Liest man den Titel dieses Buches, so erwartet man eher ein philosophisches Werk, oder, wenn man damit weniger am Hut hat, einen Abenteuerroman a la Indiana Jones als einen detaillierten, allerdings schon fast romanartigen Bericht über die Erlebnisse eines britischen Kriegsbeobachters in Arabien. Das liegt daran, dass der Titel eigentlich gar nicht für dieses Buch gedacht war, sondern für ein nie veröffentlichtes Werk des Autors. Aber gerade dieser vielversprechende Titel rundet das immerhin 850 Seiten starke Werk ab und macht aus ihm mehr als nur einen Reisebericht. Lawrence, studierter Archäologe im Dienste des britischen Militärs in Kairo, schrieb dieses Buch einige Jahre nach seinen Erlebnissen in der arabischen Wüste, um der Welt „von der Wahrheit“ zu berichten, die zuvor immer wieder angezweifelt wurde und nicht zu unrecht bis heute wird.
Lawrence wird, da er vertraut mit der arabischen Sprache und Kultur ist, 1915 als Beobachter des arabischen Aufstandes gegen die Türkenherrschaft an die Seite des Anführers der Aufständischen, des Scherifen Faisal, berufen, mit dem Auftrag, den Arabern die Unterstützung Großbritanniens beim Aufbau eines unabhängigen arabischen Staates zuzusichern. Dort erlangt er sehr schnell das Vertrauen der Araber, die seinen Versprechungen Glauben schenken und ihn, obwohl er selber zuvor keine größere militärische Erfahrung gesammelt hat, mit Führungsaufgaben, insbesondere bei der Nachschubbeschaffung und Organisation, betrauen. Er dient an der Seite Faisals als Diplomat zwischen den verfeindeten arabischen Stämmen, die zum größten Teil mit Gold von der „arabischen Sache“ überzeugt und vereinigt werden, als Vermittler mit den britischen und französischen Truppen und entwickelt eine auf die Verhältnisse in der Wüste zugeschnittene Guerilla-Taktik, die den Arabern große Erfolge gegen die schlecht geführten türkischen Truppen ermöglicht. Lawrence beginnt, sich wie ein Araber zu kleiden und nimmt immer mehr deren Bräuche und Verhalten an, doch als er auf einer Konferenz in Kairo erfährt, dass die Regierung in London keines Wegs bereit ist, nach dem Sieg über die Türkei den Arabern einen eigenen Staat zu ermöglichen, beginnt er, moralisch an seinem Vorhaben, die arabischen Stämme bis nach Damaskus zu führen, zu zweifeln. Dennoch setzt er seine Arbeit weiter fort, ohne den Arabern mitzuteilen, dass sie eigentlich nur ausgenutzt werden, plagt sich jedoch mit seinem schlechten Gewissen. Nach zahlreichen Siegen über die Türken steigt er bis zum gleichwertigen Führer neben Faisal auf und kann schließlich mit Hilfe der britischen Truppen 1918 Damaskus einnehmen, was ihm bei den europäischen Zeitungen den Titel „Lawrence von Arabien“ einbringt. Auf den Friedensverhandlungen von Versailles, zu denen er Faisal begleitet, sind die Araber jedoch nur Statisten und es wird nur bestätigt, was Lawrence schon lange gewusst hat: Die Siegermächte teilten Arabien und den nahen Osten willkürlich auf und speisen Faisal mit dem wertlosen Titel des Königs vom Irak ab. Erst Jahre später bekommen die Araber einen eigenen unabhängigen Staat.
„Die sieben Säulen der Weisheit“ ist jedoch mehr als nur ein Kriegsbericht, dessen historische Wahrheit, insbesondere die Rolle von Lawrence während des Aufstandes, teilweise nicht belegbar ist. Lawrence beschreibt detailliert die Personen, denen er begegnet, die unterschiedlichen Stämme und ihre Gebräuche, Kleidung und Sprache, und die Landschaft Arabiens. Er zeigt, wie die Menschen ohne technische Hilfsmittel in der Wüste überleben und liefert vielseitige Beschreibungen der Tier- und Pflanzenwelt. Nicht zuletzt ist dies auch die Geschichte eines Vielvölkerstaates auf dem Weg in ein neues Zeitalter, das sie jedoch zunächst nur von einer Besetzung in eine andere führt. Somit ist „Die sieben Säulen der Weisheit“ auch eine Kritik und ein Beispiel für die Fehler, die nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten gemacht wurden und die im Nahen und Mittleren Osten bis heute für Konflikte sogen. Literarisch zeigt sich bei Lawrence, wie klein der Unterschied zwischen Abenteuerroman und Reisebericht sein kann, denn kaum irgendwo verlaufen die Grenzen dieser beiden Formen so dicht beieinander wie hier. In wie weit Lawrence die beschriebenen Ereignisse wirklich erlebt hat und ob er selbst wirklich so weit im Vordergrund stand, wird vor dem Hintergrund dieses leicht lesbaren und bunt ausgekleideten Beschreibung geradezu unwichtig. „Die sieben Säulen der Weisheit“ – das in den 60er Jahren als „Lawrence von Arabien“ mit Peter O’Toole in der Titelrolle verfilmt wurde und mehrere Oscars gewann- zu lesen lohnt sich auf jeden Fall, da es sowohl die Darstellung eines fast vergessenen „Nebenschauplatzes eines Nebenschauplatzes“ im Ersten Weltkrieg ist und die Fehler der Kolonialpolitik der europäischen Großmächte aufzeigt, als auch sehr viele Einblicke darin gibt, warum die arabische Welt bis heute immer wieder von Konflikten und Kriegen heimgesucht wird.