Im Oktober 2007 wurde der antisemitische Charakter des Buches festgestellt und der Verlag aufgefordert, das Buch und das noch problematischere Arbeitsmaterial vom Markt zu nehmen. Die Arbeit von mir, die sich mit der Problematik des Buches befaßte, wurde zuvor allen Forschungsstellen zum Bereich Antisemitismus vorgelegt. Der Verlag hat das Buch und das Material sofort vom Markt genommen. In soweit müsste man gar keine Kritik mehr über dieses Buch schreiben.
Dr. Benz schreibt ' passender Weise in der Publikation "Islamfeindschaft und ihr Kontext" über die 'Sprechenden Steine':
"Die kollektive Zuschreibung von negativen Eigenschaften (in der Verdichtung von Vorurteilen und stereotypen Feindbildern) ist konstitutiv für jeden Antisemitismus. Das Problematische an dem Jugendbuch: nicht Sympathie für die Palästinenser und die Parteinahme für ihre Sache ist bedenklich (1), aber die undifferenzierte Wahrnehmung der Juden als grundsätzlich böse, die als Botschaft vermittelt wird (2), die bedingungslose Schuldzuschreibung ausschließlich an Israel. Es ist erstaunlich, daß Pädagogen dies solange nicht bemerkt haben oder nicht bemerkt haben wollen FN30 (3). Der Text ist auf jeden Fall ein bemerkenswertes Dokument für die Schnittmenge von Antisemitismus und Antizionismus, für israelkritische Propaganda, die als Judenfeindschaft agiert und rezipiert wird. Das Jugendbuch, das inzwischen aus dem Programm des Verlages genommen wurde, ist auch ein Dokument für das Vordringen des Antizionismus und die Akzeptanz islamischer Judenfeindschaft in Deutschland. "
Dabei ist das Buch auch unter anderen wissenschaftlichen und moralischen Aspekten fragwürdig.
Ich nenne nur exemplarisch Einzelbeispiele:
Es gibt vor, aus den Tagen der ersten Intifada zu berichten. Aber die in dem Buch dargestellte, absolute Trennung zwischen Palästinensern und Israelis gab es damals so überhaupt nicht- und ist auch bis zum heutigen Tag noch nicht erreicht. Ich reise selbst oft durch die Westbanks und habe viele palästinensische Bekannte, die in Israel arbeiten- und viele israelische Bekannte, die auch Friedensarbeit in Palästina unterstützen (Beispiel Machsom Watch, Shalom Achshaw etc.) Die grobe politische Unwahrhaftigkeit durchzieht das ganze Buch und wird mit teilweise grotesker Demagogie vermittelt- die bis in den Buchtitel selbst geht: Die Steine müssen angeblich nur sprechen, weil die Israelis überhaupt keinen Frieden wollen...
Die moralische Fragwürdigkeit besteht unter anderem in der Legitimierung eines Krieges aus der Zivilgesellschaft ( eine Strategie des Izz Din al Qassam) und in der Instrumentalisierung von Kindern und deren gewollte Viktimisierung (so u.A. Seite 34/359.
Sie besteht in der Glorifizierung des Martyrertodes (S. 33, S.79ff), der Folter (S. 109 ) und der Legitimierung der Gewalt gegenüber sogenannter "Kollaborateure". Im konkreten Fall wurde ein von den Israelis gefangener junger Mann ausgelöst (S.37), der Vermittler aber dafür bestraft- und der Befreite diffamiert.
In der Wortwahl kennt Qadir keine Grenze: Er bezeichnet Juden, Israelis und 'Kollaborateure' durchgängig mit einem völlig primitiven Vokabular: Exemplarisch seien genannt: Fieser, dreckiger Handlanger der Juden, ausgekochter Verräter, Widerling, Schwein, Ratte, Verfluchter, Hundesöhne, Schweine, Ungläubige, Mörder...
Kein Jude denkt menschlich- schreibt Qadir- es ist ein herzloses Volk. Nur ein Jude- zufällig ein Herr Lacoer- zeigt ein menschliches Gesicht!
Es ist bestürzend, dass dieses Buch- in der Verwendung antisemitischer Stereotypen (bis hin zur sexuellen Abartigkeit (s.126 )) direkt an Inkunabeln des Antisemitismus wie das "Entdeckte Judentum" von Eisenmenger anlehnend- und mit einem so dürftigen politischen Kommentar (von Susann Heenen Wolff ) ausgestattet, überhaupt in das Verlagsprogramm von Beltz und Gelberg aufgenommen werden konnte- und dass dieses Buch überhaupt so lange Karriere machen konnte.
(1) Das Buch kompiliert und verdichtet ausschließlich negativste Darstellungen des Lebens in Palästina und stellt diese Sicht in affektiv berührender Weise als Realität dar. Es ist die Frage, ob eine so verzerrte Sicht überhaupt in einem Jugendbuch legitim ist- und ob eine solche Darstellung der palästinensischen Sache hilft.
Die obenerwähnte Publikation von Dr. Benz liefert eine Reihe von Schlüsseln für eine Bearbeitung der Problematik, denn offensichtlich zeigen sich in der Darstellung innerhalb des Buches- als auch in seiner Promotion - komplexe Cross-over- Problematiken, wie sie sich in der Dialektik von Philosemitismus und Antisemitismus vergleichbar finden. Dies wirft ein düsteres Licht auf die Promoter des Buches- denn dass Pädagogen ' wie Benz schreibt- die Problematik des Buches nicht sahen oder sehen wollten, ist eine Sache. Aber die Promoter des Buches hätten diese offenkundigen Schwächen und Probleme doch wohl sehen können.
(2) Ein durchgängiges Problem in der Rezeption moderner Antisemitismen ist die Konjunktion mit den Formen und Wirkungen des Antisemitismus in der nationalsozialistischen Diktatur. Die Problematik war aber schon lange zuvor virulent- und bildete in ihrer nahezu allgemeinen Verbreitung vielleicht DEN Steigbügel der NSDAP zur Macht, denn dort herrschte nahezu ein Common sense.
Eine seriöse Kritik an Israel wird durch die unkritische Vermischung mit antisemitischen Motiven kritikabel und unseriös. Insoweit wäre zu erwarten, dass gerade in dem Lager, das dieses Buch produzierte und förderte, ein besonders hohes Interesse an einer wissenschaftlichen Klärung bestünde, um die Kritik präzise zu lancieren und nicht in das Problemfeld zu geraten. Die Reaktion auf die Entnahme des Buches auf Grund wissenschaftlich fundierter Kritik zeigte eine andere, erschreckende Richtung.
Islamfeindschaft und ihr Kontext: Dokumentation der Konferenz Feindbild Muslim Feindbild Jude