Eines vorweg, ich frage mich seit einigen Romanen von Rachel Gibson immer wieder, welche Agentur bzw. welcher Verlagsangestellte die deutschen Titel aussucht. Auch die Aufmachung in Pink- bzw. Rosa Tönen spricht die Zielgruppe von Gibsons Romanen, selbstständige berufstätige Frauen um die Dreißig, nicht gerade an. Aber Vince, der treusorgende große Bruder von Autumn Haven aus "
Küssen hat noch nie geschadet: Roman" (meine Nackenhaare sträuben sich) hat durchaus sein eigenes Buch verdient. Wie schon in dem Vorgängerroman sind auch hier die Protagonisten Charaktere mit Ecken, Kanten und Eigenschaften, die bei einem durchschnittlichen Liebesroman nicht so richtig erwünscht sind.
In dem vorliegenden Buch verlässt die Autorin den glamourösen, hochbezahlten Sportprofi-Bereich. Dieser Roman spielt im wirklichen Leben. Vince sieht zwar gut aus, ist durchaus fürsorglich und steht finanziell nicht schlecht da, aber der glamouröse millionenschwere Traummann, mit dem Frau für den Rest ihres Lebens finanziell ausgesorgt hat, ist er nicht. Das muss er auch nicht, wenn man nicht gerade ein überquellendes Bankkonto als Mindestbedingung eines "Traummannes" hat. Mit Sadie, der weiblichen Heldin dieses Romans verbindet ihn mehr, als es auf den ersten Blick scheint.
Vince war als Navy Seal in Spezialeinsätzen eingesetzt. Der Tod seines Vorgesetzten, den er nicht retten konnte, bringt ihm eine posttraumatische Belastungsstörung und eine Hörminderung ein, die seine Zeit als Seal beendet. Da er mit Leib und Seele Soldat war, kommen gewisse Machozüge immer wieder zum Vorschein. Ein liebes Lämmchen wäre als Frau an seiner Seite überfordert. Vince liebt Sex, aber scheut eine Bindung wie der Teufel das Weihwasser. Er bleibt nicht lange an einem Ort, er gründet Geschäfte und verkauft sie wieder. Als seine Tante Luraleen ihn bittet, ihr ihre Tankstelle mit Imbiss "Gas and Go" in der texanischen Kleinstadt Lovett abzukaufen, sagt er zu und übernimmt den Laden, um ihn wieder auf Vordermann zu bringen.
Mercedes Johanna Holloman ("Sadie") ist das einzige Kind eines reichen Ranchers, der sie mit Nichtachtung straft. Sie ist halt kein Sohn, dem er die Traditionsranch eines Tages übergeben könnte. Sadie glaubt auch, dass sie für ihre Mutter, eine ehemalige Miss Texas eine Enttäuschung war, die sie auf die in den Staaten üblichen "Little Miss Wahlen" "vorführt". Zwar war und ist Sadie schön, fröhlich und lebhaft, aber sie macht immer einen Schritt aus der Reihe und landet zur Enttäuschung ihrer Mutter nie ganz oben. Auf ihre Art ist Sadie ähnlich ruhe- und rastlos wie Vince. Gleich nach der Schule lässt sie Lovett hinter sich, beginnt mehrere Studiengänge ohne Abschluss und lässt sich in Phoenix als erfolgreiche Maklerin nieder. Ihr persönliches Grauen trifft die unverheiratete 33-jährige, als sie als Brautjungfer ihrer Cousine Tally einspringen soll. In ihrem Altern noch unverheiratet, Single und ohne Kinder zu sein, ist in der Kleinstadtidylle von Lovett eigentlich ein gesellschaftliches Ausschluss Kriterium. Aber standhaft und pflichtbewusst macht sich Sadie mit einem für ihr Alter unmöglichen pinken Tüllbrautjungfernkleid auf den Weg nach Hause. Der Originaltitel des Buches "Resue me" ist in dieser Situation deutlich passender. Kurz vor der Stadt trifft sie auf Vince, der mit seinem Wagen liegengeblieben ist. Nach einigen Sicherheitsvorkehrungen nimmt sie ihn mit in die Stadt. Als Vince den Gefallen erwidern will, bittet sie ihn nicht wirklich ernsthaft, sie auf die Hochzeit zu begleiten. Er kommt zwar, aber leider zu spät, doch nicht zu spät, um ihr an die Wäsche zu gehen.
Aufgrund eines schweren Unfalls ihres Vaters beschließt Sadie in der Stadt zu bleiben, obwohl der deutlich macht, dass sie keineswegs gebraucht wird. Da Sadie ebenso wenig eine Liebesbeziehung sucht wie Vince, lässt sie sich auf eine heiße Affäre mit ihm ein.
Es wäre ja kein Liebesroman, wenn das Ende nicht vorherbestimmt wäre. Aber der Weg dahin und das unwillige, aber allem zum Trotz perfekt zusammenpassende Paar macht den Roman genauso fesselnd wie alle anderen Gibson Bücher. Ich habe ihn, wie bei Gibsons Romanen üblich, auf einen Happ verschlungen. Ich fand den Roman sehr unterhaltsam und lesenswert.