61 Jahre nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, scheinen sich die meisten nur für das Ausmass der Katastrophe zu interessieren. In Fluten von Tinte wird beschrieben wer wen verfolgte, wieviele Opfer es gab und mit grosser Energie werden Schuldige gesucht.
Thomas Casagrande versucht in seinem Buch, der Frage nach zu gehen, warum wurden einige schuldig und andere nicht. Was sind die Mechanismen, die Völker zu Mord und Totschlag veranlassen, nachdem sie über Jahrhunderte friedlich zusammen gelebt haben. Ein Buch das nicht nach Schuldigen sucht, sondern sich der schweren Aufgabe verschreibt, zu analisyren welche politischen, ethnischen und kulturellen Umstände, Schuldige hervorbringen.
In Zeiten in welchen Europa erneut über Themen wie, Integration, Akulturation und Assimilierung spricht, ist diese Analyse unerlässlich und könnte ein wertvoller Beitrag dazu sein, nicht erneut den Boden für zukünftige Schuldige zu bereiten. Casagrande zwingt den Leser über die eigene Possition in der Gesellschaft Europa nachzudenken, sich in der aufgeregten Debatte der Leitkulturen zu reflektieren und seinen eigenen Standpunkt zu suchen. In klarer Sprache führt er uns vor Augen, dass die Probleme des 20.Jahrhunderts weder geslöst, geschweige denn befriedet sind, sondern dass wir nach wie vor Antworten auf die selben Fragen finden müssen, mit welchen unsere Väter und Grossväter konfrontiert waren.
Wer sich nicht damit zufrieden gibt, über vorangegangene Generationen zu urteilen, sondern verstehen will, warum Menschen ihr Leben einer Idee verschreiben und bereit sind es zu opfern, kommt um dieses Buch nicht herum! Vor allem aber wird er sich nicht mehr in der komfortablen Lage der "Gnade der späten Geburt" einrichten können, wird er doch gewahr, dass jede Generation, jederzeit in gewalttätige Konflikte geraten kann, die erneut Opfer und Täter geriert. Auf welcher Seite wird jeder Einzelne von uns stehen?