Die 1962 geborene Autorin gewährt in 55 teilweise reportageartigen Kurzbeiträgen schonungslos Einblick in die frauenfeindliche Männerwelt des 1972 selbständig gewordenen Staates Bangladesh, des früheren Ostpakistan. Frauen haben dort kaum eigene Rechte, sind Eigentum und Sexualobjekt ihrer Ehemänner, dazu verdammt, diesen widerspruchslos zu dienen, hart zu arbeiten, sich für die geringsten Verfehlungen schlagen zu lassen und dafür noch dankbar zu sein. Ihr Stellenwert im muslimischen Bangladesh ist derart gering, daß sie bei der Geburt eines Mädchens weinen aus Angst vor der Scheidung. Viele weibliche Föten werden abgetrieben. Bestenfalls werden sie solange geschwängert, bis sie einem Jungen das Leben schenken.
Dem Leser wird das Herz schwer beim Lesen dieser derart krassen Diskriminierung der Frauen. Man fragt sich, ob es das wirklich ist, was der Islam gewollt hat. Um so positiver ist es zu sehen, daß mit der sicherlich privilegierten Autorin - sie konnte Medizin studieren und als Anästhesistin im Medical College von Dhaka arbeiten - endlich einmal eine Frau die schreienden Ungerechtigkeiten in ihrem Heimatland offen beim Namen nennen konnte. Zu ihrem publizistischen Engagement beigetragen haben ihre Klinikerfahrungen mit Vergewaltigungsopfern und Frauen, die auf Grund der Geburt einer Tochter die Scheidung befürchten.
Taslima Nasrin beläßt es in ihrem Buch nicht bei der Darstellung der haarsträubenden (von islamischer Seite gedeckten) Mißstände. Sie prangert sie in kräftiger, kämpferischer Sprache an und spart nicht mit Kritik an den muslimischen Obrigkeiten. Diese Haltung führte dazu, daß gegen sie 1993 nach Erscheinen ihres Romans 'Scham. Lajja' - ähnlich wie schon zuvor gegen Salman Rushdie im Iran - ein Todesurteil wegen Blasphemie verhängt wurde.
Das 'Lied einer traurigen Nacht' kann uneingeschränkt empfohlen werden. Auch wenn manchem Kurzbeitrag die ein oder andere Wiederholung weniger und das ein oder andere Faktum mehr gut getan hätte, handelt es sich um eine gut lesbare Darstellung einer Welt fernab jeglicher westlicher Zivilisationsvorstellungen. Taslima Nasrins Offenheit und politische Courage verdienen die Lektüre ihres Buches.