Vorneweg: Wir haben mittlerweile fast alle Tiptoi-Sachen - und der Hype um diesen sprechenden Stift wird mir langsam unheimlich. Sicher sind diese interaktiven Bücher eine kurzweilige Angelegenheit. Dennoch kann man Vierjährige (und die Bücher richten sich an die Altersgruppe 4-7jährige) nicht einfach allein mit den Büchern lassen, ihnen den Stift in die Hand drücken und sagen: nun mach mal. Ein Erwachsener muss mindestens die ersten Male immer daneben sitzen und das Buch gemeinsam mit dem Kind durchgehen. Bei uns hat sich folgendes Vorgehen bewährt: erst lesen wir das Buch gemeinsam, dann gehen wir mit Auge, Glühbirne und Sprechblase auf Entdeckungstour - und dann versuchen wir das Spiel. Denn die Spiele beziehen sich mit ihren Fragen immer auf das, was man vorher im Buch erfahren hat. Zwei Dinge sollte man auch noch wissen: Die Spiele sind oft zu schwierig für Vierjährige. Und: ein Vierjähriger tut sich oft noch schwer damit, mit dem Stift gezielt auf die einzelnen Punkte im Buch zu tippen, den Stift richtig zu halten, zu bedienen. Dennoch finden wir dieses interaktive Lernspielzeug insgesamt als Ergänzung zu LÜK und Co gut; bei uns funktioniert der Stift einwandfrei und ich habe auch keine Probleme damit, die Dateien runter zu laden.
Zum Piratenbuch: Während die ersten Tiptoi-Bücher sich mit sachlichen Dingen beschäftigt haben (wie funktioniert ein Flughafen? Was ist auf einem Bauernhof los? Alles über Musik, den Straßenverkehr und den Wald...), beschäftigt sich das Piraten-Buch erstmalig mit einem soziokulturellen Thema, nämlich den Piraten. Die Schwierigkeit bei diesem Thema ist es eben, kleinen Kindern zu den Spagat zwischen Räuber-Romantik und Verbrechern zu verdeutlichen. Und da erwarte ich von einem Lernbuch eindeutige und klare Aussagen. Diese Eindeutigkeit ist dem Piraten-Tiptoi-Buch leider nicht gelungen.
Auf 16 Seiten wird viel über die Seeräuber erklärt. Es geht los mit der Doppelseite "Wer waren die Piraten?": schönes Bild, einfach Erklärung - ok soweit. Die zweite Doppelseite hat mich inhaltlich außerordentlich geärgert: "Wer wurde Pirat?" Sowohl im Vorlesetext als auch interaktiv wird den Kindern immer wieder erklärt, dass die Piraten ja nur zu Räubern wurden, weil sie so arm waren und sonst keine anderen Chancen im Leben hatten. Wortwörtlich heißt es: "Die meisten Männer gingen an Bord, weil sie arm waren und ihnen das Geld zum Leben fehlte. Bei den Piraten konnten sie reich werden." Interaktiv erzählt ein Familienvater, dass er so traurig ist, weil er Frau und vier Kinder zurück lassen muss, aber leider kann er sie nicht anders ernähren, als als Pirat. Vollends überzogen political correct wird es dann, als eine verkleidete Piratin zu Wort kommt: auch Frauen sind genauso stark wie die Männer und können Piratin werden, damals mussten sie sich allerdings als Männer verkleiden. Gender Mainstream in seiner reinsten Form. Mich persönlich stören solche politischen Aussagen in Kinderbüchern und ich bin froh, dass ich beim Lesen daneben saß, und meinem Sohn mit eindeutigen Worten klar gemacht habe, dass Armut keine Entschuldigung dafür ist, ein Verbrecher zu werden, dass die Piraten die "Bösen" waren - und gute Menschen überfallen, ausgeraubt und getötet haben bzw. dies auf einigen Meeren noch tun.
