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Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) Taschenbuch – 15. Juni 1976

4.2 von 5 Sternen 10 Kundenrezensionen

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Produktinformation

Produktbeschreibungen

Rezension

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Über den Prozess der Zivilisation
OA 1939 Form Sachbuch Bereich Soziologie
Das einflussreichste Buch von Norbert Elias war bei seinem Erscheinen, aber auch noch zu Beginn seiner breiteren Rezeption mehr als 35 Jahre später, gleich in mehrfacher Hinsicht bahnbrechend: Es setzte an die Stelle der vorherrschenden soziologischen Annahmen stabiler Gesellschaftszustände eine Theorie und Beschreibung langfristiger sozialer Prozesse, zeigte die Verflochtenheit von Wandlungsprozessen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene und überwand die eifersüchtig bewachten Disziplingrenzen zwischen Psychologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft.
Entstehung: Seine Arbeit an Über den Prozess der Zivilisation begann Elias nach seiner Exilierung in London, wo er Zugang zur Bibliothek des Britischen Museums hatte. Dort stieß er auf die seit dem Mittelalter überlieferten Manierenbücher als das empirische Instrument, das ihm ermöglichte, langfristige Wandlungen der Trieb- und Affektmodulierung in den europäischen Oberschichten zu beschreiben. Über den Prozess der Zivilisation erschien 1939 in einem Schweizer Verlag, aber erst mit der dritten Auflage 1976 wurde es zu einem wissenschaftlichen Bestseller.
Inhalt: Gegenstand des Buchs sind langfristige historische Entwicklungsprozesse in den Bereichen der Persönlichkeits- und der Gesellschaftsstruktur, wobei die Verflechtung beider Bereiche betont wird. Der politischen Entwicklung Europas aus der feudalen Zersplitterung in kleine und kleinste Herrschaftszentren hin zu einer immer weiteren Zentralisierung staatlicher Macht entspricht das Abschneiden der meisten Angehörigen der Oberschichten von einer selbstständigen militärischen Betätigung. Elias beschreibt, wie frühere Fremdzwänge zunehmend zu unbewussten Selbstzwängen umgestaltet werden. Die wachsende Einhegung des Gebrauchs von Messern bei Tisch ist ein Beispiel dafür, wie sich solche Innenzwänge faktisch und symbolisch durchsetzen. Aus Kriegern werden auf diese Weise Höflinge. Das staatliche Monopol militärischer Gewalt und das damit verbundene Monopol der Steuereinziehung ermöglichen dann weitere Zentralisierungsschritte.
Aufbau: Elias beginnt seine Arbeit mit einer Diskussion der Unterschiede zwischen den Begriffen »Zivilisation« und »Kultur«, wobei er zeigt, wie sich in Deutschland dieses Begriffspaar im 19. Jahrhundert von einer klassenbezogenen zu einer nationalen Unterscheidung wandelt. Von hier wendet er sich zurück zu den langfristigen »psychogenetischen« Wandlungsprozessen, die vor allem in Frankreich zum Konzept der Zivilisiertheit geführt haben. Im zweiten Band rekonstruiert Elias die mit diesen »psychogenetischen« Prozessen verschränkte »Soziogenese der abendländischen Zivilisation«: vor allem die dem »Monopolmechanismus« geschuldeten Zentralisierungsprozesse. Abschließend synthetisiert er den »soziogenetischen« und den »psychogenetischen« Aspekt in seinem Entwurf einer allgemeinen Theorie der Zivilisation.
Wirkung: Unter den Stichworten »Prozess-Soziologie« und »Figurationsstudien« hat der Ansatz von Elias international eine anhaltende Schulbildung bewirkt. Auch die heftige Kritik, die Über den Prozess der Zivilisation durch Hans Peter Duerr (Nacktheit und Scham, 1988) erfuhr, der insbesondere den Prozesscharakter menschlicher Scham durch eine erneute Wesensbestimmung menschlicher Schamhaftigkeit ersetzen wollte, zählt letztlich zu den produktiven Folgen des Buchs von Elias. R. H.

