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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Die Insel des zweiten Gesichts
OA 1953 Form Roman Epoche Moderne
Die Synthese aus Autobiografie und modernem Schelmenroman (Stichwort R S. 1064) hat Albert Vigoleis Thelen einen singulären Platz in der deutschen Nachkriegsliteratur gesichert.
Entstehung: 1942 hatte der Verleger Meulenhoff Thelen angeregt, seine mallorquinischen Erfahrungen zu Papier zu bringen. Es dauerte aber zehn Jahre, bis er nach dem Umzug aus Portugal nach Amsterdam das Buch in nur neun Monaten niederschrieb. Im Oktober 1953 wurde es mit dem Untertitel Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis publiziert.
Inhalt: Der Ich-Erzähler Vigoleis schildert, wie er mit seiner späteren Frau Beatrice 193136 auf Mallorca lebt. Als ihre Geldmittel erschöpft sind, ziehen sie in eine ärmliche Pension, später in die Torre del Reloj, wo sie, umgeben von Schmugglern, in absoluter Armut vegetieren. Endlich geht es aufwärts: Beatrice gibt Sprachunterricht, Vigoleis wird Fremdenführer, rezensiert deutsche Exilliteratur und übernimmt Sekretärsaufgaben für Harry Graf Kessler (1868 bis 1937) und Robert von Ranke-Graves (1895 bis 1985). Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und nach Ausbruch des Bürgerkriegs müssen Vigoleis und Beatrice auf einem britischen Schiff fliehen.
Die Insel des zweiten Gesichts ist zugleich Zeitroman und Autobiografie, vereint bunte Abenteuer mit Weltschmerz, Not und Bohèmeleben, bietet ein Gesellschaftspanorama des Exils. Thelens eigenbrötlerische Sprache neigt zu oft komischen, immer aber den Kern einer Sache ins Licht stellenden Neologismen, vom »Unglimpf« bis zur »Häufzeit des Mords«, und bringt die Tragikomik seiner Existenz so auf den Punkt: »Unbeholfen im Leben, in das ich mich immer noch nicht eingelebt habe, des Lebens Untüchte wie ein Zeichen an der Stirn«.
Aufbau: Das mit über 700 engzeiligen Druckseiten äußerst umfangreiche Werk, das ursprünglich noch um 500 Manuskriptseiten länger war, ist episodisch gegliedert und bietet deshalb eine kurzweilige Lektüre. Es besteht aus vier sehr unterschiedlich langen Büchern sowie einem Epilog. Darin mischt Thelen Ereignisse aus der berichteten Zeit mit solchen aus seiner Jugend, Erlebtes mit Erfahrenem. Er betont, dass er nicht »ins Blaue hinein schreibe«, daher fügt er späteren Auflagen sachliche Korrekturen an. Das Prinzip der permanenten Abschweifung unterläuft alle Lesererwartungen und schafft einen Traditionsbezug zum ironischen Erzählen etwa von Laurence R Sterne einschließlich des metafiktionalen Vorbehalts (»Wäre dies ein Roman und ich sein Verfasser«).
Zahlreiche literarische Reminiszenzen durchziehen den Text, von der Übernahme des Ritternamens Vigoleis (aus dem mhd. Epos Wigalois des Wirnt von Gravenberg, entst. um 1210), den auch Thelen seit dem Studium führte, bis zur Selbstidentifikation mit der literarischen Figur des Don Quijote.
Wirkung: Als Dokument der Literaturgeschichte ist das Werk von Bedeutung, da Thelen im Exil in intensiven Kontakt mit Persönlichkeiten wie dem Grafen Keyserling (18551918) oder Franz Blei (18711942) trat. Das Buch wurde im Feuilleton lebhaft begrüßt, 1954 mit dem Fontane-Preis ausgezeichnet und genießt bis heute Kultstatus. A. H.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.