Spät habe ich das Buch von A. Miller gelesen, doch ich bin froh, es überhaupt gelesen zu haben. Ich kannte bereits das 1982 erschienene Buch "Das Drama des begabten Kindes" von ihr und war damals schon begeistert, so dass ich zu einer Lesung von ihr ging. Dort erst wurde mir bewusst, wie einsam und alleine diese tapfere Frau mit ihrem Votum war. Schliesslich hatte sie es gewagt, gegen den "Übervater" Freud anzutreten und ihm nicht die Methode, nein, seine Begründungen und Theorien über die Fehlentwicklungen der menschlichen Psyche streitig zu machen. Seine Methode bejaht und unterstützt sie, ohne den Inhalt der Lehre ebenfalls übernehmen zu müssen, die durch die Erfahrung der letzten 80 Jahre zum Teil widerlegt und überholt wurde.
Damit hatte sie sich natürlich auch mit seinen Schülern und dem psychoanalytischen Institut in Zürich und überall sonst angelegt. Eine Stimme mehr, die Freuds Absichten und Lehre widerspricht und bekämpft? Wieder ein Anti-Ödipus mehr in der Geschichte der Rezensenten dieses berühmt gewordenen Komplexes?
Nein, sie ist und bleibt Psychoanalytikerin und empfiehlt sogar jedem, eine Psychoanalyse (PSA) zu machen. Es geht ihr einzig darum aufzuweisen, wie Freud, der ja ursprünglich auf Grund seiner Analysen mit Patienten und Patientinnen gemerkt hatte, was in der Kindheit geschieht und welche Misshandlungen den Kindern widerfährt, diese Realität, die immer wieder aus den Berichten der Behandelten spricht, zu leugnen und sie den Phantasien der Kinder zuzuschreiben. Er ändert also seine anfangs gemachte Entdeckung; er erschrickt vor dieser Realität, wie Miller treffend schreibt, und entwickelt die Triebtheorie und den Ödipuskomplex, um sich dieser Realität zu erwehren. Die Schuld für das an Kindern und Jugendlichen begangene Unheil ist somit wieder beim Kind.
Das ist die Tragik der PSA, dass die Analyse, die ja ursprünglich angetreten ist, um den Geschädigten zu helfen, nun auch noch mit dem moralischen Zeigefinger auf die Leute zeigt und in jahrelanger „Umschulung" und wie ich sagen würde „Gehirnwäsche" das erlittene Unrecht mit Hilfe der Freudschen Terminologie uminterpretiert. Die PSA gibt also der „Schwarzen Pädagogik" Recht, die die Eltern entschuldigt und die Kinder belastet. Somit geschieht den Menschen in der PSA ein zweites Mal Unrecht.
Dagegen wehrt sich Miller zu Recht auf gut 400 Seiten. Sie bringt genügend Beispiele aus ihrer Praxis und zeigt auch anhand der Literatur, vor allem bei Kafka, nach, was ihre neue Sicht zu Tage fördert. Sie sieht sich in ihrer psychoanalytischen Tätigkeit als Anwalt der Kinder, als jemand, der sie in ihrem erlittenen Schmerz behutsam begleitet, ohne ihnen einen Vorwurf zu machen. Darin sieht sie das Neue ihrer Theorie: Auf der Seite der Kinder im Erwachsenen zu stehen, damit sie das Leiden schildern und auch gefühlsmässig verarbeiten können, anstatt die aufkommenden Gefühle sofort mit Hilfe von Theorien - die in ihren Augen nichts anderes als Abwehrmechanismen der Analytiker sind, die ja in ihrer Lehranalyse ebenfalls dazu „erzogen" worden sind, das Gefühl abzublocken und nicht zuzulassen - wieder zu verdrängen.
Erst dort, wo die Realität zur Sprache gelangt und somit auch ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, können wir hoffen, dass begangenes Unrecht nicht etwa gesühnt oder geahndet wird, darum geht es ihr nicht in erster Linie, sondern darum, dass sich Unrecht nicht wiederholt.
Dieses Buch ist jedem zu empfehlen, der in sozialen, erzieherischen oder psychologischen Berufen arbeitet oder in den Sozial- und Geisteswissenschaften studiert.