"Vor einer Woche haben sie Pericles festgenommen. Ich habe geglaubt, heute würden sie ihn wieder freilassen, wie die anderen Male, als er nach einer Woche Arrest wieder zu Hause war. Aber die Lage hat sich verändert." S11
Haydee vertraut sich ihrem Tagebuch an. Einem Büchlein, das sie vor vielen Jahren in Belgien gekauft hatte, während sich ihr Mann dort als Botschafter verdiente. Pericles - Journalist in El Salvador - wurde erneut im schwarzen Palast inhaftiert. Doch diesmal wird er so schnell nicht frei kommen. Während seiner Haft wird von Militär, der bürgerlichen Oberschicht und Intellektuellen ein Putsch angezettelt, der leider auf der Zielgeraden scheitert. Unter den Putschisten befindet sich auch der älteste Sohn des Ehepaares, Clemente. Doch diesem gelingt die Flucht. Politische Verhaftungen folgen einander wie das Amen dem Gebet, doch derer nicht genug, entgeht kaum jemand der Hinrichtung. Die Bevölkerung ist aufgebracht. Der General ohne Erbarmen.
Dem Versammlungsverbot ein Schnippchen geschlagen, treffen Ehefrauen, Mütter und Schwestern zu einem vermeintlichen Polterabend zusammen. Dieser Anlass dient ihnen zur Bildung einer Gruppe des Widerstands. Sie verfassen Manifeste und sorgen durch ihre Kontakte zum studentischen Widerstand für weitläufige Verteilung.
Das unbeschreiblich Fabelhafte an diesem Roman ist die Vielschichtigkeit der erzählenden Personen und ihrer Perspektiven. Die Tagebucheintragungen einer Frau, deren Familienmitglieder als politische Gegner des Regimes verfolgt werden einerseits und die Beschreibung von Clementes Flucht - ein Macho, ein unbedachter Abenteurer, der sich schließlich als Weichling entpuppt. Und abschließend eine unsagbar traurige, melancholische Zusammenfassung eines alten Freundes der Familie viele Jahre nach 1944, die eine Vielzahl gebrochener Menschen im Lande zurück lässt - für mich das bewegendste Kapitel (zweiter Teil: Das Mittagessen).
Unfassbar eindringlich und nüchtern beschreibt Moya den Putsch gegen ein unbarmherziges Regime. Erwähnt Hinrichtung über Hinrichtung - von wahren Putschisten und solchen, die als Exempel statuiert werden. Beschreibt auf der Flucht Land und Leute. Und eine maßlose Ausweglosigkeit. Zwar werden die Frauen und Studenten erfolgreich über den General sein, dennoch sind zu viele entwürdigt, gebrochen oder lebendige Tote.
Ein wunderbarer, politischer, aber menschlich-melancholischer Roman über die Unfreiheit.