn er von einem Künstler spricht, der seine Zeit nicht überleben konnte."

Das Tischtuch ist zerschnitten. Ein denkwürdiges Kapitel deutscher Musik- und Geistesgeschichte.

''Apropos Doktor Faustus. Der Briefwechsel Arnold Schönberg ' Thomas Mann 1930'1951. Herausgegeben von E. Randol Schoenberg. Czernin Verlag, Wien 2008. 397 Seiten, 27 Euro.
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