Rezension
Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Die vier Bücher zur Architektur
OT I quattro libri dellarchitettura OA 1570Form Architekturtraktat Epoche Spätrenaissance
Das 1570 erschienene Architekturtraktat, in dem Andrea Palladio seine Lehre von der Baukunst zusammenfasste und eigene Entwürfe mit Abbildungen antiker Architektur verband, diente späteren Architektengenerationen als wichtigstes theoretisches Grundlagenwerk.
Inhalt: Das Werk behandelt im ersten Buch Material, Mauerkonstruktion und Säulenordnungen architektonischer Bauwerke; im zweiten Buch Stadt- und Landhäuser nach seinen Entwürfen sowie Rekonstruktionen antiker Häuser nach den Schriftquellen; im dritten Buch Städtebau und öffentliche Gebäude in Antike sowie Gegenwart und im vierten und letzten Buch antike Tempel in Bauaufnahmen sowie Rekonstruktionen, frühchristliche Zentralbauten und schließlich den Tempietto von Bramante (14441514).
Den eher knapp gehaltenen Text bereichern großformatige Holzschnitte der Gebäude, welche den Grundriss, Aufriss sowie Schnitte durch verschiedene Achsen und Gebäudeteile darstellen und durch Bildlegenden erläutert werden.
Im Gegensatz zu vielen Vorgängern betrachtet Palladio R Vitruv nicht als allgemein gültige Autorität, sondern als Schlüssel zum Verständnis der antiken Architektur. Der »idealen Schönheit« der Antike verhalf Palladio zu heiter-festlicher Würde mit betonter Repräsentation, klarer Gliederung und ausgewogenen Proportionen. Über den Bau von Gotteshäusern schreibt er: »Lob verdienen alle, die sich durch schöne, angemessene Proportionen und eine elegante, wohl geschmückte Architektur auszeichnen.« Wichtig erscheint ihm der Standort eines Tempels, der über einen Großteil der Stadt blicken sollte. Palladios besondere Liebe gilt der Tempelfront. Eine ähnliche Gestaltung verwendet er für die Konstruktion seiner Palazzi.
Ausführlicher als andere Theoretiker seiner Zeit behandelt Palladio Säulenzwischenräume. Vitruv nennt einen Bau mit Interkolumnien von 2 1/4 Modul (= unterer halber Säulendurchmesser) »eustylos«, den Schönsäuligen. Somit folgt er Vitruvs Empfehlung und bezeichnet den Zwischenraum von 2 1/4 Säulendicke zwischen den Säulen als den schönsten.
Anders als Vitruv sieht Palladio jedoch Säulenproportion und Interkolumnium als ein architektonisch zusammengehöriges System: Je dicker die Säulen, desto größer dürfen die Zwischenräume sein.
Wirkung: Palladio wollte mit seinem Werk ein geläutertes und systematisches Bild der antiken Architektur und ihrer Anwendung geben. Schon zu seinen Lebzeiten erwarb er sich den Ruf, der führende Theoretiker und Praktiker der antiken Form zu sein. Durch zahlreiche Veröffentlichungen und Übersetzungen beeinflusste sein Lehrbuch nicht nur die europäische Architektur maßgeblich. V. R.
Über den Autor
Andrea Palladio (1508-1580) wird als Sohn eines Müllers in Padua geboren. Sein Vater schließt für den 13-Jährigen einen Lehrvertrag mit der Werkstatt des Architekten und Steinmetzen Bartolomeo Cavazza da Sossano ab. Im April 1523 flieht Palladio aus der Werkstatt Cavazzas nach Vicenza, wird aber wegen Vertragsbruchs zur Rückkehr gezwungen. Bei Aufenthalten in Rom studiert er die antiken Bauwerke und die Schriften Vitruvs. Dieses Studium prägt auch seine eigenen Bauten: Wo immer möglich, verwendet er antike Ordnungen und Formen. Dieser palladianische Klassizismus steht durch seine klare und einfach nachzuvollziehende Formensprache im Gegensatz zur kapriziösen Kunst Michelangelos, ist entwicklungsgeschichtlich aber gleich bedeutend und leitet die klassizistische Richtung des Barock ein. Palladio baute sehr viel in Vicenza und prägte mit seinen Palastbauten das dortige Stadtbild, seine Hauptkirchenbauten führte er in Venedig aus.Prof. Dr. phil. Andreas Beyer war bis Herbst 2003 Leiter des Instituts für Kunstgeschichte an der RWTH Aachen, ist seit 2009 Direktor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris und hat jetzt die Professur Kunstgeschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Basel inne.