Die Reise der Literatur ins Abseits
Peter Handke unterwegs mit seinem Serbienmanifest
Der Medien, die er verachtet, weiss Peter Handke sich sehr wohl zu bedienen. Seit Wochen geht die Erregung um sein mittlerweile als Buch vorliegendes Manifest «Gerechtigkeit für Serbien. Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina» (vgl. NZZ 20./ 21. 1. 96). Die deutschsprachigen Feuilletons verbreiten so auch seine Wahrheit über «das sich europaweit geächtet wissende, ganze grosse Volk» der Serben: dass es als «so genannter Aggressor» das Opfer einer Desinformationskampagne «der internationalen Presse» geworden sei, der es um «nichts als den nackten, geilen, marktbestimmten Fakten- und Scheinfaktenverkauf» gehe. Die Chronik der am vergangenen Sonntag im ausverkauften Hamburger Thalia-Theater begonnenen Lesereise wird die Debatte am Laufen halten. Nachdem er mit monotoner Stimme, stockend und etwas fahrig, eine gekürzte Fassung seines Textes vorgetragen hatte, wusste Handke das zunächst skeptische Publikum im Gespräch mit dem Journalisten Jürgen Busche durchaus in seinen Bann zu ziehen (nicht zuletzt darum, weil ihm die Abwehr von Busches Schmeicheleien einige Gratis-Sympathiepunkte lieferte).
Viel Streit um einen Text, der «Wort für Wort ein Friedenstext ist», wie Handke in einem Interview dekretierte. Nicht um Anklage gehe es ihm: «Es drängt mich nur nach Gerechtigkeit. Oder vielleicht überhaupt bloss nach Bedenklichkeit, Zu-bedenken-Geben». Des Hinterfragens ist mittlerweile kein Mangel mehr, Handkes Insistieren hat manchen Kritiker nach dem ersten Reflex zu vertiefter Reflexion bewogen. Die Ablehnung auf breiter Front freilich ist geblieben. Einem Eklat gleich kamen die offene Schelte des Schriftstellerkollegen Jürg Laederach und dessen demonstrativer Austritt aus dem gemeinsamen Suhrkamp-Verlag. Dabei haben sich die Dinge keineswegs so entwickelt, wie Laederach es prognostizierte. Von einer Handke-«Gemeinde», welche die Serbienapologie als «absoluten thematischen Tabubruch» ihres «Sektenführers» explizit sanktioniert hätte, ist nichts zu sehen. Verteidiger melden sich bestenfalls gewunden zu Wort, und auch die allzeit bereite Betroffenheitsfraktion hält es eher mit der Schadensbegrenzung. «Handke aber liebt Fragen mehr als Fakten», liest man etwa in der «Zeit».
Im Gegenteil. Das anscheinend so kühl inszenierte «Machtergreifungsspiel», an dessen Ende nach Laederach «die Weltherrschaft unter Dichter- sowie Polit-Kaiser Handke» stehen soll, könnte für Handke zum Debakel werden. Von «literarischem Selbstmord» spricht die «Frankfurter Rundschau», während die «Frankfurter Allgemeine» seinen Traktat in die «Provinz des weltanschaulichen Schundes» verweist. Laederach seinerseits versteigt sich zum Totschlagargument «Ich (Handke) liebe Hitler». Solche Dämonisierungen sind absurd.
Ironie und Empörung
Entschiedene Einsprachen gegen Handkes Serbienverklärung kommen von zwei Autoren aus dem exjugoslawischen Raum: vom Serben Bora Cosic (er weilt derzeit in Berlin) und vom bosnischen Muslim Dzevad Karahasan (er wohnte bis 1993 in Sarajewo und lebt seither im österreichischen Exil). Einen fiktiven Dialog mit einem von Handkes Wahrnehmung der «würdevollen» Belgrader Passanten begeisterten Landsmann nacherzählend, sucht Cosic Handkes apodiktischen Ton durch bodenlose Ironie zu unterlaufen:
«Denn der österreichische Autor, der mein Land bereist hat, habe dort nur sehr stolze Menschen getroffen. Die mit Stolz alles erduldeten, was über sie gekommen sei. So dass sie sich in ihrem Stolz nicht einmal fragten, warum es wohl über sie gekommen sei.»
Karahasan seinerseits erblickt im Serbienmanifest «einen der schändlichen Beiträge von ethischem Nihilismus in unserer Zeit». In ihrer «grandiosen» Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern lasse sich Handkes Invektive nicht als «moralisches Pamphlet» und in ihrer «absoluten Unkenntnis elementarer Tatsachen über die Gegend» (etwa der demokratisch legitimierten Unabhängigkeitserklärung Bosnien-Herzegowinas) auch nicht als politischer Essay über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien lesen: «Die Kollektivierung moralischer Begriffe wie Schuld, Verantwortung, Gerechtigkeit verwirrt und ängstigt mich und ekelt mich gleichzeitig an». Handke könne «die Serben» (wie «die Deutschen») als ethnisch reinen Begriff nur darum benutzen, weil er sich in keiner Weise von der komplexen Realität (etwa dass viele Serben im Exil lebten) beunruhigen lasse.
