Die Person des Jesus von Nazareth ist christlich-religiöses Zentralthema in den Kommunikationsmedien. Sie bündelt mannigfache Erwartungen und Befürchtungen vieler Menschen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Das Buch von Roman Heiligenthal vermittelt verständliche Suchhilfen zur Klärung der Frage: „Wer war Jesus wirklich?" Nach meinem Urteil verdient das Buch die höchste Bewertung.
Zur Begründung:
1. ÜBERSICHTLICH stellt der Autor die ganz unterschiedlichen Positionen vor: a) atheistische und nichtchristliche Kritiker wollen Jesus Heilsbedeutung absprechen; b) Radikalisten erkennen in der Predigt Jesu „archaisch-inhumane Züge"; c) wissenschaftliche und volkstümliche Darstellungen sollen erläutert werden. Diesen gilt des Verfassers Hauptinteresse. Genauer kommen zur Sprache: das jüdische Jesusbild (S. 26-42); das feministische Jesusbild S. 43-70); Jesus, der Mann (S. 71-88); Jesus als Anwalt der gesellschaftlich Unterprivilegierten und Kritiker der Amtskirche (S. 89-100); Jesus der Vegetarier und Friedensfreund (S. 120-124).
2. ALLGEMEINVERSTÄNDLICH erschließt sich dem Leser der Hintergrund: „Für Paulus war allein seine Glaubenserfahrung entscheidend, die es ihm ermöglichte, in Jesus den von Gott verheißenen Messias zu sehen, der von den Toten auferweckt wurde" (S. 4). Evangelienberichte und außerbiblische Zeugnisse erschlossen Deutungsmöglichkeiten. „So entstand bereits in der frühesten Zeit eine Vielfalt von Jesusbildern, die deshalb ihre Berechtigung hatten, weil sie alle an unterschiedliche Aspekte der Person und Wirksamkeit des irdischen Jesus anknüpften" (S. 5).
3. KLAR erkennt der Leser die Position des Verfassers. Versuche, „echte" Jesusworte von „unechten" mit vereinfachenden Methoden zu unterscheiden, lehnt Heiligenthal ab. „Hierin sehe ich eine Hauptursache für die zahlreichen teilweise grotesk mißdeuteten Versuche, den wirklichen Jesus darzustellen". Er verweist nachdrücklich auf die Meinung seines Lehrers Klaus Berger: „Seit rund zweihundert Jahren bedient man sich zur Rekonstruktion dieser Jesusbilder eines besonderen Tricks, der den Anschein der Wissenschaftlichkeit hat: Man möchte unterscheiden zwischen ‚echten' und ‚unechten' Jesus-Worten und Jesus-Taten. Regelmäßig führte dieses Bemühen dazu, daß man alle sympathischen und modernen, also mit der modernen Wissenschaft zu vereinbarenden Züge für ‚echt' und aus der Zeit des Wirkens Jesu auf Erden stammend, d.h. ‚vorösterlich' hielt, den Rest dagegen für ‚späte' Gemeindebildung lange nach Ostern" (S. 5). Heiligenthal erkennt auch eine Erkenntnis Albert Schweitzers aus dem Jahre 1913 an, nämlich den Tatbestand, „daß die Erforschung des Lebens und Wirkens Jesu nicht von einem rein historischen Interesse bestimmt war. Vielmehr konnte er zeigen, daß die meisten Jesusbiographien seit der Aufklärung im Dienste eines Befreiungskampfes gegen das kirchliche Dogma gestanden haben" (S. 8).
ZUSAMMENFASSEND stimme ich dem Autor zu: „Viele Thesen über Jesus, die sich heute besonderer Popularität erfreuen, sind weder originell noch historisch fundiert; sie entspringen schlicht der Phantasie ihrer Verfasser. Aufgabe der Kirchen wird es bleiben, den zahlreichen Lebensbildern Jesu eine Verkündigung entgegenzusetzen, die beides festhält: das teilweise provozierende und herausfordernde Leben und Wirken des Menschen Jesus von Nazareth und den Glauben an die heilstiftende Kraft des Christusglaubens" (S. 126).
Genau an dieser Stelle ist es reizvoll, weiterzufragen: Inwiefern verfügt die Kirche über die „Verkündigung" indem sie "festhält"? Sie verfügt über Räume, Kirchensteuer und Dogmen. Die „heilstiftende Kraft des Christusglaubens" konnte und kann von keiner Institution tradiert werden! Sind es nicht die einzelnen Christen, denen Gott das Herz gewandelt hat, Geistliche und Laien gleichermaßen, die beauftragt sind zu „verkündigen", wahrhaftig den lebendigen Christus zu bezeugen? Nicht nur mit Worten, sondern mit ihrem Verhalten, gespeist von ihrem persönlichen Empfinden und Glauben: Gott ist bei uns.