„Die Realitäten sind düster", schreibt Prof. Dr. Stein Huseboe im Vorwort. „Wer etwas über Reife und Ethik der heutigen Gesellschaft erfahren will, sollte sich in das nächste Alters- oder Pflegeheim begeben und dort ein paar Tage als Beobachter o-der noch besser in der Rolle einer Bewohnerin verbringen."
Dass es auch anders geht, wird in dem Buch „Alt, krank und verwirrt" sowohl fachlich kompetent als auch sehr einfühlsam, reflektiert und mitunter selbstkritisch geschildert.
An der Entstehung des Buches waren 24 AutorInnen (ÄrztInnen, diplomierte Pflege-personen, PflegehelferInnen, jeweils eine Ergo- und Physiotherapeutin, eine Med. Techn. Fachkraft sowie eine Patientin der Abteilung für Palliativmedizinische Geriat-rie im Geriatriezentrum am Wienerwald, Wien) maßgeblich beteiligt.
Alle beschreiben ihren Weg in eine neue Betreuungsform für schwerstkranke und/oder demente Hochbetagte am Ende ihres Lebens.
Über Hospizarbeit und Palliative Care gibt es eine umfangreiche Literatur. Gefehlt hat bisher ein von der ethischen Haltung her überzeugendes und fachlich fundiertes Buch über Palliative Care in der Geriatrie, vor allem für demente hochbetagte und sterbende BewohnerInnen einer Pflegeeinrichtung. Hier schließt das Buch endlich eine seit langem bestehende schmerzliche Lücke: Hospizliches Denken und professionelles Knowhow in Palliative Care werden praxisnah und anschaulich für den Bereich der Geriatrie erschlossen.
Diesem eklatanten Mangel an geeigneter Literatur mit einer ethischen Haltung, die den Menschen so annimmt, wie er (geworden) ist sowie mit fachlich kompetenten Konzepten entgegenzutreten, ist der eigentlich große Verdienst dieses Buches und der AutorInnen.
Die Herausgeberin, DDr. Marina Kojer ist in Österreich eine Pionierin in diesem Bereich, aber mittlerweile weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und geschätzt. Ihr und ihren MitarbeiterInnen ist es gelungen, in Wien die erste Station für palliative Geriatrie zu gründen.
In den zahlreichen Beiträgen werden behandelt: Fragen der Therapie, Pflege und Begleitung, z.B. in Hinblick auf Schmerzerkennung und Schmerztherapie, Begleitung sterbender Hochbetagter, Palliativbehandlung schwer Dementer und Ethik im ärztlichen und pflegerischen Alltag sowie die Einbindung und Begleitung der Angehörigen.
Die AutorInnen belegen mit Recht, dass alleinige Kompetenz in Schmerztherapie bzw. Symptomenkontrolle bei geriatrischen Patienten nicht genügen kann.
Palliative Geriatrie sieht sich hier mit Zielen konfrontiert, die sich z.T. grundsätzlich, manchmal nur im Detail von herkömmlichen Zielen der Palliativmedizin unterscheiden.
Zitat Marina Kojer „Das wesentlichste Bedürfnis aller Menschen ist es, andere zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden. Hochbetagte sind durch physiologische Verlangsamung, durch Behinderungen und chronische Krankheiten oft weitgehend von der Kommunikation mit ihrer Umwelt ausgeschlossen. Erst wenn es gelingt, eine gemeinsame Sprache zu finden und so ihr Vertrauen zu erwerben, öffnen sich auch die medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Wege zur Verbesserung ihrer Lebensqualität. „
Dass dies vor allem durch Herstellen einer tragfähigen Beziehung und einer bewussten Ethik des persönlichen Verhaltens gelingt, wird sehr anschaulich in den verschiedenen Beiträgen dargestellt. Beeindruckend ist hierbei die Offenheit der AutorInnen und die vielen praxisnahen Beispiele, die für alle in diesem Bereich tätigen Professionen wertvolle Anregungen und Hilfestellung bieten kann.
Mit diesem Buch liegt nun erstmalig im deutschsprachigen Raum ein hervorragender Betreuungsansatz vor, dem man nur wünschen kann, dass er sich immer mehr durchsetzen wird.
Daher ist das Buch m.E. ein MUSS für alle, die im Bereich der Altenarbeit und Altenpflege sowie der Hospizarbeit und Palliative Care tätig sind. Ich denke nicht, dass ein als Fachbuch konzipiertes Werk ein noch besseres Lob erhalten kann.