Natürlich kann man jetzt entgegen, dass Kinder schon immer Cowboy und Indianer gespielt haben und sich nichts weiter bei ihren Piratenspielen denken. Das ist sicher richtig. Mir gehen jedoch diese übertrieben verständnisvollen Erklärungsansätze in diesem Buch zu weit. Mein Kind soll kritisches Denken lernen und sich eines Tages eine eigene Meinung bilden und nicht schon ab dem Alter von 4 Jahren eine Soziologen-Gehirnwäsche erhalten, die dazu führt, dass unsere Gesellschaft für Täter immer mehr Verständnis zeigt - und die Seite der Opfer überhaupt nicht mehr gezeigt wird. Vielleicht wäre es bei einer Neuauflage dieses Buches ganz gut, mal Opfer von Piraten ausführlich zu Wort kommen zu lassen und ihr "Leiden" berichten zu lassen.
Auf der dritten Doppelseite geht es um das Leben an Bord. Ein schönes Bild und das Thema wurde gut abgehandelt. Immer wieder wurde auf die große Langeweile hingewiesen, die die Piraten an Bord hatten, wenn sie auf Beuteschiffe warteten. Auch die schlechte Ernährung wird gut beschrieben, die Krankheiten und das Verbot Karten zu spielen.
Auf der vierten Doppelseite wird erklärt, wie Piraten ein Schiff enterten. Auch hier wird es wieder sehr verständnisvoll und übertrieben politisch korrekt: zu Blutvergießen kam es ja nur, wenn die Piraten auf Widerstand bei der überfallenen Mannschaft stießen. Ergaben sich die Opfer, dann wurden sie in Ruhe gelassen. Was soll ein Kind daraus lernen? Zudem stimmt das ja auch gar nicht. Mag sein, dass man aus Rücksicht den Kindern nicht die ganze Brutaliät der Seeräuber schildern wollte, jedoch wird auch hier das Verständnis für Kriminelle wieder von Anfang an gelernt.
Die fünfte Doppelseite beschäftigt sich mit dem, was die Piraten geraubt haben. Auch hier wieder: die Piraten teilen ihre Beute gerecht auf, sind fair untereinander (wer verwundet wird, bekommt eine Entschädigung etc.) und die Beute dient ja schließlich in erster Linie dazu, die Familie zu Hause zu ernähren. Weiter geht's in diesem Stil auf der nächsten Doppelseite: "Was machten die Piraten mit ihrer Beute?" Mit keinem Wort wird erwähnt, dass es sich um Hehlerware handelt, die anderen Menschen geklaut worden ist. Statt dessen wortwörtlich: "Die Piraten verkaufen ihre Beute und feiern, denn hart gearbeitet haben sie nun lange genug." Das Wort "Arbeit" für Seeräuberei finde ich nicht angebracht.
Auf der siebten Doppleseite gibt es ein Landkarte und einen historischen Abriss über bekannte Piraten: alle wurden natürlich reich durch den Beruf Pirat. Für Erwachsene fast schon lustig: Henry Morgan kaufte sich von seinem Geld eine Zuckerrohrplantage und verdiente fortan damit sein Geld - das nennt man dann wohl gelunge Resozialisation. Natürlich fehlt auch nicht die Piratin Mary Read, von der beiläufig erzählt wird, dass sie schwanger an Bord wurde. Kind und Karriere lassen sich also auch als Piratin gut vereinbaren... Die letzte Doppelseite beschäftigt sich mit dem Ende von Piraten. Erzählt wird, dass die Zeit der Piraten vor 300 Jahren zu Ende ging. Immerhin der Hinweis: dass auch heute noch Piraten gibt, die Schiffe überfallen und Geiseln. Länglich ausgeführt wird dann wieder, dass auch die Piraten der heutigen Zeit sehr arme Menschen aus sehr armen Ländern sind, die als Fischer sehr, sehr wenig Geld verdienen. Und dann wird ganz schnell der Halbsatz hinterher geschoben: "Aber das darf natürlich kein Grund sein, andere zu überfallen." Na, da bin ich aber froh.
Für die schönen Bilder gibt es drei Punkte. Wer politisch nicht derselben Ansicht ist, wie die Macher dieses Buches und seinen Kindern nicht von Anfang an Verständnis für "arme Täter" beibringen will, der sollte das Buch unbedingt gemeinsam mit seinem Kind durchgehen oder lieber ein unpolitisches Tiptoi-Buch wie "Der Wald" oder "Der Flughafen" kaufen.