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2.0 von 5 Sternen
Will mehr sein, als es ist, 6. August 2011
Die vielen negativen Aspekte, die dieses Buch "auszeichnen", sind schon in den kritischen Rezensionen zur Genüge besprochen worden. Nachdem ich "In seiner frühen Kindheit ein Garten" nun selbst durchgelesen habe, muss ich deren Autoren leider zustimmen. Es wird die Geschichte eines Rentnerehepaares erzählt, dessen terroristischer Sohn in einem Polizeieinsatz ums Leben kam. Da sich die Berichte über das Ereignis widersprechen und man es anscheinend mit Vertuschung einer Ermordung des Sohnes zu tun hat, klagen sich die Eltern durch alle Instanzen, um die Wahrheit zu erfahren und Recht zu erlangen. Angelehnt ist das Ganze deutlich an den Fall des RAF-Terroristen Wolfgang Grams, der wirklich existiert hat. Die Figuren sind allerdings sehr eindimensional bzw. flach dargestellt, insbesondere wegen der hölzernen Dialoge, die nicht selten die Grenze zum Kitsch überschreiten und mit Möchtegernlebensweisheiten nerven ("Irgendwann muss jeder für seine Kinder bezahlen"). Eine Ausnahme stellt die zentrale Figur des Richard Zurek, der Vater des verstorbenen Terroristen Oliver Zurek, dar. Er wandelt sich angesichts der Enttäuschung über die scheinbar nicht neutrale Rechtsprechung über die Länge des Romans von einem treuen Diener des Staates zu einem seiner Kritiker. Doch dies leider auch sehr sprunghaft und teilweise nicht nachvollziebar. Gleichzeitig beginnt er, den Idealen und Vorbildern des Sohnes nachzuspüren, die hauptsächlicher linker bis sehr linker Natur sind. Christoph Hein lässt den Vater diese als Ausdruck von Liebe unreflektiert verklären - ganz im Widerspruch zu dessen Ablehnung der kämpferisch-linken Parolen und Vereinigungen. Spätestens ab diesem Punkt konnte ich das Buch nicht mehr objektiv lesen, geschweige denn ernst nehmen. Dafür ist auch die Handlung, die ja wirklich stattgefunden hat, vor allem durch die billige Charakterzeichnung zu unglaubwürdig geraten. Welcher Mensch kann denn dauerhaft an der Vorstellung festhalten, dass der Sohn kein Mörder ist, wenn er Waffen gehortet hat und in einer terroristischen Vereinigung aktiv war? Wieso wird hier ständig "Gerechtigkeit" für einen Verbrecher gefordert? Diese Einseitigkeit macht in Kombination mit der konfusen Unterscheidung zwischen dem Sohn Oliver Zurek und dem Terroristen Oliver Zurek sowie einer verwirrenden zeitlichen Struktur voller Sprünge das Lesen sehr anstrengend. Letztendlich bleibt nur der fade Geschmack, dass man es hier mit einem eher unausgegorenem Moralstück zu tun hat, das beansprucht, viel mehr zu sein, als es eigentlich ist. Literarisch wertvoll ist es nicht wirklich, inhaltlich (hoffentlich ungewollt) implizit polemisch und flach. Am schlimmsten aber ist, dass nie die Intention des Autors wirklich ersichtlich wird. Zu keiner Zeit weiß man, was genau man jetzt aus den Geschehnissen lernen soll. Warum ist dieses Buch Lektüre im Deutschunterricht?
