Zugegeben: Ich bin ein Kopfhörer-Nerd und besitze bereits viele aktuelle Bluetooth-Kopfhörer (schade, dass man nur einen Kopf mit einem Paar Ohren hat): Beyerdynamic Amiron Wireless, Beyerdynamic Lagoon ANC, Bose QuietComfort 35 II und Soundcore Q35 (diverse TWS-Ohrstöpsel, die auch erstaunlich gut sind, lasse ich hierbei mal weg und konzentriere mich auf die Over-Ears). Nun konnte ich dem Amazon-Angebot nicht mehr widerstehen, so dass nun auch noch der Sony WH-1000XM4 (in der sehr schicken Farbe Midnight-Blue) hinzugekommen ist. Mein erster Sony-Kopfhörer überhaupt!
Wer sich für Bluetooth-Kopfhörer interessiert, wird die oben genannten Konkurrenz-Modelle zumindest dem Namen nach alle kennen und auch wissen, dass sie eine enorme Preisspanne (von ca. 80 bis 550 Euro) abdecken und unterschiedlich ausgestattet sind. Ich will hier keinen vollständigen Vergleich durchführen, aber zur subjektiven Einordnung des Sonys taugt die Sammlung dann doch irgendwie ganz gut. Wer übrigens zu Bose, Soundcore und Lagoon ANC detailliertere Betrachtungen wünscht, kann sich gern meine diesbezüglichen Rezensionen ansehen.
Grundsätzliches zu den Codecs:
- LDAC ist der modernste Codec (bis zu 990 kBit/s, 24 bit, 96 kHz), bietet also theoretisch die beste Soundqualität. Eine Vielzahl neuerer Android-Smartphones unterstützt ihn, Apples iOS jedoch nicht.
- Ebenfalls hohes Qualitätspotential bieten aptX-HD (bis zu 576 kbit/s, 24 Bit, 48 kHz), aptX-LL (mit Schwerpunkt auf geringe Latenz) und aptX (bis zu 384 kbit/s, 16 Bit, 48 kHz). Android-Handys mit Qualcomm-Chips unterstützen i.d.R. aptX (oft aber nicht die HD- oder LL-Variante), Apple wiederum nicht.
- AAC ist in der Theorie (mit bis zu 320 kBit/s, 24 Bit, 96 kHz) ein hervorragender Codec, aber nur auf Apple-Geräten auch sehr gut eingebunden und auf diesen daher der Codec der Wahl. Auf Android-Geräten schwankt die erreichbare Qualität je nach Implementierung und Zielprioritäten der Hersteller. Im Extremfall kann AAC eine schlechtere Qualität als SBC abliefern. Meinem Samsung Galaxy A52 5G würde ich jedoch eine mindestens gute Performance mit AAC bescheinigen.
- SBC ist der "Methusalem" unter den Bluetooth-Codecs (bis zu 328 kbit/s, 16 Bit, 48 kHz). Gut: Jedes Gerät mit A2DP-Profil unterstützt ihn. Schlecht: Er leidet unter diversen Problemen, und die Qualität schwankt extrem (wie bei AAC auf Android), abhängig von der Implementierung. Im Regelfall ist einer der anderen Codecs zu bevorzugen.
- Grundsätzlich ist das Thema "Bluetooth-Codecs" komplexer, als ich es hier mit wenigen Worten darstellen kann. Bei Interesse findet man dazu interessante Artikel im Netz.
- In der Praxis fällt es zumindest "Normalhörern" sehr oft schwer, überhaupt einen Unterschied zwischen den Codecs auszumachen. Das setzt nämlich einen hochwertigen Kopfhörer sowie hochwertig produziertes und codiertes Musikmaterial voraus. Wer jedoch nicht "normal" hört, weil er z.B. (wissentlich oder unwissentlich) einen "Gehörfehler" hat, kann häufig die Kompressionsartefakte der Codecs als störend wahrnehmen, so dass er von höherwertigen Codecs (mit höherer Bitrate oder höherem Rechenaufwand) besonders profitiert.
Hier mal in Kürze die Ausstattungs-Highlights der einzelnen Hörer (die Standard-Bluetooth-Codecs SBC und AAC werden von allen Hörern unterstützt und sind daher nicht aufgeführt):
- Amiron: aptX, aptX-HD, aptX-LL, individuelle Einmessung über App (aber kein ANC).
- Lagoon: aptX, individuelle Einmessung über App, ANC.
- Bose: ANC (sonst keine besonderen Features).
- Sony: LDAC, ANC, Transparenzmodus.
- Soundcore: LDAC, ANC, Transparenzmodus.
So, betrachten wir den Sony WH-1000XM4 erst mal weitgehend solo:
Der erste Eindruck ist hervorragend.
