Die Beschreibung eines Erfüllenden, eines Menschen, der nicht im Mittelpunkt stehen will, der zufrieden wäre, wenn man ihn in Ruhe ließe und nicht als Opfer degradiert. Hilflose Eltern, brutale Internats-Freunde, Marken- und Erbschaftsschnösel, irgendwie findet Friedrich Ostertag, der Mittelständische, dessen Großvater das Spiel Fange den Hut erfand, zur Fähigkeit zu schreiben, der Überlebensmechanismus eines Autistischen. Wie ein Ertrinkender klammert er sich an diese Fähigkeit, erzielt beste Erfolge, weil er sich in andere hineindenken kann. Kein Egoist, ein aufrichtig ehrlicher Mensch, bar jedes Bösen.
von Conti, der Adlige, den Friedrich vom Internat her kennt, brachte Friedrich Ostertag, den Zögerling und Hasenfuß, als eigenständiges Thema irgendwann zur Sprache. von Conti ist der Strahlemann, der alles Überragende, hinter dem Friedrich irgendwann mitsegelt, als Ghostdenker und Ghostwriter. Unverhofft stellt von Conti Friedrich in den Mittelpunkt, weil er unentbehrlich für ihn geworden ist. Langsam entwickelt Friedrich in diesem Windschatten ähnlichen Mutwillen, ohne jedoch wirklich die letzte, egoistische Durchsetzungskraft eines von Conti zu besitzen. Er erlebt Dinge sozusagen Second Hand, abgeschaut vom Freund, auf merkwürdig komische Art nachexerziert, sprachlich glänzend in Szene gesetzt.
Friedrich, der Könner und Schreiber, der von Conti ein Redner, Blender, Frauenheld und Beeindrucker, beide ergänzen sich perfekt, der eine der feiernde Tag, der andere die arbeitende Nacht. Friedrich Ostertag wurde für die Frauen nur ein Durchgangszimmer, ein Wartemann, er ist ein merkwürdige Gestalt, denkt man, gequält vom Dasein, dem Vater und überhaupt. Schule ein Drama, Internat eine Qual, aber doch erkämpft sich das Opfer Friedrich irgendwie durch zur Anerkennung, zum Gebrauchtwerden. Er kann viel mehr, schreibt sich Dinge von der Seele und wird zu einem absoluten Könner im wissenschaftlichen Bereich der Soziologie, der Politik, hochauffahrend, der Souffleur des Adligen von Conti.
Dieses Buch lohnt sich alleine schon wegen der unglaublich schönen, merkwürdig haften bleibenden Formulierungen. Es ist eine Persiflage auf den Schul-, noch mehr auf den Unibetrieb und nimmt sich besonders des Faches Soziologie an, in dem der Graf und sein Friedrich reüssieren, und zwar über alle Maßen. Der erste Satz für die Doktorarbeit, die Friedrich für von Conti schreibt: „Eine komfortable, reibungslose, vernünftige, demokratische Unfreiheit herrscht in der fortgeschrittenen industriellen Zivilisation....“ Was man zu studieren hätte, was eigentlich in Frage käme, um mit möglichst gut klingendem Verwirrendem phil zu sagen - die Auswahl der Studienrichtung, einfach gelungen und mehr als lesenswert.
Ein weiteres Zitat von Seite 145, im Zusammenhang mit der Dissertation: „Sätze der Machterhaltung. Wie sich solche Systeme verbessern lassen. Indem man die Menschen in Bewegung hält. Sie nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Sie in Angst und Schrecken versetzt. Sie hetzt, verschreckt, vertröstet, verstört...Herrschaft gleich Angst und Schrecken und einige Silberstreife am Horizont.“
Ich kenne viele Menschen, die lieber im Hintergrund geblieben sind, denen aber mehr Anerkennung zuteil wurde als Friedrich. Er vergisst sich leider total, er denkt nicht an Karriere oder Vorwärtskommen, seine Träumereien sind ihm genug, in Ruhe gelassen werden schon der Himmel. Darauf zurückgeworfen braucht er im Grunde nichts, fatal ist, dass dieses Nichts von vielen ausgebeutet wird und mit nichts belohnt bleibt. Natürlich geht es Friedrich ähnlich, irgendwann geht es auch ohne ihn, vergessen und einsam, aber nicht ohne Träume, kommt er nach Hause zu den Eltern, wird wieder aufgenommen und erlebt.
Ich möchte das Ende nicht skizzieren, es ist einfach großartig, lebendig, voller staunendem Erleben, bei aller Trauer, die man für Friedrich empfinden kann. Er ist der Prototyp für einen Untertan, der ohne Falsch Großartiges leistet, sogar anerkannt wird, aber doch nur jene Dinge sucht, die ihm Ruhe und Gleichmaß verschaffen, ohne Chaos-Anforderungen einer übersteigerten, zum täglichen Drama neigenden Welt.