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Die Welt ist aus den Fugen in diesem historisch-fantastischen Roman: Der Krieg zwischen August dem Starken und Karl XII. von Schweden hat Schlesien um 1700 im Würgegriff. Regimenter durchziehen das Land und üben erbarmungslose Lynchjustiz. Die Bauern, aber auch Banden von Räubern und Vagabunden kämpfen ums nackte Überleben. Ein christlicher Bischof bietet den Verfolgten letzte Zuflucht: In seinen Steinbrüchen und Schmelzöfen »stöhnen an Karren geschmiedet die Lebendig-Toten, die sich vor dem Galgen in die Hölle geflüchtet haben«. Zwei Männer, ein adeliger Deserteur und ein namenloser Vagabund, stehen am Scheideweg. Der Weg des ersten führt zur feindlichen schwedischen Armee, zu Kriegsruhm, Reichtum und zur schönen Maria Agneta, seiner Kusine. Der Weg des anderen führt in die Feuerhölle des Bischofs. Doch die Schicksale kreuzen und vertauschen sich.
Der kunstvoll geometrische Aufbau dieses Plots gehört zu den ästhetisch beglückendsten Erfindungen des Mathematikers Perutz. Und in der Figur des namenlosen Vagabunden hat er eine Gestalt erschaffen, die in Charisma und Dämonie den berühmten Helden der schwarzen Romantik gleicht von Byrons Manfred bis zu Dumas' Grafen von Monte Christo. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Burleske Abenteuer und noch viel mehr,
Rezension bezieht sich auf: Der schwedische Reiter (Broschiert)
In "Der schwedische Reiter" spielt Leo Perutz mit dem Genre des historischen Romans -- eigentlich ist die Romanhandlung bereits in dem wenige Seiten langen Vorbericht versteckt, in der es um die Erinnerungen der Marie Christine von Blohme, geborene von Tornefeld, verwitwete von Rantzau geht. Es geht um eine Kindheitserinnerung, die man fast überlesen hätte: Wie kann ihr Vater als Held des Schwedisch-Russischen Krieges fallen und sie gleichzeitig fast jede Nacht besuchen? Das Kind betet schließlich ein Vaterunser für einen toten Landstreicher, der gerade in der Ferne begraben wird. Und in diesem Vorspann findet der Erzähler nun einen fesselnden Roman über die Geschichte zweier Männer verborgen.Nach dem Prolog beginnt der eigentliche Roman, weit vor Marie Christines Geburt. Zwei halbverhungerte Männer versuchen im winterlichen Schlesien des 18. Jahrhunderts, ihren Verfolgern zu entkommen -- ein wirklichkeitsfremder, heruntergekommener junger Adliger, der junge Tornefeld, und ein mit allen Wassern gewaschener Dieb, der "Hahnenschnapper", dessen letzte Hoffnung die lebensfeindlichen Bergwerke des Bischofs sind, genannt "die Hölle des Bischofs". Sie finden sich in einer Mühle wieder, in der es nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, und nun kommt es, fast beiläufig und nach allerhand Abenteuern, zum Identitätstausch. Von nun an geht es um das Leben des "Hahnenschnappers", der die Stelle des Adligen einnimmt und eigentlich dessen besseres Ich wird -- aber um den Preis des Verrates und der Ehrlosigkeit. Es beginnt ein abenteuerlicher Schelmenroman, eine detailverliebte burleske Räuberpistole, ein Liebesroman; ein Kunstmärchen in bester Tradition der deutschen Romantik; ein historischer Roman mit sozialkritischen Zügen, in den zeitgenössische Legenden einfließen; ein Roman über existentielle Not und Lebenswillen, über Flucht und Verfolgung -- und ein Roman über Identität und Identitätsverlust. Die Protagonisten des Romans sind jedoch keine exakt charakterisierten Figuren, sondern Typen, Archetypen fast, Jedermänner: der wagemutige, gewitzte Dieb mit dem unermesslichen Lebenshunger, der sich sogar die eigene Identität stehlen muss, um leben zu können, der jahrelang sein Ziel verfolgt und mit seiner Räuberbande die Obrigkeit an der Nase herumführt und sich nicht um Gott und den Teufel schert, der es zu allzu vergänglicher Sicherheit bringt und am Ende doch mit sich ins reine kommt, als er in der Todesstunde die Bedeutung dessen erkennt, wozu er vom Gericht Gottes verurteilt worden war: "dass er allein soll tragen durch sein Leben seiner Sünden Last und sie keinem gestehen und bekennen als der Luft und dem Erdreich". Perutz schrieb hier eines seiner vielen Meisterwerke über den modernen Menschen. Auch wenn die abenteuerliche Geschichte des "Schwedischen Reiters" im 18. Jahrhundert spielt und auch wenn Perutz' rhythmischer Sprachduktus an Chroniken des 18. Jahrhunderts denken lässt, so geht es doch um den modernen Menschen: Die Welt ist aus den Fugen, und nicht göttliches Wirken lenkt die Geschicke des Menschen, sondern Zufälle werfen ihn aus der sicher geglauben Bahn: Gottes Gericht ist "nur" für die existentielle Befindlichkeit des Individuums zuständig -- der Zickzack seines Lebens resultiert aus Zufällen, aus Verrat, Schlauheit und Treue. Die Guten werden nicht fürs Gutsein belohnt, die Schlechten nicht fürs Schlechtsein bestraft. Der Roman ist fesselnd und nimmt den Leser übergangslos mit ins 18. Jahrhundert. Viele lose Fäden müssen verknüpft werden, bevor am Ende die Zusammenhänge erkennbar sein werden -- nur für den Leser freilich, nicht für die Romanfiguren. Auch hier hat Perutz keinen "intellektuellen Roman" geschrieben; man kann den "Schwedischen Reiter" ohne Gewissensbisse ganz einfach als spannende Geschichte lesen, und das mit Recht. Das intellektuelle Vergnügen an den vielen Vexierspiegeln stellt sich dann von selber ein. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Kunstwerk an Spannung und Sprache,
