Philip Kaufmans weltberühmtes Werk "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" von 1988 ist ein Film über die Liebe. Der Regisseur betonte, dass "der Film von der Liebe handelt - für eine Philosophie möge man das Buch lesen". Dennoch bietet der Film auch die Möglichkeit, sich ein Bild vom Ende des "Prager Frühlings" und von den Lebensbedingungen nach der russischen Machtübernahme zu machen.
Wer den Geschichte noch nicht kennt, könnte dem Film, vor allem aber sich selbst, die Chance einer vorurteilsfreien ersten Begegnung lassen: Zunächst überhaupt nichts darüber lesen, nicht diese Kritik, auch nicht das Buch von Milan Kundera oder irgendwelche Inhaltsangaben. Den Film entspannt und ungestört anschauen. Nicht analysieren, sondern sich in die Zeit der "unerträglichen Leichtigkeit" zurückfallen lassen. Wem das gelingt, der hat möglicherweise eine erlebnisreiche Reise in eine andere, vergangene Welt vor sich.
WER WEITERLIEST, ERFÄHRT WESENTLICHE TEILE DER HANDLUNG
Regisseur Philip Kaufman zeigt nach dem Drehbuch von Jean-Claude Carriere feinfühlig und geduldig die Geschichte des renommierten, jungen Chirurgen Thomas (Daniel Day-Lewis, 31), der sich abseits der üblichen Zwänge des Lebens wähnt. Thomas, der an sich ernsthaft ist, hat es mit seiner direkten und schamlosen Art leicht bei Frauen und liebt das Abenteuer. Aber er ist - seinen Affären zum Trotz - eigentlich kein "Frauenheld", sondern eher ein ganz normaler Mann, dessen Vorstellungen über Partnerschaft in konventionellen Geschlechterrollen gefangen sind.
Zwei Frauen, die in gewisser Weise dem traditionellen, dualen Frauenbild von der Heiligen und der H*re genügen, sollen sein Leben bestimmen. Die sinnliche Sabina (Lena Olin, 33), Malerin mit allen Attitüden der Bohème, ist dem jungen Doktor wie auf den Leib geschnitten. Sie verbringen atemberaubend aufregende Stunden miteinander und dem Chaplin-Hut vom Großvater des Großvaters, den und mit dem Sabina so liebt. Das Leben scheint, noch in den von Hoffnung erfüllten Tagen vor der russischen Invasion, perfekt.
Eines Tages begegnet Thomas der Bedienung Tereza (Juliette Binoche, 24). Tereza ist jung, fast noch kindlich, voller Vertrauen und liebt rückhaltlos. Sie sucht Thomas in Prag auf und lebt bei ihm. Die Vereinigung ist für sie kein Kitzel, kein Spiel, keine Leidenschaft, sondern Hingabe aus Liebe. Das ist neu für Thomas. Er entdeckt seine Eifersucht, möchte Tereza ganz für sich haben: binnen kurzem heiraten sie. Doch Thomas kann und will auch nicht von Sabina lassen, die für seine Ideale einer ungebundenen und sinnlichen Liebe ohne Verpflichtungen steht.
Tereza entdeckt ihr Talent zur Fotografie. Sie entwickelt einen besonderen Blick für extravagante Posen von Frauen. Schließlich dokumentiert sie die Invasion und überlässt die Fotos der ausländischen Presse. Sabina floh bereits nach Genf, als die Panzer kamen. Doch den Panzern folgen die Spitzeleien und Denunziationen der Partei und der Geheimpolizei. Schließlich müssen auch Tereza und Thomas Prag verlassen und emigrieren nach Genf. Auch dort besucht Thomas Sabina. Tereza ist für die freie Liebe nicht gebaut. Sabina wird von einem verliebten Professor umworben.
In der ersten Schlüsselszene finden Tereza und Sabina zusammen und produzieren, gleichzeitig Fotografinnen und Modelle, Aktfotos für ein Magazin. Dieses ausgelassen und zugleich knisternde Shooting bildet in seiner liebevoll-fröhlichen Choreografie einen Höhepunkt der Filmgeschichte, quasi einen erotischen Tanz. Hier wird der Titel des Films in Szene gesetzt. "Femme fatale" und "Brave Frau" emanzipieren sich von ihren überkommenen Rollen und damit auch von jedem christlich- verklemmten Traditionen behafteten Mann oder Geliebten. Aber Tereza möchte nach Prag zurück - und Thomas folgt.
Zurück in Prag erleben die beiden leidvoll die Auswirkungen des nun wieder alles beherrschenden, repressiven Dateiapparates. Aber Thomas bemerkt auch die Veränderungen Terezas, er findet in einer zweiten Schlüsselszene die Fotos aus Genf: nun beginnt er in Tereza auch die sinnliche Frau zu erkennen - und Tereza beginnt, die Wonnen der Liebe zu entdecken. Nach einiger Zeit drängt Tereza wieder auf eine Flucht: Die Bespitzelung, die depremierende Atmosphäre, die Kälte der Menschen und vor allem die Seitensprünge ihres Mannes machen sie krank. Ausreisen dürfen sie nicht mehr - so fliehen sie aufs Land zu einem dankbaren früheren Patienten von Thomas.
Dort in der Abgeschiedenheit findet die Liebe von Tereza und Thomas endlich zur Erfüllung.
ENDE DER ANGABEN ZUM INHALT
Wer den Film als - zwar vom Buch angeregte, aber durchaus selbständige - Meditation über die Entwicklung der Liebe zweier Menschen sieht, wird auch von Besetzung und Umsetzung angetan sein.
Sehnsucht kommt auf beim Betrachter nach dieser gleichzeitig so schweren und doch auch gelösten Zeit. Man beneidet die Akteure um die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich ihren persönlichen Problemen, aber auch den Auswirkungen der Umwälzungen stellen. Man sehnt sich nach der Chance und dem Talent zurück, die Wechsel des Schicksals lächelnd zu akzeptieren, sein Leben zu leben wie es kommt - bis über die Grenze der Erträglichkeit hinaus.
Die Bildqualität ist nicht mehr als durchschnittlich. Dialoge kommen gut verständlich, Musik wirkt etwas intransparent.
Im Original 171 Minuten, Format 1,85:1 auf 35 mm Film, Stereo (IMDB)
film-jury 5* A0849 17.1.2012eg Genre: Drama | Romanze
Lena Maria Jonna Olin (* 22. März 1955 in Stockholm)
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1983 -* "Fanny und Alexander"
....... R: Ingmar Bergman
1988 5*
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins....... R: Philip Kaufman D: Lena Olin, Juliette Binoche, Daniel Day-Lewis
1990 5*
Havanna....... R: Sidney P*llack D: Robert Redford, Lena Olin
1993 5*
Romeo Is Bleeding....... R: Peter Medak D: Gary Oldman, Lena Olin
1996 5*
Nacht über Manhattan....... R: Sidney Lumet D: Andy Garcia, Lena Olin
1999 4*
Die neun Pforten....... R: Roman Polanski D: Johnny D*pp, Lena Olin
2000 3*
Chocolat....... R: Lasse Halström D: Juliette Binoche, Lena Olin, Johnny D*pp
2010 5*
Remember Me....... R: Allen Coulter D: Robert Pattinson, Emilie de Ravin, Pierce Brosnan
Lena Olin ist seit 1994 mit dem schwedischen Regisseur Lasse Hallström verheiratet, mit dem sie "Chocolat" und "Casanova" drehte.