sitze ich weder als realer Beobachter noch als Leser gern. Wenn es um sehr intime, sehr persönliche Begegnungen zwischen zwei Menschen geht, ist ein Dritter störend - uns so habe ich mich bei den sehr explizit erotischen Gedichten zunehmend unbehaglich gefühlt - ich möchte einfach nicht dabei sein, wenn Erich Fried oder sonst jemand seinen Kopf in den Schoss der Geliebten legt und sie dann dort mit der Zunge berührt oder in der Badewanne ihren Urin trinkt! An manchen Ermahnungs-Gedichten - die Liebe im politischen Kampf nicht zu vergessen ("Kein Unterschlupf") und an den Kampfansagen gegen eine verspießerte Prüderie ("Krank" oder "Schwein des Anstoßes") ist auch die Zeit vorübergegangen. Auf der anderen Seite enthält der Band eine Reihe von wirklich wunderschönen, zeitlos bleibenden und wirkenden Liebes- und Liebeskummergedichten - nicht nur das zu Recht berühmte und in zahlreichen Anthologien abgedruckte "Was es ist" (Es ist Unsinn, sagt die Vernunft - Es ist was es ist, sagt die Liebe...") sondern auch "Nachhall", "Letzte Stunde" und etliche mehr. Wenn man eine Anthologie als einen Korb versteht, aus dem sich jeder die Früchte herausnehmen darf, die ihm behagen, dann kann ich durchaus empfehlen, genau hinzuschauen und auszuwählen.