Rezension bezieht sich auf: Der schwedische Reiter (Broschiert)
Ich habe lange keinen historischen Roman gelesen, der dem Leser derart viele Freiheiten der Deutung gestattet. Perutz führt uns in das von Kriegswirren heimgesuchte winterkalte schlesisch-polnische Grenzgebiet, wo der Schwedenkönig um etwa 1700 mit seinem Heer das Land verwüstet. Am Beginn der kunstvoll verwobenen Geschichte steht gleichsam schon das Ende, an dem die zwei Protagonisten angekommen scheinen. Die zwei Männer schließen Freundschaft, obwohl von ganz unterschiedlicher Abstammung. In weiterer Folge begleiten wir den Dieb durch sein abenteuerliches Dasein, erleben seinen unaufhaltsamen Aufstieg zum geadelten Gutsbesitzer und die zartbittere Liebesgeschichte mit Maria Agneta. Erst gegen Ende des Werkes erscheint der geläuterte Adelige Tornefeld wieder auf der Bildfläche, dem der namenlose Dieb übel mitgespielt hat, von dem wir lediglich wissen, dass er einst Knecht war. Freilich ist Tornefeld nicht unschuldig an seiner neunjährigen Zwangsarbeit im Arbeitslager des ausbeuterischen Bischofs. Hier darf darauf hingewiesen werden, dass Perutz ein desolates Bild kirchlicher Ordnung zeichnet. An Stelle dieser nicht vorhandenen Ordnung spricht das Gottesgericht mit flammenden Engeln Recht und enthebt den Dieb überraschenderweise aller Schuld, die er durch Raub und Diebstahl auf sich geladen hat. Umso härter fällt das Urteil aus, das über den Verrat am Freund gesprochen wird. Dreimal insgesamt entscheiden sich Schicksale in einer alten Mühle, wo ein toter Müller die Verbindung zur Hölle des Bischofs herstellt. Die aufopferungsvolle Liebe der roten Lies zum Dieb, dem Hauptmann der Briganten, verwandelt sich in schicksalhaften tödlichen Hass, der Abstieg ist vorgezeichnet. Auch Tornefeld findet nach ruhmreichen Kriegstaten im Dienste des Schwedenkönigs seine Erfüllung.Der Leser kann sich dem Zauber dieses Romans nicht entziehen und kaum jemand wird angesichts des liebevollen Vater-Tochter Verhältnisses ungerührt bleiben können. Ich habe mich gefragt, warum Perutz niemals die Charaktere der Handelnden ausbildet und bin zu dem Schluss gekommen, dass er dies dem Leser keinesfalls abnehmen will. Der Roman wird dadurch vieldeutig und regt Überlegungen zur bestehenden Ordnung an. Der Mensch kann in seinem Streben letztlich nicht den schicksalhaften Mächten entkommen. Für mich wird weiters die Frage nach Schuld und Sühne des Menschen aufgeworfen. Hier glaube ich sogar eine Verbindung zu Dostojewskis Raskolnikow knüpfen zu können. Ungewöhnlich beeindruckend finde ich die Sprachkunst des Romans, die einerseits der Zeit der Handlung zu Beginn des 18. Jahrhunderts Rechnung trägt, andererseits von der Sprache der handelnden Personen bestimmt wird, jedenfalls immer das Kolorit der Epoche beachtend. Fazit: Höchst lesenswert, da spannend, kunstvoll, intelligent, menschlich, tragisch, ... Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
5 Sterne!,
Rezension bezieht sich auf: Der schwedische Reiter: Roman (Taschenbuch)
Schlesien im 18. Jahrhundert. Was sich in der Inhaltsangabe wie ein weiterer historischer Roman liest, wird schnell zu einem raffinierten Verwechslungsspiel mit märchenhaften Elementen und einer tragischen Liebesgeschichte. Perutz besitzt die Kunst literarische Gattungen ohne Bruchstellen zusammenzusetzen und bedient sich bei jeder mit den für ihn notwendigen Elementen. Dabei lässt er aber nicht das kleinste Detail aus. Seine Beschreibungen der Landschaft, der Leute und der Lebensgewohnheiten sind so liebevoll, dass man sich mühelos in seine Geschichte fallen lassen kann.Von der Hauptfigur, dem schwedischen Reiter weiß man anfangs nur wenig, man kennt nicht einmal seinen Namen und nur das, was für die Geschichte wichtig ist wird gesagt. Der Leser folgt dem Erzähler durch die Geschichte und obwohl man immer ahnt, worauf es hinauf laufen wird, ist man doch gefesselt von der Erzählweise. Der Erzähler nimmt den Leser an der Hand wie ein Vater das Kind in der Geisterbahn und warnt es im Voraus und lässt manche Sachen offen um nicht den Spaß zu verderben. Der Unterschied zu der Unmenge an historischen Romanen ist die Sprache der Figuren, die tatsächlich so ist wie in der Zeit, in der die Geschichte spielt. Das mag manchmal schwer zu lesen sein, weil viele der Ausdrücke heute nicht mehr in Gebrauch sind, zieht aber noch mehr in die Geschichte hinein. Diese Buch unterläuft einem Ständigen Wechsel des Genres, was als Tagebuch beginnt, wird historischer Roman, Spitzbubengeschichte, Abenteuererzählung und endet in einer Liebesgeschichte, die niemanden kalt lässt. Großer Tipp, nicht am Abend lesen, da man die ganze Nacht dann munter ist. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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