Die Qualitätsanmutung entspricht der gehobenen Preisklasse.
Das Material fühlt sich hochwertig und stabil an.
Der Sitz auf dem Kopf ist sehr bequem (dem Bose gleichrangig, würde ich sagen), und das auch über längere Zeit. Kein Problem mit Brille. Auch für größere Köpfe geeignet (ich habe 60 cm Kopfdurchmesser und habe auf jeder Bügelseite noch eine Stufe Reserve).
Die Bedienung per Touch klappt auf Anhieb intuitiv und problemlos.
Der Klang ist "out of the box", d.h. auch ohne individuelle Einmessung (die hier ja eh nicht zur Verfügung steht) und ohne Equalizer-Einstellungen, mit jeder Musikrichtung hervorragend. Klar und lebendig, ohne in den Höhen oder im Bass zu aufdringlich zu werden. Tolle Stimmwiedergabe. Für einen geschlossenen Kopfhörer gute räumliche Abbildung. Lediglich bei sehr komplexer Musik scheint der Sony hier und da mal etwas den Überblick zu verlieren, so dass es leicht "breiig" werden kann. Das habe ich bei anderen Kopfhörern schon besser gehört, aber zugegebenermaßen waren die auch in einer deutlich höheren Preisklasse angesiedelt, so dass das Jammern auf hohem Niveau ist.
Eine leicht "spaßige" Grundabstimmung ist sicher nicht von der Hand zu weisen, vor allem die Tiefen sind recht deutlich betont. Aber das ist okay, da eine solche Abstimmung den Präferenzen der meisten Menschen entgegenkommt. "Dunkel" oder gar "dumpf", wie manche meinen, finde ich den XM4 deswegen aber nicht. Und das sage ich als jemand, der mit dem "Beyerdynamic-Peak" (Höhenbetonung um 8 kHz herum) aufgewachsen ist. Aber egal: Wer meint, kann aber per Equalizer nachsteuern. Das Gute am XM4 ist, dass dieser dann trotzdem im LDAC-Modus bleibt (der Vorgänger XM3 fiel auf AAC oder gar SBC zurück).
Der Amiron sticht den Sony zwar klanglich noch aus (alles andere wäre bei dem knapp doppelt so hohen Preis auch peinlich für Beyerdynamic), aber viel Abstand ist da, ehrlich gesagt, nicht. Dem Sony fehlt jeweils ein Quäntchen Detailauflösung, Räumlichkeit und Präzision im Bass, um mit dem Amiron gleichziehen zu können. Das ist aber wieder Jammern auf hohem Niveau.
Das ANC des Sony ist jedenfalls Weltklasse! Wird die adaptive Geräuschunterdrückung eingeschaltet, ist Ruhe im Bau. Ich meine zwar, ohne Musik noch ein minimales Rauschen wahrzunehmen, aber das kann genauso gut Einbildung oder mein eigenes Blut sein... Wirklich faszinierend! Die Geräuschunterdrückung bekommt definitiv keiner der hier betrachteten Konkurrenten so gut hin.
Und dann dieser Transparenzmodus: Anfangs habe ich ihn als Spielerei abgetan, aber hey, dieses Feature ist schon nützlich: Einfach die ganze Hand über die rechte Ohrmuschel legen, und ohne große Verzögerung wird der Musikpegel auf ein Minimum heruntergefahren und der Hörer macht alle Mikrofone auf, so dass man gut wahrnimmt, was "draußen" vor sich geht. Hand wieder weg, schon wird der Transparenzmodus wieder abgeschaltet und der Musikpegel wieder angehoben. Zusätzlich aktiviert sich der Transparenzmodus auf Wunsch auch dann, wenn man anfängt zu sprechen (hierbei stoppt die Musik sogar ganz). Funktioniert wirklich überraschend gut. Okay, wer gern mitsingt, der schaltet diese Option besser ab (dann ist man wohl ohnehin allein und braucht sie auch nicht), aber ansonsten ist sie echt zu gebrauchen.
Die passende Sony-App namens "Headphones" erscheint anfangs etwas unübersichtlich, das gibt sich aber schnell. Funktionieren tut sie jedenfalls tadellos (zumindest bei mir auf einem Samsung Galaxy A52 5G mit Android 11).
Die Ohrmuscheln lassen sich drehen und einklappen, so dass ein ähnlich kleines Packmaß wie bei den meisten anderen Kandidaten entsteht (der Amiron fällt hier aus der Reihe). Die Schatulle macht ebenfalls einen guten Eindruck, insbesondere sind Ladekabel, Klinkenkabel und Flugzeugadapter so intelligent integriert, dass sie nicht lose in der Box herumschwirren oder sonstwie im geschlossenen Zustand auf den Kopfhörer Druck ausüben können.