Auf die Fakten möchte auch der namentlich als «feind- und kriegsbildverknallt» angegriffene Peter Schneider Handke im «Spiegel» festlegen. Dessen «Versprechen einer kopernikanischen Umdeutung» des Geschehenen bleibe leer. Mit blossen «Andeutungen und Verdächtigungen» und einem «ästhetischen Ekel vor der Monotonie journalistischer Fertigteile» sei die Frage nach der Kriegsschuld nicht zu beantworten. Handkes Werben um Sensibilität gegenüber Serbien sei durchaus legitim, entfalte aber nur dort «eine versöhnende Kraft», wo sein Text jenseits des Hasses in «Landschafts- und Menschenbeschreibungen von grosser Wahrnehmungsdichte und fremder Schönheit» einen in den Medienberichten dunkel bleibenden Hintergrund aufhelle. Nach Bosnien freilich, wo er aus erster Hand etwas über den Krieg hätte erfahren können, sei Handke nicht gefahren.
Immunisierungsstrategie
Über den Aufruhr, den sein Verstoss gegen die political correctness ausgelöst hat, gibt sich Handke erstaunt: «Wie kann man das nur so lesen?» Natürlich hätten in seinem Plädoyer «Wut und Zorn mitgespielt, aber es ist übergeführt in Sprachspiel». Auch seien die meisten Anwürfe «gegenstandslos zu machen durch die fruchtbare, zugleich realitäts- und formbewusste Grübelei, die ich da mit mir selber angestellt habe . . . Jede einzelne Beschreibung ist bestimmt von Schrecken, Kummer und Mitgefühl.»
Passagen von Selbstzweifel finden sich tat-sächlich in Handkes Text wie auch gegenteilige Aussagen. Es gibt kaum ein Signal, das hier nicht aussendet würde. In wohlkalkulierter Verwirrung mischt Handke Poesie mit Polemik, Impressionen mit Insinuationen, Erzählung mit Verkündigung, Hassausbrüche mit Friedensappellen, Medien- mit Sprach- und Selbstkritik. Seine Unsicherheit bleibt Rhetorik, davon zeugen die vielen Fragen, die die Antworten immer gleich parat haben. Nicht zufällig sind im Text alle möglichen Einwände vorweggenommen das schafft einen uneinholbaren «Bewusstseins»-Vorsprung.
Handkes Immunisierungsstrategie besteht darin, die widersprüchlichen Realitätsebenen und Perspektiven jederzeit gegeneinander ausspielen zu können (noch das eigene Ich wird zu diesem Zweck aufgespalten), um so die Kritik leerlaufen zu lassen. Alles wird durch diese Doppelstrategie möglich: Poetischer Mehrwert kann als politisches Argument abgeschöpft werden, ein nachvollziehbarer, auf überprüfbaren Fakten basierender Gedankengang erübrigt sich. Problemkomplexe breit zu diskutieren, dazu fehlt die Zeit. In seiner Sprunghaftigkeit ist der Text nicht nur offensichtlich schnell niedergeschrieben, er soll auch so gelesen werden auf dass der ästhetische Reiz Zweifel an der vielgepriesenen vormodernen (notabene durch die Uno-Sanktionen erzwungenen) Einfachheit des «Serbenvolkes» nicht aufkommen lasse.
«Was weiss man, wo eine Beteiligung beinah immer nur eine (Fern-)Sehbeteiligung ist?»: Allein in der Unmittelbarkeit eigener Anschauung glaubt Handke die Wahrheit des Ganzen zu finden die Urbilder der schweigend dahinfliessenden Natur am Grenzfluss Drina tragen ihn über das schreiende Unrecht am bosnischen Ufer hinweg. Der Rat des Dichters an die Kriegsparteien, sich der Dauer als dem «Umfassenden» zu überlassen, kann angesichts der «scharenweise Kadaver», die den Fluss hinabgetrieben sein sollen, nur als «obszön» erscheinen. Die Geste der Entsühnung steht zuallerletzt dem «Touristen» Handke zu. Über das Verstummen der Toten ist keine Versöhnung der Lebenden, kein Ausstieg in eine «andere Geschichte» zu haben.
Grenzen der Poesie
Auch die Poesie bleibt an die Tatsachen zurückgebunden. Wo die Sehnsucht nach Ganzheit den symbolischen Raum der Dichtung verlässt, wird sie leicht zum Wahn. Im Bereich des Politischen ist Totalität nur über eine manichäische Teilung der Welt zu haben: Die «FAZ» verfasst «Hassleitartikel», also muss Handke Serbien zum gelobten Land stilisieren. Seine Reiseeindrücke stehen unter Beweislast, allzu oft schreitet der Dichter vor Ort daher nicht mehr ab als den Raum seiner Innenwelt. Noch die serbischen Begleiter müssen schweigen, damit sich die ästhetische Subjektivität an ihrem Spiegelbild begeistern kann. Sie objektiviert sich in ihrem Text, und dieser vertritt ihr die Welt.
Nicht, dass Handkes Bedürfnis nach «Heimischsein» die Berechtigung abzusprechen wäre. Wo sich seine Suche nach dem Ursprung literarisch äussert, eignet ihr eine grosse innere Kraft und Wahrheit. Mit dem Wuchern der modernen Abstraktionen schwinden die Phänomene des undeutlichen Lebens: Wer, wenn nicht die Literatur, sollte dem Abseitigen die Würde des Sichbehauptens zurückerstatten? Wo sonst findet die mystische Aufhebung der Trennung von Ich und Welt, Innen und Aussen, Zeitlichkeit und Ewigkeit Raum? Das heilige Geschäft eschatologischer Welterlösung ist freilich gebunden an das Verbot, die ästhetische Verwandlung als politisches Geschäft zu betreiben. Die Widerständigkeit der Fakten mag trostlos sein, doch auch die Epiphanie des Sinns vermag den Umgang mit der Banalität des Bösen nicht zu ersetzen.
Andreas Breitenstein