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Norbert Elias (1897-1990) wurde am 22. Juni 1897 in Breslau geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte und nach dem 1. Weltkrieg Medizin und Philosophie studierte. Er promovierte bei Richard Hönigswald, wechselte bald zur Soziologie und wurde »inoffizieller Assistent« bei Karl Mannheim. 1933 floh er aus Deutschland über Paris nach England. Von 1954 bis 1962 war er Dozent für Soziologie an der Universität von Leicester, ab 1965 nahm er verschiedene Gastprofessuren unter anderem in Deutschland wahr; größere Anerkennung setzte hier aber erst mit der breiten Rezeption von Über den Prozeß der Zivilisation ein. 1977 erhielt er den Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Ab 1984 ließ er sich dauerhaft in Amsterdam nieder, wo er am 1. August 1990 starb.


Kundenrezensionen

4.2 von 5 Sternen
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Top-Kundenrezensionen

Elias begann die Arbeiten an diesem Buch bereits in seinem Pariser Exil 1935. Im Laufe der Jahre hat er dieses sein Hauptwerk jedoch permanent erweitert und ergänzt, so dass es auch heute noch grundlegend und wegweisend ist. Elias' historisch orientierte Soziologie ist besser geeignet, einen Prozess wie den der Zivilisation anschaulich zu machen, als beispielsweise statische Strukturansätze á la Talcott Parsons. Der Anspruch, Seiendes als Gewordenes und seinerseits Werdendes zu betrachten, wird hier konsequent verwirklicht. Ebenso der gut durchstrukturierte und induktiv entfaltete Argumentationsgang erfüllt alle wissenschaftlich wünschenswerten Ansprüche.
Ein wenig grundlegende Kenntnis über die Geschichte Deutschlands, Frankreichs und Englands vorrausgesetzt, gewinnt der Leser durch die Lektüre dieses Buches ein Deutungsinstrumentarium für die Hauptbegriffe wie Kultur, Zivilisation und Fortschritt ebenso, wie eine soziologisch-abstrahierende Form der Geschichtsbetrachtung, welche in beeindruckender Art die Veränderungen gesellschaftlicher Figurationen als kontinuierliche Prozesse von Integration und Desintegration begreift.
Ein Standardwerk welches zu lesen einigen Mehrwert verspricht.
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Verifizierter Kauf
Ich habe Elias' zweifelsohne monumentale Studie zum Zivilisationsprozess des Abendlandes mit gemischten Gefühlen gelesen. Ich denke, dass die zentrale These, die Elias verfolgt, die Behauptung aufstellt, dass es einen Fortschritt der Menschen (immer vor dem Hintergrund europäischer Geschichte) tatsächlich gibt, sich dieser im Begriff Zivilisation bzw. Zivilisierung verankern lässt und im Grunde keine lineare Abfolge von Wandlungen oder Veränderungen anstellt, sondern ein volatiler Prozess ist, der sich trendartig herausarbeiten lässt. Gesellschaftliche Entwicklung (also Soziogenese) ist aber nicht theoretisch fixier- und bestimmbar in dem Sinne, dass Menschen durch einen externen historischen Zivilisierungsprozess ihren eigenen strukturellen (persönlichen) Entwicklungen unterworfen sind; vielmehr ist der Mensch selbst maßgeblich am Figurationsprozess beteiligt, also aktives Element in der systemischen (und vor allem sukzessive rationalisierten) Gesellschaft ("fensterlose Monaden") mit all ihren Ausdifferenzierungen und Distinktionen. Kurz: Sozio- und Psychogenese sind schwer nach Ursache-Wirkung-Mechanismen zu analysieren und zu beurteilen, da es sich hierbei um Interdependenzrelationen und -verknüpfungen handelt.

