tokio, rückwärtstagebuch
Erst weiß man nicht so recht, wie zwei Menschen, die mit völlig unterschiedlichen Werkzeugen (nämlich der Feder bzw. dem Zeichenstift) arbeiten, ein gemeinsames Buch über Tokio herausbringen können. Beide, die Autorin und der Künstler, sind unabhängig voneinander nach Japan gefahren und haben sich eine Zeit lang in Tokio und seinen weitläufigen Bezirken aufgehalten. Dort haben sie Tagebuch geführt, aber kein Tagebuch, in dem wir voyeuristisch die "Fremden" beobachten können, auch keines, das uns reiseführermäßig die schönsten Orte, das beste Essen, die hippesten Clubs oder die exotischsten Menschen vorstellt. Kathrin Röggla (Text und Fotos) und Oliver Grajewski (Zeichnungen und Texte) haben mit diesem Buch ein Experiment unternommen, in dem sie selbst die Versuchstiere sind. Herausgekommen ist ein Reisebuch, das einem konventionellen Reiseführer überlegen ist, weil es sich nicht in der Aufzählung von Sehenswürdigkeiten erschöpft, sondern den Leser bzw. Betrachter aus mehreren Blickwinkeln an der Erfahrung des Fremden teilhaben lässt.
Fängt man das Buch -nach westlicher Lesart- von links nach rechts an, dann reißen einen die nicht enden wollenden Sätze Rögglas in die Welt der schlafenden Japaner, der in Japan lebenden Ausländer und der »Gespenster der Überhöflichkeiten«, welche die Autorin nach einer Paranoia-Attacke in ihrer Wohnung in Tokio heimsuchen.
Schlägt man das Buch dann von rechts nach links zur Mitte auf, steht man plötzlich mitten in Tokio (bzw. mitten in den Zeichnungen Oliver Grajewskis) und muss fast die Augen zusammenkneifen vor dieser Flut an visuellen Eindrücken, vor dieser beeindruckend genau geschilderten urbanen Overkill-Architektur. Dabei bebildern die Zeichnungen des Künstlers nicht den Röggla-Text, sondern erzählen selbst Geschichten, zum Beispiel, warum die Müdigkeit zum Alltag dieser Stadt gehört: Völlig erledigt von dem fünfstündigen Pendelfahrten nach und aus Tokio erholt sich der Protagonist von Grajewskis Bildergeschichte schließlich auf japanischste Art und Weise: im heißen Wasser einer Steinbadewanne.
Grajewski und Röggla beschreiben, was sie beobachten -erleben, was sie beschreiben -analysieren, was sie erleben
-und sind am Ende keine Fremden mehr, denn sie haben die Geister dieser Stadt mit eigenen Augen gesehen.