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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Moralisieren auf dünner Grundlage, 2. März 2010
Christoph Hein erzählt die Geschichte um die realen Ereignisse des GSG9-Einsatzes von 1993, bei der der Terrorist Wolfgang Grams unter ungeklärten Umständen erschossen wurden war. Die Parallele zum Realereignis zieht Hein dabei ganz explizit. Zwar verwendet er andere Personennamen, verändert aber den Tatort des Bahnhofs von Bad Kleinen nur minimal in den Bahnhof von Kleinen. Hein konzentriert sich auf den Klageweg Grams' Eltern durch sämtliche Rechtsinstanzen zur Aufklärung der Todesursache Ihres Sohnes. Auch diesen Klageweg hat es so wirklich gegeben. So verständlich das Bemühen der Eltern um Rehabilitation des Sohnes auch ist, es bleibt fraglich, ob das wiederholt vom Protagonisten vorgetragene Postulat "Mein Sohn ist kein Mörder" hinreichend ist, um damit um Sympathie der Leserschaft - eine Sympathie immerhin für einen Terroristen - zu werben, sofern das überhaupt die Absicht des Autors ist. Gesetzt den Fall, die wäre Heins Absicht, so wird dies schon durch die schwerfällige und holzschnittartige Darstellung des Vaters erschwert, den Hein bis zur letzten Seite in konsequenter Pronomen- und Synonymenverweigerung stets mit Vor-und Zunamen Richard Zurek nennt. Auf den ersten 100 Seiten erfüllt Richard Zurek ohnehin nur ein Ziel: Den Leser nach allen Regeln der Kunst zu langweilen, etwa wenn Hein zum widerholten Male Richard Zurek alle verfügbaren Zeitungen kaufen lässt, und ihn daraus die Artikel über seinen Sohn ausschneiden und abheften zu lassen. Nun kann man Heins monotonen Stil und die gezielte Spannungsvermeidung entweder als gewollten Kunstgriff bezeichnen oder kritisieren; eine andere Kritik, die sich gegen "In seiner frühen Kindheit ein Garten" richtet, Hein würde darin unkritisch mit dem Thema RAF umgehen, lässt sich hingegen schwerer aufrechterhalten. Sie lässt sich aber auch schwer zurückweisen. Vielmehr versucht Hein, der während des geamten Romans die RAF kein einziges Mal namentlich erwähnt, sich auf die Seite des Vaters des getöteten Terroristen zu stellen, ohne zugleich für Terroristen Partei ergreifen zu müssen. Dieses vermeintlich geniale, aber letztendlich einengendem Konstrukt würde vermutlich genügen, um die Familienehre der Familie Zurek wiederherzustellen. Das mag auch dem wirklichen Vater von Wolfgang Grams gereicht haben, Christoph Hein ist dies jedoch zuwenig: Er lässt den pensionierten Schuldirektor Richard Zurek am Ende des Romans in der Aula seiner alten Schule vor verdutzten Zuhörern feierlich seinen Amtseid widerrufen. Die Verblüffung ist dabei ganz auf der Seite des Lesers, denn Richard Zurek betrachtet als Folge seiner Verbitterung nichts Geringeres als den gesamten Staat als seinen persönlichen Feind, weshalb ihn die Entbindung von seiner Funktion als Staatsdiener (und sei es nur die Funktion des ehemaligen Staatsdieners) als ultima ratio erscheint. Selig lässt Hein seinen Roman in einem Restaurant bei gutem Essen und einem Glas Wein ausklingen. Wozu die Aktivisten der RAF noch revolutionäre Ideale, Ideen und seitenlange Kommuniqués bemühen mussten, kommt Richard Zurek mit dem simplen Vater-Sohn-Verhältnis aus. Ganz bewusst lässt Hein sogar den Vater die Büchern seines Sohnes lesen, jedoch nur um Zureks Abneigung gegen die Inhalte darin hervorzuheben. So wird Richard Zurek am Ende zum Revoluzzer ohne revolutionären Ideale. Selbst Christoph Hein mag diese Vorstellung kurios, wenn nicht gar anmaßend erschienen sein. Und so versucht er sich in kleinen Rückblenden Rechtfertigungen dafür zu schaffen, um für Verständnis für Richard Zureks Verhalten zu werben, während dieser wiederum bemüht ist, Verständnis für seinen Sohn Oliver aufzubringen: "Und plötzlich waren wir mitten in einem Polizeieinsatz", so berichtet Richard Zurek seiner Frau über ein Schlüsselerlebnis mit seinem Sohn, dem späteren Terroristen; und darüber, wie diese bei einem harmlosen Einkaufsbummel in Wiesbaden