Buchbesprechung
Hildegund Heinl
Und wieder blühen die Rosen. Mein Leben nach dem Schlaganfall.
120 Seiten. Kösel-Verlag, München 2001
„Ich will erzählen, wie ich diese schwere Krankheit erlebt habe, die mich als ganzen Menschen in meinen Grundfesten erschüttert hat." Dies schreibt die Autorin im Vorwort des kleinen Buches, welches man auch seiner Handlichkeit und des schönen Titelbildes wegen gerne in die Hand nimmt. Die Ärztin, Mitbegründerin des F. Perls-Instituts und Ausbildnerin vieler Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Berufsfrau, die sich durch ihre Therapiemethode, welche Körper und Seele als Ganzheit meint, einen Namen gemacht hat, diese Frau erleidet kurz nach ihrem 79. Geburtstag einen Schlaganfall, der sie rechtsseitig lähmt und teilweise ihrer Sprache beraubt. Ein langer und harter Kampf beginnt, ein Weg, sich mit einer Behinderung auseinanderzusetzen, ohne dabei die Hoffnung aufzugeben, durch stetes Üben die Gehfähigkeit zu verbessern, Finger und Hand wieder zum Gehorchen zu bringen, Wörter wieder kontrolliert aussprechen zu können.
Die Autorin beschreibt diesen steinigen Weg mit hoch differenzierter Wahrnehmung. Sie erzählt in verschiedenen Kapiteln, wie die Krankheit begann, schildert die Akutphase, die Zeit der Frührehabilitation bis zur Situation heute. Dabei fällt ihre Bildsprache auf, wenn sie zum Beispiel (u.a.) feststellt: „Wie traurig sieht eine Hand aus, die vom Schlaganfall getroffen wurde." Ihr ist dabei wichtig, dass Angehörige und Fachpersonal verstehen, wie es einer Betroffenen geht, wenn die Gefühlswelt krankheitsbedingt verändert ist. Scheinbare Launigkeit sind die Folge unkontrollierbarer Stimmungsschwankungen, und emotionale Ausbrüche können ungewollt heftig sein. Sie möchte, „...allen Betroffenen und Angehörigen Mut zusprechen, nicht zu verzagen."
Die „Weltsicht und das Welterleben" der Autorin hatten sich über Nacht, oder wie sie selber schreibt „...mit einem Schlag vollkommen verändert...". Was sich allerdings diesbezüglich genau veränderte, bleibt offen. Ob sich die Sichtweise gegenüber Behinderten verändert hat? Ob ihre Identität als ‚behinderte Ärztin' anders, neu ist? Ob die unbarmherzig erlebte Selbsterfahrung ihre Einstellung verändert hat? Immerhin erarbeitete die vormals eher schulmedizinisch ausgerichtete Ärztin hier zusätzlich zu den schulmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten (Akutbehandlung, Krankengymnastik, Hilfsmittel) in eigenen Kapiteln auch solche aus der Komplementärmedizin (Akupunktur, Feldenkrais, Elektrotherapie, Wärmebehandlung, Massagen).
Heute ist die Autorin 82-jährig und wieder in ihrem Beruf als Lehrtherapeutin tätig. Dass sie inzwischen den Umgang mit dem Computer inklusive E-mail recht gut beherrscht, notabene dies alles nach dem Schlaganfall lernte, zeigt, was alles möglich ist, wenn ein starker Wille und Zähigkeit einer Patientin und die richtigen Fachleute sich zugunsten einer Rehabilitation vereinen. Sie hat ihre Behinderung zweifellos in ihr Leben integriert und ungeachtet ihres Alters nie aufgegeben, an Weiterentwicklung zu glauben. Eine Ermutigung für alle Betroffenen. Gerne wüsste man unter den LeserInnen auch ein paar Ärztinnen und Ärzte.
(Erica Brühlmann-Jecklin)