Nachdem ein anderer Rezensent (Heiko Geilen) bereits frech einen Teil meiner anderswo veröffentlichten Buchbesprechung zu "Lost Horizon" wörtlich kopiert und unter seinem Namen bei Amazon eingestellt hat, veröffentliche ich jetzt meinen kompletten Text hier.
Kein Mensch kennt heute mehr James Hilton, aber in den 30er und 40er Jahren war dieser englische Autor enorm populär. Mehrere seiner Bücher sind Bestseller, wurden oft gleich mehrmals verfilmt und sind nach wie vor im Buchhandel zu haben. Irgendwas muss also schon dran sein an diesem Autor. Ich wurde zufällig auf ihn aufmerksam, als mir eine alte Ausgabe seines Buchs "Random Harvest" in die Finger kam. Angesichts der fürchterlich kitschigen Aufmachung hätte ich es gleich weg gelegt, wäre es im Klappentext nicht als internationaler Bestseller angepriesen worden. Ich las also ein bisschen in den Text hinein, fand ihn nicht so schlecht, und durfte dann feststellen, dass das Buch(um einen Mann, der im 1. Weltkrieg vorübergehend sein Gedächtnis verliert und später der verlorenen Zeit nachforscht) nach seinem noch etwas schwerfälligen Anfang immer besser wurde. Am Ende war ich begeistert und musste unbedingt mehr von dem Mann lesen - so kam ich unter anderem zu Lost Horizon" alias Der verlorene Horizont" oder auch Irgendwo in Tibet".
An der Oberfläche ist das Buch eine Abenteuergeschichte, die eine gute Vorlage für die mehrmalige Verfilmung abgab. (Nachdem so viele seiner Bücher verfilmt wurden, ging Hilton selbst von England nach Hollywood, um dort Drehbücher zu schreiben.) Dieser Roman ist auch die Quelle des imaginären Landes "Shangri-La": Hilton dachte sich diesen Namen für ein mythisches Kloster im tibetischen Hochland aus, später wurde er zum Synonym für ein Traum- oder Märchenland schlechthin.
Zur Geschichte: Der englische Diplomat Hugh Conway wird in den 30er Jahren mit drei anderen Personen per Flugzeug nach Tibet entführt. Der Pilot stirbt bei der Landung, die vier werden von einem Chinesen und seinen tibetischen Trägern ins fast unzugängliche Kloster Shangri-La gebracht. Dort wacht eine Gruppe offenbar buddhistischer Mönche über die Bewohner eines fruchtbaren Tals ohne Verbindung zur Außenwelt. An diesem weltabgewandten Ort scheint die Zeit stillzustehen, weichen alle Leidenschaften der heiteren Gelassenheit, auf der die Lehre der Mönche basiert. Conway lässt sich von der Atmosphäre und der Schönheit des Ortes gefangen nehmen, zumal er seit seinen traumatischen Erlebnissen im ersten Weltkrieg desillusioniert und ohne rechtes Ziel im Leben ist. Zwei der anderen Entführten, ein amerikanischer Finanzbetrüger und eine englische Nonne, können sich mit dem Leben in Shangri-La ebenfalls anfreunden, während Mallinson, ein Untergebener Conways, auf Flucht aus dem goldenen Käfig drängt. Conway erfährt das Geheimnis des Klosters, das u.a. mit lebensverlängernden Drogen zu tun hat, und ist bereit, dort für immer zu bleiben - doch als Mallinson mit Hilfe eines chinesischen Mädchens von dort flieht, muss er ihm helfen und dazu selbst Shangri-La verlassen.
Erstmal zu dem, was das Buch NICHT ist: Einblicke in die chinesische oder tibetische Kultur darf man hier nicht erwarten, auch nicht in den Buddhismus und seinen spirituellen Hintergrund. Man kann den Roman als Abenteuergeschichte lesen, wird dann aber keinen strahlenden Helden vorfinden, der die Bösewichter überwindet. Erstens gibt es gar keine Bösewichter, und zweitens will Conway als Hauptfigur gerade kein Held sein, weil er das viel zu oft sein musste und sich viel lieber nur treiben lassen möchte. Hilton hat die eigentliche Erzählung auf geschickte Weise mit einem Rahmen umgeben (das tut er in mehreren seiner Bücher), der die Glaubhaftigkeit der eigentlich ja fantastischen Idee erhöht, so dass man gern geneigt ist, ihm das ganze abzunehmen. Das ist dann zwar schon recht spannend - aber man sollte doch noch einen Blick unter diese Oberfläche werfen..
Man kann "Lost Horizon" ganz klar als Zeitdokument lesen, in dem die Spannung zwischen den beiden Weltkriegen zum Ausdruck kommt. Eine Katastrophe war vorübergegangen und hatte schlimme Spuren hinterlassen, die andere dämmerte schon am Horizont herauf. Kein Wunder, dass die Menschen sich einen Rückzugsort mit einfachen Regeln und ohne Aggression wünschten, an dem man einfach warten konnte, bis alles vorbei geht. Und an dem man sich schöneren Dingen wie Musik, Literatur und überhaupt der Kultur widmen konnte - nicht nur schimmert der Bildungshintergrund des Autors deutlich durch, auch die Mönche haben sich ausdrücklich die Aufgabe gesetzt, die wertvollen Güter der Vergangenheit vor der Barbarei der Gegenwart zu bewahren, für ein kommendes Zeitalter des Friedens. Tibet ist eigentlich nur zufällige - wenngleich beeindruckende - Staffage, weil man dort noch einigermaßen glaubhaft ein unentdecktes Tal mit seinen Besonderheiten ansiedeln konnte. James Hilton (1900-1956) hat also der Friedenssehnsucht seiner Zeit einen Ausdruck, ein Ziel und vor allem einen Namen gegeben: Shangri-La.
