Die bekannte Psychotherapeutin, Autorin und Dozentin am C.G. Jung-Institut in Zürich Verena Kast hat die Kraft von Geschichten und Märchen schon früh entdeckt. Man kann ihr also nicht unterstellen, sie gehöre beim Thema Storytelling zu den Trittbrettfahrerinnen. Nur hatte ich nach der Lektüre ihres neusten Buches den Eindruck, sie habe die Erkenntnisse der Neurowissenschaftler manchmal zu fahrig in ihr bestehendes Modell eingebettet. Das ist deshalb schade, weil viele ihrer treuen Leserinnen und Leser über das menschliche Gehirn nicht allzu viel wissen. Und so würde es mich nicht überraschen, wenn sie die Thesen von Wolfgang Singer, Antonio R. Damasio, Harald Welzer und H.J. Markowitsch kaum einordnen können. Das aber wäre oft nötig, um die ausgesteckten neuen Wege ohne allzu große Schwierigkeiten gehen zu können.
Zu Beginn des Buches erfahren wir, warum ein Blick zurück Sinn macht und der Wunsch nach einem Lebensrückblick tief in uns verankert ist. Dann erläutert die Autorin, was sie unter Rückblick versteht und was Erinnerungen anregt. Im Kapitel "Freuden neu entdecken" ermuntert sie ihre Leser dazu, mit der Freudenbiografie eine ganz andere Perspektive einzunehmen. Denn wir sind allzu sehr im Muster gefangen, unsere Lebensgeschichte meist unter dem Aspekt von Schwierigkeiten zu erzählen. Als C.G. Jung-Schülerin geht Verena Kast selbstverständlich auch auf die Bedeutung von Träumen ein und kommt danach auf die Koordinaten zu sprechen, nach denen wir uns bei der Suche nach dem Schatz orientieren sollen. Im nächsten Kapitel widmet sich Verena Kast den Hindernissen, auf die wir beim Erinnern stoßen. Und sind sie überwunden, sollten wir auch Dankbarkeit zeigen, weil dies eng mit Freude verbunden ist.
Im letzten Kapitel nimmt Verena Kast wichtige Punkte nochmals auf, indem sie die Lebensrückblicktherapie in ihren Grundzügen erläutert. Obwohl diese Form von Interventionen schon 1963 vorgeschlagen wurde, fand sie erst seit den 1990er-Jahren größere Verbreitung. Das hat sicher auch mit der demografische Entwicklung und der Übernahme von Erkenntnissen aus den Neurowissenschaften zu tun. Ganz zum Schluss des Buches finden wir dann noch den Anmerkungsapparat und eine dreiseitige Literaturliste.
Mein Fazit: Schön, dass eine so prominente und erfahrene Psychotherapeutin wie Verena Kast ebenfalls Erkenntnisse der Neurowissenschaften aufnimmt und mit bestehenden Modellen verbindet. Für einige ihrer treuen Leserinnen und Leser sind diese Ausflüge in das Reich des Gehirns allerdings nicht immer nachvollziehbar, da die Autorin oft zu punktuell argumentiert und wichtige Zwischenstücke auslässt.