Die deutsche Übersetzung des Buches
The Mating Mind: How Sexual Choice Shaped the Evolution of Human Nature ist nicht schlecht geraten, aber der Titel "Die sexuelle Evolution" besitzt keinerlei Charme. In der italienischen Übersetzung dagegen, "Uomini, donne e code di pavone" ("Männer, Frauen und der Schwanz des Pfaus"), ist der Zauber des Originaltitels sogar noch übertroffen worden.
Der Verfasser, einer der führenden Evolutionspsychologen, vollbringt das Kunststück, in einer flüssigen Prosa das interessanteste Thema, das Menschen seit jeher beschäftigt, das Verhältnis zwischen Frau und Mann, wissenschaftlich, hier: evolutionspsychologisch, darzustellen.
Eines der schönsten Kapitel ist "10. Cyrano und Scheherazade". Dort zeigt der Verfasser sehr überzeugend und in einer fast schon poetischen Sprache, dass Poesie als "Handicap-System" fungiert:
"So muss beispielsweise beim iambischen Pentameter jeder Vers exakt aus zehn Silben bestehen, mit abwechselnder Betonung der aufeinander folgenden Silben. Darüber hinaus muss sich Lyrik in vielen Sprachen auch noch reimen. [...] Bei einigen lyrischen Formen wie Haiku, Limerick und Sonett ist die Gesamtzahl der Verse festgelegt (jeweils drei, fünf und 14). Die am höchsten geachteten Lyrikformen wie das Sonett sind die schwierigsten, weil sie alle vier Regeln miteinander kombinieren, wodurch dem Dichter ein vierfaches Handicap auferlegt wird. Einige poetische Handicaps wie Versmaß, Rhythmus und Reim finden sich in fast allen Kulturen, was nahe legt, dass unser Geist einige verbale Adaptationen für den Umgang damit entwickelt hat."
Im Original liest sich dies so:
"In iambic pentameter, for example, each line must be of exactly ten syllables, with alternating stresses on successive syllables. Moreover, poetry in many languages is expected to rhyme. [...] Some poetic forms such as haiku, limericks, and sonnets also have constraints for the total number of lines (three, five, and fourteen, respectively). The most highly respected poetic forms such as the sonnet are the most difficult, because they combine all four rules, creating a quadruple handicap under which the poet must labor. Some poetic handicaps such as meter, rhythm, and rhyme are fairly universal across cultures, suggesting that our minds have evolved some verbal adaptations for dealing with them."
Die - in meiner Sicht sehr einleuchtende - Pointe besteht darin, dass bloßes Grunzen eine Frau wenig beeindruckt, dass aber kunstvoll gefügte Worte, die nur wenigen gelingen (deswegen "Handicap-System"), womöglich noch musikalisch begleitet, den Zugang zu Seele und Geist (und Körper) eines weiblichen Wesens erheblich erleichtern.
Evolution vollzieht sich keineswegs nur durch natürliche Selektion, sondern zu einem beträchtlichen Teil durch sexuelle Selektion: Männer werben um die Gunst von Frauen, Frauen wählen diejenigen Männer aus, denen sie ihre Gunst schenken wollen.
Man sollte die Lektüre des Buches unbedingt mit diesem Kapitel beginnen, falls man am Anfang des Buches mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat.
Die Idee des Handicaps ist übrigens von dem israelischen Biologen Amotz Zahavi in die Evolutionswissenschaften eingeführt worden; vgl.
The Handicap Principle: A Missing Piece of Darwin's Puzzle, dt. Übersetzung:
Signale der Verständigung. Zuerst wurde diese Idee ignoriert oder belächelt, inzwischen wird sie sogar in maßgeblichen Lehrbüchern referiert und positiv gewürdigt, z. B. in Mark Ridleys
Evolution.