Paulo Coelho ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Welt. Seine Werke sind in unzählige Sprachen übersetzt worden, und die Auflagen seiner Bücher gehen in die Millionen. Wenn ein solch erfolgreicher Schriftsteller es aufgrund eigener, sehr persönlicher Erfahrungen ( vgl. sein Tagebuch "Auf dem Jakobsweg") in seinen Bücher auch noch darauf anlegt, seinen Leser eine spirituelle, vom Glauben an Gott geprägte Lebenshaltung nahe zu legen, dann ist der Widerspruch nicht weit. Coelho hat von der Literaturkritik viel Prügel bezogen. Das herrschende Feuilleton mag ihn einfach nicht, und das hängt, so behaupte ich, nicht wesentlich mit seiner Art zu schreiben zusammen, sondern mit seinen spirituell-religiösen Themen, von denen sich die Nomenklatura der westlichen Intellektuellen nach wie vor entrüstet distanziert. Man kann sehr wohl abstrakt über die seltsame Wiederkehr des Religiösen in den nachindustriellen Gesellschaften debattieren, steht persönlich aber dem Phänomen der "Rumour of Angels" ( Peter L. Berger) ziemlich fassungslos gegenüber. Wer über Jahrzehnte das Dogma hochgehalten hat, daß die Religion in entwickelten Gesellschaften früher oder später in die Marginalität verschwinden würde, der sieht sich jetzt mit Entwicklungen konfrontiert, die er nicht mehr begreifen kann.
So stark die Kritik an Coelho aus dieser Ecke nach wie vor ist, so zahlreich ist die Schar von Leserinnen und Lesern, die nicht zuletzt von seinen Bücher ermutigt werden, ihren eigenen Weg zu gehen, der Sehnsucht in sich selbst einen Raum zu geben, der Idee nachzugehen, daß Arbeit und Konsum, Urlaub und Partymachen nicht alles im Leben gewesen sein können. Darüber nachzudenken, ob das denn alles gewesen ist, wenn die Kräfte nachlassen und der Tod schon dann und wann an die Fensterläden klopft.
Coelho vermittelt in allen seinen Büchern seine Überzeugung, daß alle Religionen der Welt, ob es nun das Christentum sei, der Islam , das Judentum oder die östlichen Lehren, immer den einen Weg zum Heil meinen, immer von dem einen Gott sprechen. Dennoch verschweigt er besonders im seinem neuen, hier zu besprechenden Buch Sei wie ein Fluß, der still die Nacht durchströmt" an keiner Stelle, wo er persönlich herkommt, welcher Glaube ihn geprägt hat und trägt. Es ist die Katholische Kirche und der christliche Glaube an die Erlösung der Menschen durch Gottes Sohn Jesus Christus, der ihn bei all seinem Tun und Lassen leitet. Eine schöne Geschichte aus dem Buch mag das illustrieren:
"Juan ging jeden Sonntag zum Gottesdienst. Aber nach einiger Zeit kam es ihm so vor, als sagte der Pastor immer dasselbe, und er blieb dem Gottesdienst fern. Zwei Monate später, in einer kalten Winternacht, besuchte ihn der Pastor. Er ist sicher gekommen, um mich zu überreden, wieder zur Kirche zu kommen, dachte Juan. Er fand, er könne ihm nicht den wahren Grund für sein Fernbleiben sagen, nämlich die immer gleichen Predigten. Während er sich eine Ausrede zurechtlegte, stellte er zwei Stühle vor den Kamin und redete über das Wetter. Der Pastor sagte kein Wort. Juan, der eine Zeitlang vergebens versucht hatte, ein Gespräch in Gang zu bringen, schwieg ebenfalls. Beide blickten fast eine halbe Stunde lang schweigend ins Feuer. Dann erhob sich der Pastor und holte mit einem Zweig ein Stückchen Glut aus dem Feuer. Die Glut, die nicht mehr genug Hitze bekam, begann zu verlöschen. Juan beeilte sich, sie in die Mitte der Feuerstelle zurückzuschieben. 'Gute Nacht', sagte der Pastor und erhob sich, um zu gehen.
'Gute Nacht und vielen Dank', antwortete Juan. 'Das Stückchen Glut, das fern vom Feuer ist, erlischt am Ende, so hell es auch anfangs geglüht haben mag. Der Mensch, der sich von seinesgleichen entfernt, kann seine Wärme und seine Flamme nicht erhalten, mag er auch noch so intelligent sein. Ich werde nächsten Sonntag wieder in die Kirche kommen.'""
Auf insgesamt 103 Geschichten, Anekdoten und persönliche Erinnerungen und Erfahrungen verteilt sich das neue Buch. Sie sind in einem Zeitraum zwischen 1998 und 2005 entstanden und zu einem Teil in Zeitungen und Zeitschriften überall auf er Welt veröffentlicht worden. Hier nun liegen sie erstmals gesammelt vor. Auch wenn ihre thematische Gliederung unklar bleibt, ihre Absicht ist deutlich: Coelho will Zeugnis geben von dem, was ihn umtreibt, er will von der Hoffnung sprechen , die in ihm ist, er will, egal was auf der Welt passiert - und er ist ein sehr genau dokumentierender Weltzeitgenosse - Menschen davon überzeugen und einladen, offen für die Liebe zu bleiben. Unter diesem Titel erzählt er eine Geschichte, die ihm ein Leser geschickt hat:
"Eine Rose träumte Tag und Nacht davon, daß Bienen ihr Gesellschaft leisteten, aber keine einzige ließ sich auf ihren Blütenblättern nieder. Die Blume aber träumte weiter: In ihren langen Nächten stellte sie sich einen Himmel voller Bienen vor, die zu ihr kamen und sie zärtlich küssten. So konnte sie es bis zum nächsten Tag aushalten, bis sie sich im Sonnenlicht wieder öffnete. Eines Nachts fragte der Mond, der von den Einsamkeit der Rose wusste:
'Bist du es nicht müde immer weiter zu warten?'
'Vielleicht. Aber ich muß weiterkämpfen.'
'Warum?'
'Weil ich verwelke, wenn ich mich nicht öffne.'
In den Augenblicken, in denen die Einsamkeit alle Schönheit zu erdrücken scheint, ist die einzige Möglichkeit standzuhalten, weiter offen zu sein."
Ja.