So, nun zur Einordnung der Kopfhörer in eine persönliche Rangfolge:
Der Amiron bleibt klanglich mein Favorit (auch wenn er maximal aptX-HD unterstützt, das nominell "nur" etwa die halbe Bitrate von LDAC hat). Zudem verfügt er mit aptX-LL als Einziger über einen nahezu latenzfreien Codec und eignet sich deswegen am besten für Videos oder auch Gaming (vorausgesetzt, auch die Bluetooth-Quelle unterstützt aptX-LL).
Theoretisch eignen sich alle anderen Kandidaten für Videos und Gaming weniger, da die von ihnen unterstützten Codecs (auch LDAC) eine deutlich höhere Latenz aufweisen. In der Praxis muss man einfach ausprobieren, ob die Verzögerung für einen selbst ausreichend gering ist. Beim Sony XM4 stelle ich im LDAC-Modus (Netflix auf Smartphone) nur eine leichte Asynchronität fest, die so gering ist, dass sie zumindest bei Videos nicht stört. Mit SBC- oder AAC-Codec, der wahrscheinlich beim Pairing mit den allermeisten Fernsehern zum Einsatz käme, kann es wieder ganz anders aussehen, das habe ich bislang nicht ausprobiert.
Dafür haben alle anderen Kandidaten ein kleineres Packmaß sowie ein mehr oder weniger gutes ANC, das in vielen Umgebungen schon sehr nützlich ist (zumal auch die passive Abschottung des Amiron eher mau ist).
Gleich hinter dem Amiron kommt der Sony. Sein Klang ist ebenfalls hervorragend und nah dran am Amiron. Zudem verfügt er über ein sehr wirksames ANC und weitere nützliche Features. Manch ein Audiophiler wird sich jetzt fragen, ob es sich lohnt, für das letzte Quäntchen Klangqualität zum Amiron zu greifen, oder ob der kaum schlechtere Sony zum halben Preis nicht das bessere Allround-Paket ist.
Alle anderen genannten Konkurrenten folgen auf den Plätzen, machen aber alles andere als eine schlechte Figur. Ihr Klang ist trotz ihrer teilweise stärker komprimierenden Codecs AAC (Bose) bzw. aptX (Lagoon) ebenfalls sehr gut bis hervorragend (zumindest für "normale" Ohren, die die im Vergleich mit aptX-HD und LDAC stärkere Kompression nur geringfügig bis gar nicht wahrnehmen). Besonders hervorzuheben ist dabei der Soundcore Q35, der für weniger als 100 Euro Straßenpreis bereits LDAC, ein gutes ANC und einen Transparenzmodus bietet. Er mag in allen Disziplinen etwa eine Schulnote schlechter als der Sony sein, aber wenn man bedenkt, dass er im Vergleich zum Sony nur ein Drittel kostet, ist das schon eine hervorragende Leistung, so dass er schlicht der Preis-/Leistungsverhältnis-Sieger ist und sich für alle eignet, die aus einem schmalen Budget das Maximum herausholen wollen.
Eher zufällig entspricht meine persönliche Rangfolge dem Preisgefüge der Kopfhörer. Das ist aber auch eine gute Nachricht: "You get what you pay for", könnte man sagen, was aber wiederum nicht heißt, dass man für das doppelte oder dreifache Geld einen doppelt oder dreimal so guten Kopfhörer bekommt. Wie im Audio-Bereich üblich, zahlt man für die letzten 10-20% der Klanggüte einen exponentiell wachsenden Aufpreis. Und es liegt auch daran, welche Kriterien man favorisiert. Meine höchste Priorität ist Klangqualität, danach richtet sich meine Rangfolge aus. Setzt man aber z.B. P/L-Verhältnis an die Spitze, wäre der Soundcore wohl der Sieger.
Den Sony WH-1000XM4 kann ich jedenfalls nahezu uneingeschränkt empfehlen. "Nahezu" deshalb, weil Sony auf aptX inklusive seiner Variante aptX-LL verzichtet hat und sich der XM4 daher möglicherweise nicht so gut zum Videoschauen oder Gaming eignet. Wenn man damit leben kann, ist der Sony eine absolut "runde" Angelegenheit, mit der man sicher glücklich werden kann, und das zu einem zwar ambitionierten, aber durchaus fairen Preis.
| Product Dimensions | 25.3 x 18.5 x 7.7 cm; 254 Grams |
|---|---|
| Batteries | 1 Lithium ion batteries required. (included) |
| Item model number | WH1000XM4L.CE7 |
| Colour | Midnightblue |
| Material Type | Faux Leather, Plastic |
| Size | normal |
| Battery Type | Lithium Ion |
| Item Weight | 254 g |









