In Joe Hembus' "Western Lexikon" aus dem Jahr 1976 wird jeder aufgeführte Film entweder mit einem, zwei oder drei Sternen bewertet - je nach Güte bzw. dem Eindruck, den der Verfasser von dem jeweiligen Film hatte. Nur ein einziger Film, nämlich "The searchers" oder "Der schwarze Falke" wurde von Hembus mit einer Vier- Sterne- Wertung ausgezeichnet (Hembus 1976, S. 534). Aber auch in manch anderer Sekundärliteratur zum Western wird "Der schwarze Falke" als bester Western aller Zeiten beschrieben. Wie kommt das?
Da wäre zuerst einmal die Story, die alle, wirklich alle Elemente des klassischen Westernfilms in sich vereint: Ein entlegenes Bauernhaus in der Prärie wird von Comanchen überfallen, die Erwachsenen massakriert - und nur die kleine Tochter der Familie, Deborah (oder Debbie) überlebt, um vom Häuptling der Indianer (genannt "Schwarzer Falke") verschleppt zu werden. Debbies Onkel, ein ehemaliger Kavallerist der Konföderation namens Ethan Edwards (John Wayne), der zu spät kam, um das Unglück verhindern zu können, macht sich daraufhin auf die Suche nach ihr; zur Seite steht ihm der Stiefbruder Debbies, ein Halbblut namens Martin (Jeffrey Hunter; Hunter spielte ungefähr zehn Jahre später den ersten Captain des Raumschiffs Enterprise in dem [von der Produktionsfirma verworfenen] Pilotfilm "Der Käfig", bevor er im jahr 1969 an den Folgen eines Unfalls starb; die Rolle in "Star Trek" wurde nach seinem Ausscheiden an William Shatner vergeben). Ethan und Martin irren daraufhin fünf lange Jahre durch die Weiten des Westens, immer auf der Jagd nach dem "Schwarzen Falken", doch als sie ihn schließlich stellen können und Debbie (Natalie Wood) bei ihm finden, kann Martin Ethan nur mit äußerster Mühe davon abhalten, dessen nunmehr zur Comanchenfrau herangereifte Nichte zu erschießen. Doch erneut haben die beiden Cowboys die Spur des Stamms verloren - und die Suche beginnt von neuem...
Die Suche - wonach auch immer - ist ein zentrales Element des Westernfilms. Man sucht nach Schätzen, sucht nach Gold, nach entlaufenen Banditen - hier wird nach einer jungen Frau gesucht, die schließlich in Person Natalie Woods wiedergefunden und wieder in den Kreis der westlichen Welt aufgenommen wird. Niemals in der Geschichte des Westerns wurde aber eine Suche so kraftvoll, so spannend und - vor allem - so entbehrungsreich, voller Strapazen und so realistisch gefilmt wie hier. Auf ihrem Weg begegnen Ethan und Martin vielen Menschen, die ihre Geschichte erzählen, ebenso wie Halunken, Gaunern und Betrügern; sie durchstreifen großartige, bildgewaltige Landschaften im Sommer wie - toll in Szene gesetzt - auch im Winter.
An psychischen Grenzsituationen hat der Film vieles zu bieten - viel mehr als ein "normaler" Western, insbesondere viel mehr als ein normaler John Ford- Western. Der Zuschauer wird mit von Indianern entführten Weißen konfrontiert, die von ihren Erlebnissen tief traumatisiert und halb wahnsinnig sind; er bekommt aber auch die Strenge und Unerbittlichkeit der US- Armee zu spüren, die ohne Mitlied Indianerdörfer auseinandernimmt, die Männer tötet und Frauen und Kinder in Reservate treibt. John Ford war und ist nach wie vor für seine barbarische, reaktionäre Sicht der Ureinwohner Nordamerikas bekannt, doch hier, in diesem Film, wuchs er über sich selbst hinaus und legte ein differenziertes, klischeefreies Porträt der Grenzregionen zur damaligen Zeit (ca. 1870- er Jahre) vor.
Daneben begeistert der Film mit Szenen menschlicher Wärme. Die kleine Debbie (Lana Wood), die vom Pastor gefragt wird, ob sie denn schon getauft ist, und die, nunmehr ganz verlegen, antwortet: "Entschuldigung, ich weiß wirklich nicht", rührt beinahe zu Tränen, ebenso die Frühstücksszene im Hause der Edwards, an der der Pastor und die Mitglieder der Bürgerwehr teilnehmen. Ford und seine Drehbuchautoren bau(t)en auf diese Weise eine häusliche Idylle auf, die dann, in einem großen Knall, beim Überfall der Comanchen zerplatzt wie eine Seifenblase. Wie ein Schock wirken danach die traurigen Ruinen des Edward- Hauses auf den Betrachter; jener Ort, an dem soeben noch Gemütlichkeit und Kameradschaft zu Hause waren, ist nun vernichtet.
Die Schauspieler, allen voran Hunter und Wood als ungleiches Geschwisterpaar, begeistern. Hunter gelangte, aufgrund seines frühen Todes, nie zu Starruhm, doch sein Mitwirken in diesem Film, an der Seite von John Wayne, setzte ihm ein ewiges Denkmal. Wayne selbst wächst über sich selbst hinaus und bringt es fertig, seiner immer gleichen Rolle (konservativer, harter Bursche) eine depressive, einsame und verbitterte Note beizumischen, so dass aus Ethan Edwards der wohl dem Western am angemessensten erscheinende Charakter dieses Filmgenres wird. Und nicht zuletzt stellt Henry Brandon mit Häuptling "Schwarzer Falke" (im Original "Chief Scar", also "Häuptling Narbe") den charismatischsten Indianerhäuptling seit Winnetou (Pierre Brice) dar.
Tja, um zur Beantwortung der eingangs gestellten Frage zu kommen: Warum ist dieser Film der beste aller Western? Ganz einfach: Er ist der mitreißendste, originärste, typischste Western; der Western, in dem alle Motive dieses Genres zur damaligen Zeit wie in einem einzigen Kristallisationspunkt vereinigt wurden. Darüberhinaus ist "Der schwarze Falke" aber auch der mitfühlendste, wärmste, herzlichste und menschlichste aller Western. Ein Juwel der Filmgeschichte - und zu Recht von Hembus mit vier Sternen prämiert, obwohl nur drei zu vergeben waren.