Aus der Amazon.de-Redaktion
Der Kernbegriff dieses Buches ist nicht leicht abzugrenzen und mit Inhalt zu füllen: Nach dem kollektiven nun das "soziale Gedächtnis"?
Harald Welzers Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen Erinnerung, die bewusst und intentional eingesetzt wird (kollektives Gedächtnis) einerseits, und Erinnerung, die nicht-intentional weitergegeben, sondern sozusagen en passant vermittelt wird (soziales Gedächtnis) andererseits. Dabei bilden zum Beispiel Wünsche und Hoffnungen vielerlei Art die "subjektive Seite der Textur der Erinnerung", Architektur, Geräusche oder Gerüche hingegen deren objektive Seite. Dieser Ansatz wird in diesem Tagungsband zum ersten Mal konsequent entwickelt.
Die Autoren, ausnahmslos renommierte Wissenschaftler aus dem geschichts-, literaturwissenschaftlichen sowie psychoanalytischen Bereich berücksichtigen diesen Ansatz weitgehend. Die Konstanzer Literaturwissenschafts-Professorin Aleida Assmann beispielsweise unterscheidet in ihrem Beitrag zwischen passiven und aktiven Erinnerungen. Während erstere geprägt sind von der "Kraft des Affekts, dem Druck des Leidens und der Wucht des Schocks" und keiner Gedächtnisarbeit bedürfen, sind letztere darauf angewiesen, mittels Sprache am Leben erhalten zu werden. Erinnerung verändert sich aber durch Erzählen. Die Perspektivität von Erinnerungen ist deshalb immer zu berücksichtigen. Ein besonders aussagekräftiges Beispiel hierfür führt Moshe Zimmermann, Professor für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem an: Eine der zentralen Mythen im israelischen Alltag besagt, dass sich die jüdische Seite immer in der Opferrolle befinde beziehungsweise unterlegen sei. Zimmermann beschreibt die Widerstände gegen die historische Forschung, die diesen Mythos in den letzten Jahren wiederholt zu relativieren suchte. Dieser Mythos wird eben nicht nur als Bestandteil kollektiver Erinnerung tradiert, sondern auch durch Techniken des "sozialen Gedächtnisse".
Fazit: ein wichtiges Werk für alle, die auf einem Forschungsgebiet, das gerade am Anfang der Entwicklung steht, einen ersten Einstieg finden wollen. --Dr. Manfred Schwarzmeier
Kurzbeschreibung
Eine Theorie des sozialen Gedächtnisses
Internationale Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den unterschiedlichsten Disziplinen widmen sich der Topographie des Gedächtnisses. Am Beispiel sozialer Erinnerungspraktiken wird die Frage nach dem Spannungsfeld von Geschichte und Erinnerung ins Zentrum gerückt. Die Untersuchung beiläufiger und absichtsloser Praktiken der Bildung von Vergangenheit in der kommunikativen Praxis des Alltags liefert erste theoretische und empirische Bausteine für eine Theorie des sozialen Gedächtnisses.Wie vollzieht sich das Erinnern und wie werden Erinnerungen weitergegeben? Welche Rolle kommt dabei den symbolischen und sozialen Praktiken des Alltags zu, wie wird im Familiengespräch Vergangenheit gebildet und wie verändert sich die Wahrnehmung und Geschichtsschreibung des Holocaust mit wachsendem Abstand?
Die Beiträge dieses Buches konzentrieren sich auf die nicht-intentionalen Formen und Praktiken der Weitergabe von Geschichte. In Ergänzung zum kulturellen und kommunikativen Gedächtnis wird hier als bindendes Element der Begriff des sozialen Gedächtnisses geprägt. Die vier Medien des sozialen Gedächtnisses - Kommunikation, Aufzeichnungen, Bilder und Räume - transportieren Geschichte en passant und bilden im sozialen Gebrauch Vergangenheit. Affekt, Gedächtnis und Erinnerungsbilder treten in ein wirkendes Verhältnis miteinander. Gleichzeitig ist Erinnerung immer schon kulturell präformiert und steht unter dem Einfluss medialer Erzeugnisse. Es geht also um die Suche nach Ann