Elias geht hierbei sehr induktiv vor, indem er faktische Sitten- und Handlungsmuster identifiziert und ihre historische Veränderung abzeichnet. Dabei wird schon deutlich, dass im Zuge normativ gesetzter Werte aber auch durch technische Innovation eine Form von psychogenetischer Internalisierung stattfindet, die das Individuum determiniert. Elias bezieht sich dabei auf komplexe Phänomene wie Sprache, aber eben auch auf Tischgewohnheiten, Spucken etc.
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Von Fuchs Werner Dr #1 HALL OF FAME REZENSENTTOP 100 REZENSENT am 30. Juli 2009
Weil 70 Jahre auch in der Geisteswissenschaft eine sehr lange Zeit ist, könnte man verständlicherweise der Versuchung erliegen, sich an den 750 klein geschrieben Textseiten vorbeizuschmuggeln, die Norbert Elias 1939 veröffentlichte. Zumal es ja mehrheitlich so ist, dass sich der Erkenntnisgewinn bei Pflichtübungen in Grenzen hält. Aber so wie Sigmund Freud ist eben auch Norbert Elias eine Ausnahme. Das heißt nicht, dass in den Gebieten dieser beiden Geistesgrößen nichts Neues hinzugekommen wäre, nachdem ihre Stimmen verstummten. Es gibt berechtigte Kritik und wichtige Variationen ihrer Modelle. Aber ich mache den Vergleich zwischen Freud und Elias, weil sie etwas verkörpern, was heute schon beinahe als unwissenschaftlich gilt. Sie geben nicht nur Antworten, sondern stellen auch die wesentlichen Fragen. Und diese Fragen formulieren sie so, dass wir sie im 21. Jahrhundert noch mit Genuss lesen können. Zudem sind sie Großmeister im Malen von Sprachbildern, in denen wir mögliche Antworten bereits erkennen können. Zwei Bilder sollen stellvertretend für unzählige sein. Das Bild der denkenden Statuen, die einander weder sehen, noch berühren oder hören können und dennoch dazu verurteilt sind, sich über sich und die anderen Gedanken zu machen. Oder der hohe Turm, in dem eine Menschengruppe mit jeder Generation höher steigt, bis sich niemand mehr daran erinnern kann, wie man überhaupt so hoch hinauf gelangen konnte. Ein Grund, weshalb sich die Lektüre dieser beiden Bände also noch immer lohnt, lautet: Der Leser lernt die Kunst des Fragens und das Formulieren starker Metaphern.Lesen Sie weiter... ›
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Die groß angelegte und in Deutschland erst mit Verspätung rezipierte Studie von Norbert Elias ist gewiss ein Klassiker. Man sollte die beiden Bände nicht nur im Regal stehen sondern sie auch irgendwann gelesen haben.
Gegen eine unbedingte Empfehlung sprechen bei mir jedoch drei Dinge, die ich anmerken möchte:
- Misstraut der Autor dem Verständnisvermögen seiner Leser oder seiner eigenen Darstellungskraft? Etliche seiner Beobachtungen und Erklärungen wiederholt er für mein Empfinden zu oft. Der Erkenntnisgewinn seiner Untersuchung wäre auch bei ein- bis zweihundert Seiten weniger Umfang kaum geschmälert.
- Da Elias seine Studie auf die Entwicklung in Frankreich konzentriert, wo sich die von ihm geschilderten Prozesse am deutlichsten nachvollziehen lassen, ist ein wesentlicher Teil der von ihm zitierten Quellen im französischen Original wiedergegeben, was für den einen oder die andere nicht ohne weiteres eingängig ist. Andere haben vielleicht auch ein Problem mit Mittelhochdeutsch oder älteren Sprachstufen des Englischen...
- Mich störte beim Lesen die uneinheitliche Druckqualität. Einige Seiten wirken relativ blaß, einzelne Buchstaben fallen nahezu ganz aus. Das gehört sich eigentlich nicht für eine Publikation in dieser renommierten Reihe.
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