in einen Tumult geraten waren: "Die Wasserwerfer fuhren mit hohem Tempo auf die Demonstranten zu, und dann knüppelten sie auf alles ein, was sich bewegte". Mit unbekümmerter Leichtigkeit schlägt Hein einen Bogen von beobachteten Polizeieinsätzen hin zu jenem verkorksten Gerichtsprozeß, bei dem sich Richter und Polizei gegenseitig decken und Beweise vernichten, um daraus Richard Zurek die Schlußfolgerung ziehen zu lassen: "Da der Staat aber seine eigenen Gesetze nicht wahrt, bin ich von meinem Amtseid entbunden". Diese Schlüsse zieht Hein mit einem beachtlichen Grad an Selbstverständnis und fordert den Leser auf, ihm gleich zu tun, vorausgesetzt, das Staatsverständnis des Lesers lässt sich auf die beiden Elemente Polizei und Richter reduzieren, wie das bei Christoph Hein der Fall zu sein scheint. Der erschöpfte Leser endet in einem hessischen Weinlokal und hat sicher ein Gläschen Roten verdient, nachdem zunächst Spannung, dann Logik, Witz, Sympathie und zuletzt auch Verständnis für den Protagonisten und seine Handlung auf der Strecke geblieben sind.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Intelligente Propaganda - aber: Literatur?, 20. Januar 2012
Bin Schüler der 13. Klasse, wir lesen gerade dieses Buch. Als allererstes ist mir als sehr seltsam aufgefallen, dass dieser von der Presse so hochgelobte Roman NUR als Schülerlektüre existiert, was mich noch vor dem Lesen sehr verwirrt hat. Immerhin - zunächst fand ich es spannend, endlich mal auch in der Schule moderne Literatur zu lesen, und keine 19.Jahrhundert-Klassik. Aber: ist dieses Buch überhaupt als Literatur anzusehen, wenn scheinbar 70 % seiner Leser Schüler sind, denen es verordnet wurde? Goethe, Schiller, Brecht, Hesse, usw. - keiner von ihnen hat geschrieben, damit Schüler ihre Werke lesen. Hein anscheinend schon. Zusammen mit dem Inhalt des Romans kommt es mir vor, als würde das einzige Ziel dieses Buches sein, es Schülern in die Hand zu drücken, und zu belehren, belehren, belehren. Ein typischer Schüler - hat Hein sich wohl gedacht - wird folgende Schlüsse ziehen: 1) Terroristen sind böse, sie machen Leute tot und ihre Familien kaputt; 2)Der Staat ist gerissen, er greift zu unlauteren Mitteln um seine Macht zu verteidigen, 3)Das Ideal der Demokratie - verkörpert durch Zurek - ist gut, weil es ehrlich ist. Letztendlich ist der Roman ein Aufruf an uns Schüler, gute, idealistische Demokraten zu sein. Aber das wars dann auch. In allen anderen Aspekten ist der Roman unfassbar schwach. Der Titel ist total ungerechtfertigt, Hein hat anscheinend selber keine Ahnung, wie Oliver Zurek zum Terroristen wurde, und will es uns auch nicht erzählen. Spannung gibt es nicht, dafür hat man aber vieles über den regulären Ablauf von Gerichtsprozessen gelernt. Die Moral des Romans sehr fadenscheinig, absolut nichts weltbewegendes, außer der 1/2 Seite langen erkenntnis, dass es in kommunistischen Texten eigentlich um Liebe geht, und das Leute, die zur Kalaschnikow greifen, Idioten sind. Und als am Ende der fast 80jährige Zurek seinen Amtseid zurücknimmt (Wow, was für eine Heldentat!), nennt er seine alte Frau vergnügt "Mädchen", geht schön essen, und vergisst aus heiterem Himmel die ganze Melancholie, welche ihn die letzen 10 Jahre (und den Leser sehr lange 270 Seiten) begleitet hat. Alles in Allem ein Roman, der nicht wirklich lesenswert ist, überhaupt keine richtige Literatur, sondern eher ein künstlerisch aufgepeppeltes politisches Manifest über die Demokratie. Trotzdem 2 Punkte von 5, erstens wegen der tollen Idee, den Vater eines Terroristen zur Hauptfigur zu machen (schade, dass sie so schlecht ausgearbeitet ist). Der zweite Punkt für die intelligenteste Staatspropaganda, die ich je gelesen habe (und glaubt mir, davon gibt es an der Schule JEDE MENGE). in diesem Sinne: an alle "freiwilligen" Leser: nicht kaufen! An alle Schüler, die es lesen müssen: Augen zu und durch. Und macht euch nichts draus, immerhin gibt es in der 13 noch den Faust ;)
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