Geht es also nur um Eskapismus, ist das Buch bloß Fluchtliteratur? Njet. Erstmal ist Flucht ja nicht per se etwas schlechtes, solange man sich nicht selbst zu den Gefängniswärtern rechnet... Vor allem aber beschränkt sich Hilton nicht darauf, die schöne Illusion aufzubauen, er stellt sie auch selbst wieder kritisch in Frage. Conway weiß selber, dass er (stellvertretend für seine ganze Generation) hier hauptsächlich Heilung von seinem Kriegstrauma sucht, und dass dieser Ort dafür so perfekt ist, dass er eigentlich seinen eigenen Träumen entsprungen sein könnte. Ob so ein Ort außerhalb von Welt und Zeit überhaupt möglich ist, stellt Hilton durch die Person Mallinsons in Frage, und erzählerisch geschickt weckt er auch im Leser Zweifel, ob er nicht einer Phantasmagorie Conways aufgesessen ist. Hin- und hergerissen zwischen Pflichtgefühl und dem Wunsch, sich einfach fallenzulassen, verlässt Conway seinen paradiesischen Ort und weiß selbst nicht, wieviel davon er nur geträumt hat. In kurzen Schlaglichtern des Epilogs erfahren wir, dass er sich später auf den Weg gemacht hat, um sein Shangri-La wiederzufinden. Der Erfolg bleibt offen, das Ende lädt zum Weiterträumen ein.
Noch besser versteht man dieses Buch, wenn man auch "Random Harvest" gelesen hat (deutscher Titel Gefundene Jahre"). Obwohl das Thema ein ganz anderes zu sein scheint, geht es unter der Oberfläche genau um die gleichen Fragen. In beiden Fällen ist der "Held" nach Erlebnissen im ersten Weltkrieg ohne Ziel und Illusionen, erfüllt zwar seine Pflicht und hat nach außen hin Status und Erfolg, weiß aber so recht nicht, wozu er das alles tut - er ist nicht bei sich selbst. Muss die gequälte Seele in "Lost Horizon" noch in Tibet die Erlösung suchen, so findet sich im späteren "Random Harvest", geschrieben 1941, der Schlüssel zum eigenen Ich in der Aufarbeitung der Vergangenheit. Auch dort hat der Held am Ende seine Chance, und es bleibt dem Leser überlassen, sich das weitere auszumalen.
Vielleicht bemerkt man, dass ich "Random Harvest" im ganzen für das bessere der beiden Bücher halte und eher zum Lesen empfehlen würde. Die Handlungsstränge zu verschiedenen Zeiten sind dort noch spannender miteinander verquickt, die zeitgeschichtlichen Einblicke sind noch interessanter und kommen ohne mystisches Drumherum aus, der Autor hat zudem intelligente und amüsante Betrachtungen etwa über den englischen Charakter und die Menschen überhaupt eingestreut - und schließlich gibt es dort noch eine wunderbare Schlusspointe. "Lost Horizon" ist etwas leichter zu lesen, "Random Harvest" aber reifer und lohnender. Gemeinsam sind den beiden Büchern noch die große Bedeutung der Dialoge zwischen den männlichen Hauptfiguren und die etwas dünnere Darstellung von weiblichen Charakteren, was der Romantik erstaunlicherweise aber keinen Abbruch tut. Das ist vielleicht ein Schlüssel zu Hilton: Er ist ein desillusionierter Romantiker, der sich und vieles andere durchschaut hat, aber trotzdem nicht aufgibt.
Es gab mehrere Filme nach diesem Buch, aber der wichtigste ist der von Meisterregisseur Frank Capra, für den es 1938 zwei Oscars gab (und den man auf DVD bekommt). Zu den Schauspielern gehören Ronald Colman, Jane Wyatt, John Howard Margo und Thomas Mitchell. Der Film ist gut inszeniert und gespielt, aufwändig gemacht, dabei natürlich deutlich verändert gegenüber dem Buch: viel weniger Tiefe und Hintergrund, dafür mehr Drama und Humor, geänderte Personen, mehr Liebesgeschichten, etwas cleane Hollywood-Erotik (aber nicht mehr die expliziten Angaben zur Sexualität, die Hiltons Mini-Gesellschaftsentwurf enthält), insgesamt amerikanischer als die britische Vorlage - und natürlich mit Happy End.
Fazit: "Lost Horizon" ist heute sicher nicht mehr so eine Offenbarung, wie es das für die Erstleser vor 70 Jahren gewesen sein muss. Es ist gut und spannend geschrieben, kommt ohne platte Klischees aus und bringt je nach Geschmack zum Träumen oder zum Nachdenken. Es lohnt sich zumindest für den, der entweder der Legende von Shangri-La auf den literarischen Grund gehen möchte, oder sich aber selbst von allem Stress wegwünscht in ein harmonisches Traumland... und diese Sehnsucht auch bereit ist mit etwas kritischer Reflektion abzurunden.