Stellen Sie sich vor, Sie haben eine lange Zugreise vor sich. Zum Beispiel quer durch Frankreich von Montpellier nach Metz, das sind 750 km Zugfahrt. Wie vertreiben Sie sich die Zeit? Lesen Sie, hören Sie Musik oder hängen Sie am Laptop?
Die Schriftstellerin Birgit Vanderbeke stellt sich einen Mord vor. Nicht irgendeinen Mord - den Mord an dem Mann, der ihr schräg gegenüber sitzt. Einfach so. Ohne Grund. Nur um sich die Zeit zu vertreiben, denkt sie sich unterschiedliche Mordmethoden aus und kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Über die Anfänge europäischer Kulturkritik, die Zweifel Diderots an der Wiederherstellung des Naturzustandes und das Abschütteln jeglicher Melancholie und Müdigkeit als selbstauferlegten Akt freien Denkens kommt sie immer wieder auf ihr eigentliches Thema zurück: den Mord an "Viszmann", der ihr gegenüber sitzt und schlecht geputzte Schuhe trägt. Sie denken, das kann kein buchfüllendes Thema sein? Da kennen Sie Frau Vanderbeke schlecht. Sie schafft es, dieses Thema buchfüllend auszuschmücken, die geneigte Leserin (also mich) herzhaft zum Lachen zu bringen, zu irritieren und zu überraschen.
Irritiert bin ich, weil ich nicht so recht weiß, was ist eigentlich real in diesem Buch. Vermutlich herzlich wenig. Überrascht bin ich durch die klugen Gedankenblitze, die immer wieder auftauchen, ohne dass man gerade mit ihnen rechnet. Zwei Zitate:
"Eine bestimmte Müdigkeit kommt vom Leben, und es ist unklar, was einen weichmacht, die Müdigkeit oder das Leben, weil die Müdigkeit nach einer verständigen Frauenhand zu verlangen scheint, die sanft über die Männerstirn streicht, während das Leben diverses Know-how verheißt, Abgründe inbegriffen ..."
"Es ist immer ein wenig unangenehm, wenn eine Frau um die Vierzig sich hemmungslos ihren Trieben überlässt, obwohl andererseits die Nichtbefriedigung menschlicher Grundbedürfnisse, männlicher, weiblicher Grundbedürfnisse ein zentrales Thema wäre."
Es ist witzig zu lesen, wie das Konstrukt in Frau Vanderbekes Kopf sich entwickelt. Sonderbar genug, dass zwei Fünftel der Menschheit, die die Lektüre von Diderot mit dem Boykott antikommunistischen Schuhwerks verbinden, im Abteil eines französischen Zuges auf der Strecke von Montpellier nach Metz sitzt.
Erfrischend anders und recht schnell ausgelesen!