"Dreissig Gedichte und eine Erzählung", so lautet der Untertitel dieses Bandes und
damit drängen sich natürlich gleich Assoziationen zu "1001 Nacht" auf. Die Frage ist
also, kann ein Nachwuchsliterat ebenso unterhalten, belehren und nachhaltig sein?
Die 30 Gedichte tragen sehr schlichte Titel, die aber vielleicht aus diesem Grund
gleich die Nähe zum Leser und seinen Erfahrungen zulassen. Der "Zeitgeist" führt
den Lyrikreigen an und stellt auch gleich schonungslos die Sicht des lyrischen
Ichs zur gegenwärtigen Zeit, und damit auch sich selber, dar.
Dieses Wechselspiel zwischen Innen- und Außensicht ist es, das mir gefällt, weil
die Gedichte so nicht nur für sich stehen, sondern immer von "Ich" zu "uns", von
"euren" zu "mir" wandert, man also immer auch selbst die individuelle Haltung und
auch Position in der Gesellschaft hinterfragen muss.
Wie der Titel des Bandes sagt, liegt ein Fokus auf "Spiegel" bzw. "Spiegelungen",
so dass man hierzu auch viele Gedichte findet, die aber wiederum alle unterschied-
liche Facetten aufweisen. Mal ist es ein Spiegel der birst, dann ein verzerrtes
Spiegelbild oder ein Portrait. Als Leser muss man also selbst die unterschiedli-
chen Nuancen entdecken, hinter verschleiernde Begriffe, scheinbare Gegebenheiten
schauen und wird erstaunt sein, wie oft man sich selbst dabei ertappt, das eigene
Zerrbild zu sehen.
Obwohl jedes Gedicht anders ist, lässt sich rein strukturell und stilistisch die
Handschrift des Verfassers ausmachen. Oft dreigeteilt, wird ein Thema ansteigend
bis hin zum prägnanten Schluss dargeboten. Es beginnt mitunter leise, fast harm-
los und simpel, doch bereits im Mittelteil merkt man, dass hier weit mehr zu ent-
decken ist. Die finalen Aussagen sind für mich eine der großen Stärken des Verfas-
sers, denn hier schafft er es oft, eine überraschende Wendung einzubauen, so dass
man die ersten Deutungen und Ansichten revidieren muss. Der Stil ist recht ein-
fach, es gibt keine verschleiernden Metaphern ohne Sinn, keine Symbolschlacht,
sondern die "nackten" Aussagen schaffen durch ihre Zusammenstellung, syntaktische
Anordnung und mitunter Ambiguität eine interessante Wirkung, die vom reinen Nach-
denken, hin zu Ergriffenheit und stillem zustimmenden Nicken geht.
Der Band wird durch eine Erzählung abgerundet, die scheinbar unspektakulär "J."
heißt, aber gleich zu Beginn zeigt, sie ist alles andere außer unspektakulär. Ge-
waltige Gedanken zum freinen Willen interagieren mit historischer Coleur und fik-
tiver Aufbereitung. "Wer ist diese J.?", fragt man sich, man liest weiter, kurz-
zeitig hält man inne, ein Gedanke schleicht sich ein, der am Schluss aber nicht
nur bestätigt, sondern schonungslos düster offengelegt wird. Diese Erzählung ist
wohl der erste Versuch des Autors, auch in einem anderen Genre sein Können zu
versuchen und ich kann mir gut vorstellen, dass "J." ein Herantasten ist, das zu
einem späteren Zeitpunkt ausgebaut wird. Interessant wäre es allemal.
Zusammengefasst würde ich sagen, wir haben es hier mit einem abwechslungsreichen,
interessanten und aussagekräftigen Debut zu tun, das seine Leser finden wird. Ich
habe mich unterhalten und nicht selten ertappt gefühlt, habe geschmunzelt und viel
reflektiert - die Stücke sind also mehr als nur spontane Notizen. Wer Gefallen an
neuer Lyrik hat, gerne in den Spiegel sieht und auch dahinter, der wird hier auf
seine Kosten kommen.