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Die versunkene Welt. Ein ostpreußisches Dorf in Erzählungen der Leute Gebundene Ausgabe – 23. September 2008


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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
  • Verlag: Eichborn Verlag; Auflage: Aufl. 2008 (23. September 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3821862157
  • ISBN-13: 978-3821862156
  • Größe und/oder Gewicht: 13,4 x 3,4 x 22,3 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 217.176 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Produktbeschreibungen

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1.Otto SteinkeKam man den Weg von Eszerienen herauf, ging in nordöstlicherRichtung und zweigte ab, linker Hand vorüberam Roten Bruch, eine leichte Steigung hinan, so tat sichplötzlich der Wald auf, und hinter hügeligen Feldern lageine Ansammlung von Höfen, ein Dorf. Ineinandergeschachteltstanden um die sechs Hofplätze Schuppen,Ställe und Wohnhäuser. Inmitten zog sich die Dorfstraßehin, kopfsteingepflastert und leicht abschüssigwie auf einem schiefgehaltenen Handteller. Von Eszerienenkommend, bog man beim Gehöft von Kerschowskisums Eck, sah zu beiden Seiten das Anwesen von ThedorPauluhn, mit dem Wohnhaus zur Rechten, gefolgtvon Schettlings Geviert und gegenüber den Gebäudenvon Otto Pauluhn und von Ranglacks, bis zur Biegungnach Alt-Kermuschienen, und hier, am Dorfausgang, lagSteinkes Besitz.Kermuschienen hieß soviel wie "Bärlauchort", derName entstammte dem Pruzzischen. Wuchs denn dortBärenlauch? Es roch zuweilen sehr streng, wie nach Aas,in Steinkes Wald, mehr links zu, hinter dem Blockhausam Hang. Seidelbast, Waldmeister wuchsen.Der Otto Steinke braute sich eine Mischung aus Spiritusund Honig oder machte Ameisenspiritus, legte eineFlasche leer in einen Ameisenhaufen, bis die Ameisenhineinkrochen, und goß mit Brennspiritus auf, auf dielebendigen Ameisen. Nach längerem wurde abgesiebt.Furchtbar scharf war das, zum Einreiben, die reineAmeisensäure.Ein Kribbelkopf war er, stets ging er zu Fuß, alleWege, selbst die achtzehn Kilometer bis zum Ernst, alsder Sohn schon verheiratet war und fort von zu Haus.Einen Krückstock in die Hand, und er zog los. Für dasPferd hatte er sich ein Roßwerk gebaut, ein Pumpwerkmit einem Pferd, das immer im Kreis lief. Er aber liefgeradeaus, immer drauflos. Auch zur Kirche ging erimmer schon vor; während die anderen noch Vorbereitungentrafen, mit der Kutsche zu fahren, sagte er bloß:"Eck goah all, met ju foahr eck nich", und fort war er.Der Otto Steinke war ziemlich groß und die Wilhelmineein Knubbelchen, und sie lebten wie ein Ehepaaraus der Bibel bei Paulus, das am selben Strang zog. Malfuhren Steinkes, alle in Pelzdecken gewickelt, zur Kirche.Wilhelmine hatte ein Chenille-Tuch und noch einzweites Tuch um die Schulter, zu Weihnachten war das,und es lag dichter Schnee! Man sah nichts, keine Spur,nicht Weg, nicht Steg. Alles war weiß. Es stiemte auchnoch, und sie fuhren, mit einem Mal kippte der ganzeSchlitten aus, sie sind die Böschung hinuntergerutscht,sie mußten sich wieder einsammeln und die Wilhelminemit ihren Tüchern aus dem Schnee herausziehen. ImSchnee auskippen, auskullern, das fanden die Kinder immerlustig. Sie prusteten los und kicherten und konntensich kaum wieder einkriegen.Vor dem Umzug auf den Seehof nach Alt-Szabienenwohnten auf Steinkes Hof noch alt und jung zusammen.Otto und Wilhelmine lebten auf dem Altenteil in einerKammer mit Küche und Kachelofen. In den Blumen-töpfen zog die Wilhelmine, die "Schiensche Oma", wiedie Enkel sie nannten, immer Goldlack und Myrten. Ineinem Bilderrahmen hingen die Familienphotos in einerReihe nebeneinander. Es war kaum zu treten, so eng wares zwischen Tisch, Chaiselongue und den Betten, imSchlafzimmer kam man kaum durch, alle Kinder schliefenbei ihnen mit. Drei Kinder vom Albert waren schongeboren, der Hubert, die Ruth und der Hans, nur derSiegfried noch nicht. Wenn schlecht Wetter war, habendie Kinder Schnüre gezogen vom Bettfuß zum Tischfuß,daß