Aus der Amazon.de-Redaktion
"Oh Ned, you're better off dead
You get no peace of mind.
A track's a trail
And they're hot on your tail
Before they're gonna hang you high."
Dieser Refrain eines Songs von Trevor Lucas aus den 70er-Jahren ist noch heute in vielen Ohren, und er besingt einen der größten Volkshelden, die in Australien verehrt werden: Ned Kelly, der "Robin Hood des fünften Kontinents". Zahllose Mythen ranken sich um diesen Outlaw des 19. Jahrhunderts; über ihn sind unzählige Bücher geschrieben, reichlich Balladen gesungen und auch eine Handvoll Filme gedreht worden (u.a. 1970 mit Mick Jagger in der Hauptrolle).
Ned-Kelly-Biografien gibt es zuhauf; schon zahlreiche namhafte Schriftsteller (u.a. vom Autor von Schindlers Liste, Thomas Keneally) haben sich mit mehr oder minder großem Erfolg an dem Stoff versucht. Dem australischen Booker-Preisträger Peter Carey gelingt es, dem Leben des irischen Einwanderersohns eine gänzlich neue, hochspannende und zutiefst faszinierende Fassette abzugewinnen: Er lässt ihn selbst zu Wort kommen, in Form eines Lebensberichtes, den Ned Kelly kurz vor seinem Tod für seine kleine Tochter aufgezeichnet hat. In einer ganz eigenen ungebärdigen Sprache lässt Kelly sein Leben Revue passieren, von der harten Kindheit über seine ersten Konflikte mit dem Gesetz, seine unfreiwillige "Lehrzeit" bei einem finsteren Berufs-Outlaw und seine steile kriminelle Karriere (mit Pferdediebstählen, Banküberfällen, Polizistenmorden) bis hin zu dem legendären Scharmützel, bei dem er in einer selbst geschmiedeten eisernen Rüstung seiner in einen Hinterhalt gelockten Gang zur Seite stehen wollte und schließlich doch verhaftet und zum Tode verurteilt wurde.
Dass Ned Kelly trotz seiner kapitalen Verbrechen schon zu Lebzeiten ein Held wurde, liegt daran, dass er seine ganzen Energien gegen die mit Willkür und Brutalität herrschenden Kolonialherren richtete und dabei den Armen gegenüber stets großzügig war. So hat Carey es leicht, uns Ned Kelly als sympathischen Helden zu schildern, der diese kriminelle Laufbahn nie angestrebt hat, sondern nichts lieber wollte, als nach dem frühen Tod des Vaters seine Mutter und seine Geschwister mit seiner Hände Arbeit durchzubringen. Doch manchmal zwingen einem widrige Umstände ein Leben auf, das man nie gewollt hat -- und so haben wir hier die erschütternde, etwas melancholische, teils auch hochkomische Lebensbeichte eines Mannes vor uns, der weder Held noch Verbrecher sein wollte, es aber nie selber in der Hand hatte, über sein Leben zu entscheiden. Ein ungeheuer eindrucksvolles Buch. --Christoph Nettersheim
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 25.04.2002
Sacha Verna geht in ihrem langen Artikel über den australischen Schriftsteller nur relativ knapp auf den Roman ein, der aus der Sicht Ned Kellys das Leben dieses legendären Nationalhelden Australiens erzählt. Die Rezensentin vermutet, dass Carey für diesen Roman nur deshalb das zweite Mal den Booker Prize erhalten hat, weil es den Preisverleihern mehr um "Vergangenheitsbewältigung" als um die Würdigung des Buches gegangen sei. Zwar schätzt auch sie den Autor als Meister sowohl des "Post-Post-Modernismus" als auch des "klassischen Storytelling" und lobt die Werke Careys für ihr geschicktes Spiel mit den "Metaebenen". Doch ausgerechnet diesen Roman kritisiert sie in seinem Bemühen um "Einfachheit" für seinen "Holzhacker-Sound", der ihm bald auf die Nerven geht. Überhaupt erscheint Verna die Geschichte dieses australischen Robin Hood als eine ungute Mischung zwischen "Simplizissimus und Spaghetti-Western" und so beurteilt sie das Lob, das Carey von allen Seiten für dieses Buch eingeheimst hat, als schlichtweg "übertrieben".
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 29.05.2002
Evelyn Finger schwärmt. Peter Carey habe die Geschichte von Ned Kelly, dem legendären und doch authentischen irischen Befreiungskämpfer, geradezu erzähltechnisch genial gemeistert. Carey gelinge die unpathetische Steigerung seiner Figur ins Mythische dadurch, dass allein die Zeitungsberichte des Erzählrahmens die überpersönliche, heroische Aura Ned Kellys heraufbeschwören. Der Rest sei aus der Sicht des gesetzlosen Iren selbst geschrieben, in dessen Gedanken und Sprache sich Carey "unnachahmlich hineingedichtet hat", so die Rezensentin. Daraus ergibt sich für sie eine "volkstümlich raue Poesie ohne Schnörkel und Komma". Aber auch ohne Hoffnung. Dies habe etwas von einem archaischen Existenzialismus. Für die Rezensentin bedeutet Careys Roman gleich einen Doppelsieg für die Literatur: gegen die einstigen irischen Unterdrücker und gegen die "Rebellenfolklore". "Der Ire", schließt sie, "metaphysisch und als Befreiungskämpfer betrachtet, ist nicht totzukriegen." Prosaisch hingegen schon: "Ein Held ist eben auch nur ein Mensch."
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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2002
Ned Kelly ist eine wirkliche und sogar wichtige, sehr umstrittene Figur der australischen Geschichte, ein Robin Hood zwischen "Verbrecher und Volksheld". Peter Carey, der Kelly zum Ich-Erzähler seines Romans macht, schlägt sich ganz auf seine Seite. Berichtet wird von der bitterarmen Kindheit, ein wenig hinzugedichtet wird die Entwicklung Kellys zum Autor. In Wahrheit überliefert ist der "Jerilderie Letter", mit dem der Räuber das Parlament auf seine Seite ziehen wollte (was nicht gelang, Kelly wurde 1880 hingerichtet). Die Frage, die Carey hier wie in seinen bisherigen sieben Romanen interessiert, so Renate Schostack, ist die für Australien so zentrale nach der eigenen Identität, und in Kelly findet er einen Helden nach seinem Geschmack. Nicht alle Kritiker in Australien waren, wie uns die Rezensentin mitteilt, damit einverstanden. Ihr scheint das Buch, abgesehen von einigen Längen, gerade wegen der unentwegt turbulenten Handlung gefallen zu haben. Leider, schränkt sie jedoch ein, gehe der eigenwillige "Sound" des Originals in der Übersetzung ganz unvermeidbar verloren.
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