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Die unbedingte Universität (edition suhrkamp)
 
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Die unbedingte Universität (edition suhrkamp) [Taschenbuch]

Jacques Derrida , Stefan Lorenzer

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Die unbedingte Universität

Ein Ort, an dem nichts ausser Frage stünde – wo wäre der zu finden? Und wie wäre es, sich dort aufzuhalten; wie, alles in Frage zu stellen? Zwei kurze Antworten: Jener Ort ist – wäre die Universität. Alles in Zweifel ziehen heisst – hiesse: mehr als kritisch sein. Was aber sagt das: «mehr als kritisch» sein? Die Antwort fällt nun länger aus: Mehr als kritisch ist, wer noch gegenüber dem Begriff der Kritik selbst kritisch ist. Oder, wiederum knapper: Mehr als kritisch sein heisst Derrida sein.

Jacques Derrida hatte vor dreieinhalb Jahren an der kalifornischen Stanford University einen Vortrag über die Humanwissenschaften, die humanities, in der Universität von morgen zu halten. Er entledigte sich seiner Pflicht, wie der deutschen Version des wiederholt vorgetragenen Manuskripts zu entnehmen ist, in gewohnter Weise: nämlich nicht ohne sein eigenes Tun zu thematisieren. Derrida spricht zunächst davon, dass und wie er ein Glaubensbekenntnis ablege, «la profession de foi d'un professeur». Damit ist er unversehens beim Thema – nicht nur, weil er sich zur Zukunft der Universität und der Humanities bekennt, sondern, weil das öffentliche Erklären und Lehren – professer – eines Professors die Ordnung des «reinen» Wissens stets überschreite und in die Sphäre des Glaubens, des Versprechens und des Sich-Verpflichtens hineinreiche. (In der Sprache der Sprechakttheorie: Konstative und performative Äusserungen überlagern einander.) Das gelte nicht allein für die Lehrer der Humanwissenschaften, es gelte auch für die der «exakten» Wissenschaften. Die Profession des Professors hat, so gesehen, mehr mit einer Konfession zu tun als mit dem Metier eines blossen Wissensvermittlers: Sprechend verspricht da jemand, Verantwortung für sein Sprechen zu übernehmen, man könnte auch sagen: intellektuell redlich zu sein.

Indem er das Thema des Vortrages im Akt des Vortragens aufspürt, trägt Derrida das Vortragen gleichsam selbst vor. Wie beiläufig kommt er so zur Sache. Der Effekt ist der einer konzentrierten Zerstreuung (die bisweilen «Dekonstruktion» genannt wird). Der Hörer und Leser wird in eine Gedankendrift gezogen, in der sich Wege abzeichnen, die die Humanities inskünftig gehen könnten, wenn sie – das wäre nach Derrida ihre vornehmste Aufgabe – ihre eigene Geschichte «denken»: vom öffentlichen Gelöbnis der Profession zum Verhältnis von Wissenschaft und Literatur, Philosophie und Fiktion; von der Theologie und der Geschichte der Arbeit, des Wissens und des Glaubens im Wissen über die Frage nach dem Menschen und dem dem Menschen «Eigenen» bis hin zur Problematisierung dessen, was als «Menschenrechte» firmiert.

Der Traum, den der professeur träumt, ist der einer «unbedingten» Universität, einer université sans condition. Eine solche Universität entspräche ihrem Wesen nicht schon, wenn sie sich von ausseruniversitären – ökonomischen, religiösen, politischen, medialen – Mächten nicht «bedingen», nicht hineinreden liesse. Das wäre nur der eine, zugegebenermassen aktuelle Sinn von «sans condition»: dass die Universität der Ort sein soll, an dem uneingeschränkt das Recht gilt, alles, und zwar öffentlich, sagen zu dürfen. Der andere, der hinzukommen muss, zeigt sich, wenn man die Wendung mit «ohne Rang und Status» übersetzt. Der Universität, bedeutet «sans condition» sodann, gebricht es an eigener Macht. Sie ist in einem bestimmten Sinne machtlos. (Läge darin nicht doch eine ihr «eigene» Macht? Die der unverkürzten Wahrheit womöglich?) Noch ein wenig anders: Die radikale Unabhängigkeit der Universität sollte nicht mit totaler, also phantastischer Souveränität verwechselt werden.

Unbedingte Unabhängigkeit ohne «Souveränitätsphantasma» – das, so Derrida, wäre «vielleicht» seine Hypothese; seine Devise für ein Denken an dem Ort, an dem nichts ausser Frage stünde.

Wie vage, wie abstrakt!, mag man sich beschweren. Aber der «andere» Modus des Denkens, der sich in Derridas Erwägungen meldet – ein Modus, der die Selbstsicherheit der Unterscheidung zwischen Wissen und Glauben, Sprechen und Versprechen antastet –, könnte heilsame Verwirrung stiften. Auch in den Köpfen der professoralen Prokuristen vielleicht, denen die Universität längst zum blossen Warenumschlagplatz unserer angeblichen Wissensgesellschaft und ihrer Dateien geworden ist.

Uwe Justus Wenzel

Über den Autor

Jacques Derrida wurde am 15. Juli 1930 in El-Biar in der Nähe von Algier als Sohn jüdischer Eltern geboren und starb am 8.Oktober 2004 in Paris. Während seiner Schulzeit war er antisemitischen Repressionen ausgesetzt. Ab 1949 lebte er in Frankreich und besuchte das Lycée Louis-le-Grand in Paris. Von 1952 bis 1954 studierte er an der École Normale Supérieure, wo er Vorlesungen bei Louis Althusser und Michel Foucault besuchte und sich mit Pierre Bourdieu anfreundete. 1956 gewann er ein Stipendium für einen Studienaufenthalt an der Harvard University. Während seines Militärdienstes von 1957 bis 1959 lehrte er Englisch und Französisch in Algerien. Von 1960 bis 1964 war er wissenschaftlicher Assistent an der Sorbonne. Ab 1965 bis 1984 bekleidete er eine Professur für Geschichte der Philosophie an der École Normale Supérieure. Den Durchbruch erlangte Derrida im Jahr 1967, als er nahezu zeitgleich in drei bekannten Verlagen drei wichtige Schriften veröffentlichte: De la grammatologie, La Voix et le phénomène sowie L'écriture et la différence. Auf Vortragsreisen in den USA lernte er Paul de Man und Jacques Lacan kennen. 1981 gründete er die Gesellschaft Jan Hus (eine Hilfsorganisation für verfolgte tschechische Intellektuelle). Im selben Jahr wurde er in Prag verhaftet und erst nach einer energischen Intervention François Mitterrands und der französischen Regierung von der Tschechoslowakei freigelassen. 1983 gründete er das Collège international de philosophie, zu dessen erstem Direktor er gewählt wurde.


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