die Oma bald gar nicht hineinkam. Aber sie hat siedas alles immer tun lassen, so gutmütig war sie. Mit diesenSchnüren spielten die Jungen bei ihr Weidegärten,die bauten sie sich aus Stöckchen, kaum konnte man auftreten,ohne daß die Kühe, das waren Eicheln, oder diePferde, das waren Kastanien, ins Freie gelassen oder zertrampeltwurden. Dabei saß die Oma auf ihrem Sesselvor dem Spinnwocken, hat die Wolle gekämmelt und gesponnenoder Strümpfe gestrickt und Fausthandschuhe.Jedes Enkelkind sollte immer ein Paar haben, darin warsie unermüdlich. Und Strümpfe und Handschuhe hat siebeflickt, auch wenn sie noch fast neu waren, dann wurdeein Flick gemacht, daß es wärmer war, immer hat siegeflickt und gestöhnt: "Ich armes Flickerweib." Auf dieandere Oma war sie nicht gut zu sprechen, weil dieimmer die feineren Sachen machte, während sie bloß dasAlte flickte. Oft hatte sie ihr Liederbuch neben sich liegenund sang leise vor sich hin. Dann wieder nahmendie Kinder Bauklötze und Zinnsoldaten und stellten siein zwei Fronten gegeneinander, verschanzten sich mitihren Soldaten hinter den Bauklötzen und schossen mitKastanien aufeinander. Einen ungeheuren Lärm konntedas machen, aber die Oma hat das rein gar nicht gestört.Der Otto hielt sich mehr für sich und hatte nieZeit. Er las immer eine Zeitschrift mit gelbem Deckblatt,"Zions Bote" oder "Bote Zions", so wie auch den"Wandsbeker Boten". Für die Kinder hat er Spielsachen,kleine Wagen gebastelt. Meist beschäftigte er sich imSchauer, wo Holz herumlag und wo er sein Werkzeughatte. Dann war er in seinem Element, hat alles zurechtgemacht,repariert und in Gang gehalten. Und die Kinderhaben manches von ihm gelernt oder sich abgeschaut.Eigentlich war der Otto Steinke ein Bauer wie jederandere, nur handwerklich geschickter, er hatte Müllergelernt. Jedenfalls hat er die Mühle gebaut, am Drosselberg,wo Weideland war, ein Stück oberhalb vom Friedhof,er hat im Dorf den Brunnen gebaut und die Drainage,hat die Rohre gelegt bis in die Küche und in denStall. Im Winter, wenn das Vieh im Stall war, wurde bisdorthin gepumpt. Das Pferd im Roßwerk war mit derZeit so schlau, daß es überhaupt keinen Führer mehrbrauchte. Da konnten sie ruhig weggehen, wenn sie daseine Pferd, das ältere, eingespannt hatten. Wenn das läutenhörte, stand es von allein, das brauchten sie bloß abzuspannenund wieder heimzubringen. An der Verandavor dem Haus hing eine Pflugschar und daneben einHammer. Wenn gehämmert wurde, stand das Tier still.Auch wenn das Faß in der Küche voll war, haben sie bloßdrangeschlagen.Der Otto Steinke hat nur den Mahlbetrieb gemacht.Armin Stenzel aus Ballupönen war ein Jahr bei ihmKnecht, wurde krank, kriegte schwere Füße, war in Darkehmenin Gips ein halbes Jahr, darauf wurde das Dienstverhältnisgelöst. In dieser Zeit kam der Neffe, der AlfredStenzel, zum alten Steinke ins Dorf. Und wennWind war, haben sie gemahlen, in der Mühle oben, amFuße des Drosselbergs. Die andere Mühle, am Schulweg,rechts vom Weg, wo es früher zur Försterei ging, gehörtedem Franz, und die stand meist still. Das war bloßeine Schrotmühle, die kleinere. Eine Bockmühle zwar, eswaren drei, vier Mann nötig, um die ganze Mühle in denWind zu drehen, unten an einer Deichsel, die Flügel jedochwaren starr. Die größere hingegen war eine Kopfmühle,es wurden nur oben die Flügel gedreht, der obereTeil war schwenkbar mit einem Griff, dem Sterz, denkonnte der alte Steinke nach Belieben hin- und herführen.Und die Mühle stand fest, nur oben die Flügel bewegtensich.Wie er die baute? Naturtalent kann das nicht gewesensein. Er hat erzählt, daß er gewandert ist, nicht nurbei ihnen zu Hause, auch über Land in Pommern undMitteldeutschland. Wie er...

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich Von G.Z. am 21. März 2010
Format: Gebundene Ausgabe Verifizierter Kauf
Habe das Buch innerhalb zwei Tagen gelesen ist wirklich prima geschrieben und vor allem ein Tatsachenbuch das man unbedingt lesen muß wenn man irgendwie etwas mit Ostpreußen zu tun hat
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