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"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" - dies ist erwiesenermaßen eine Binsenweisheit. Kein Wunder also, dass komplexe Strukturen und komplizierte Prozesse gerne unter Zuhilfenahme von Linien, Pfeilen, Kreisen und Kästen grafisch so aufbereitet werden, dass sie ohne viele Worte für sich selbst sprechen können. Was in vielen Fällen gelingt, gelingt jedoch nicht immer. Dies bestätigt schon der erste Blick in "Die wirrsten Grafiken der Welt", einer Sammlung von besonders "gelungenen" visuellen Umsetzungen, die Gerhard Henschel zunächst für die taz gesammelt und jetzt als Buch zusammengestellt hat.
Wer bis dahin glaubte, es gäbe bestimmte wissenschaftliche Disziplinen die geradezu prädestiniert seien, besonders wirre Grafiken zu produzieren, in denen man vor lauter Pfeilen die zentrale Botschaft nicht sehen kann, wird eines Besseren belehrt. Nicht nur Wirtschaftswissenschaften ("Verteilung des Sozialproduktes"), Ingenieurwesen ("taktflankengesteuertes RS-Flip- Flop") und Pädagogik ("Allianzen und Koalitionen in der Mittelschule von B.C.") wissen Standardelemente, wie sie in jedem besseren Grafikprogramm zur Verfügung stehen, WIRRkungsvoll einzusetzen.
Auch Germanisten und Theologen scheuen nicht davor zurück, Lessings Drama "Emilia Galotti" in Form einer Vorlage für den Tafelanschrieb zu bearbeiten oder das Symbol Brot "handlungsorientiert zu erschließen". Und mit Grafiken, die die Balzaktivitäten eines Guppymännchens bzw. synökologische Korrelationen als viele beschriftete Kreise und unterschiedlich gestrichelte Verbindungen darstellen, reihen sich auch Biologen in die lange Reihe derjenigen ein, die dem eingangs zitierten Sprichwort gerecht werden wollen. In vielen Fällen gleichen Abbildungen, die völlig verschiedene Dinge beschreiben sollen, einander stark, wobei vor allem vor der Verbindung durch Pfeile in den meisten Fällen nicht zurück geschreckt wird.
Obwohl die über 100 Grafiken eigentlich schon für sich sprechen, hat Gerhard Henschel sie mit ironischen Kommentaren versehen, die beweisen, dass manches lieber doch mit ein paar Sätzen hätte beschrieben werden sollen. Denn die ordnende, veranschaulichende oder gar interpretierende Funktion einer Grafik kommt nur zur Geltung, wenn bereits bei der Planung die Art und Weise der Darstellung so gewählt wird, dass ihre Aussage auf Anhieb verstanden wird. Ein längeres Legendenstudium im Wirrwarr von Beschriftung und Strichelung, gegebenenfalls auch noch unter Berücksichtigung mehrerer Farben, kann diesen Zweck nur verfehlen.
"Die wirrsten Grafiken" der Welt sind deshalb nicht nur als Freizeitlektüre für Menschen geeignet, die ständig Bücher mit interessanten Grafiken lesen müssen, sondern auch eine gute Sammlung, um zu zeigen, wie es nicht sein sollte. Bereits im Selbststudium wird nicht nur deutlich, dass Weniger tatsächlich Mehr sein kann, sondern auch, dass das Repertoire an originellen grafischen Darstellungen endlich ist. Sowohl die kreisförmige Anordnung als auch die ineinander geschachtelten oder miteinander verbundenen Quadrate können nahezu alles erklären, wenn sie mit einem passenden Text beschriftet worden sind.
Dass sich wirre Grafiken noch überbieten lassen, illustriert Henschel anhand einer Grafik mit dem Titel "Einflussmöglichkeiten im Dialog" aus einem Buch mit dem interessanten Titel "Die Kunst der ´Kampfrethorik` - Powertalking in Aktion", die ihm wie so viele andere von einem taz-Leser zugeschickt wurde: Sie zeigt einen durch einen senkrechten Strich geteilten Kreis, dessen Hälften jeweils mit "50 %" beschriftet wurden. Zu Recht weist der Einsender darauf hin, dass sich diese Darstellung auch für die Serie "Die bescheuertsten Grafiken der Welt" qualifizieren würde.
Man kann nur hoffen, dass es nicht bei diesem einen Band mit wirren Grafiken bleibt und diese Hoffnung könnte sich sogar bestätigen: Viele Bereiche des Alltags sind im vorliegenden Buch nämlich gar nicht oder nur stiefmütterlich behandelt worden.
Rezensent: Daniel C. Dreesmann
Kurzbeschreibung
Überall begegnen uns wirre Grafiken, die uns die Welt erklären sollen und doch meistens nur noch mehr Verwirrung stiften. Aber die süßen Semiotiker, Wirtschaftsfachleute, Museumspädagogen, Ökologen, Psychotherapeuten, Trendforscher, Traumdeuter, Stadtplaner, Linguisten, Deutschlehrer und Datenverarbeiter geben nicht auf, sondern produzieren immer neue abstruse Diagramme, Schaltpläne, Schaubilder, Schemata, Schichtenmodelle, Fluchtwegepläne, Netzwerke, Stammbäume, Planstrukturen und Teufelskreise. Praktisch alles kann zum Gegenstand einer wirren Grafik werden - die Verflechtung der Stromwirtschaft, die Herkunft der Slawen, die Reizblase, der Untergang Roms, die Balzaktivitäten der Guppymännchen, der psychische Apparat, das Radfahren, die Apokalypse, das Sozialprodukt, die Sexualität, der Aralsee, der Neofaschismus und die Seelenwanderung, ganz zu schweigen von Schachzügen, Erdbeben, Duschvorgängen, Tigerstaaten, Wurzelgeistern, Schlaganfällen, Investmentfonds und dem lieben Gott. Seit einigen Jahren stellt Gerhard Henschel auf der Wahrheitsseite der taz die wirrsten Grafiken der Welt in loser Folge einer ebenso schockierten wie belustigten Öffentlichkeit vor. Vielfach wurde der Wunsch nach einer Buchfassung der beliebten Serie kundgetan. Dieser Wunsch soll nun in Erfüllung gehen. Endlich.