Archimedes soll gesagt haben "Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die
Welt aus den Angeln". Liedloffs Buch hat etwas von einem solchen
archimedischen Punkt in Bezug auf unsere kulturelle Welt. Für mich war das
Buch wie ein fester Punkt außerhalb, durch den ich mich aus dem Sumpf der
Normalität befreien konnte.
Mit dem Sumpf meine ich die Rückbezüglichkeit oder Systemgefangenheit
innerhalb unserer Kultur. Fast alle Bücher und Theorien haben ein
Menschenbild zur Grundlage, das auf den Erfahrungen mit Menschen aus dieser
unserer Kultur beruht, und sind deshalb selten in der Lage, aus diesem System
herauszuführen. Sie beschreiben immer nur was ist, aber kaum was möglich
wäre.
Da ist Jean Liedloffs Buch ganz anders. Indem sie eine völlig andere Kultur -
die der Yequanas in Venezuela - beobachtet, beschreibt und sich in sie
hineinfühlt, ist sie auch in der Lage unsere Dominanzkultur mit ganz anderen
Augen zu sehen und das Menschenbild enorm zu erweitern.
Das Buch ist so radikal und gehaltvoll, daß bei den meisten LeserInnen nur ein
kleiner Teil davon hängen bleibt. So bekommt man beim Lesen der Continuum
Concept Seiten oft den Eindruck, als wäre das Buch nur ein Ratgeber für eine
Methode, mittels Tragen, langem Stillen und Familienbett eine bessere Mutter
zu werden. Das ist eben genau das, was am einfachsten in unsere Kultur
integriert werden kann. Doch im Buch steckt viel mehr, ein völliger
kultureller Wandel . Deshalb kann man es auch immer wieder lesen und dabei
jedesmal Neues entdecken, was man bisher übersehen hatte.