Der steigende Wettbewerb im Pflegesektor fordert von den Einrichtungsbetreibern mehr als den Ausbau der Qualifikation und die Konzentration auf Konzepte. Mit offenen Augen muss sich auch den Fragen der Ausgaben gewidmet werden. Wie die Autorinnen dieses Buches bereits eingangs festhalten, werden oft, einer Kurzschlussreaktion gleich, kurzfristige Sparmaßnahmen und Sparzwänge ergriffen, die naturgemäß auch nur ebenso kurzfristig greifen.
Brater/Maurus stellen mit dem „schlanken Heim" ein Konzept vor, welches sich nicht diesen Maßnahmen bedient. Vielmehr werden die Einrichtungsleiter und Mitarbeiter aufgefordert zu reflektieren, auf welche wesentlichen Faktoren sich beschränkt werden soll. Dies führt unumwunden dazu „unwesentliche" Bereiche und Tätigkeiten in Frage zu stellen und Alternativen zu finden, und die Wirtschaftlichkeit des Hauses zu verbessern.
In fünf Kapiteln stellen die Autorinnen dieses „Lean Management" genannte Konzept vor, geben theoretische Grundlagen wieder und führen diese am Beispiel des „Aja Textor-Goethe Hauses" aus. Nach einigen Anmerkungen zur o.g. Einrichtung und der Idee des Lean Management in den Vorbemerkungen und der Einleitung gehen die Autoren zum Hauptteil ihrer Arbeit über.
Die Bestimmung der Unternehmensidentität ist der zentrale Aspekt des ersten Kapitels. Um diese anschließen differenzierter zu betrachten werden zunächst Fragen der Wertschöpfung und Kundenorientierung in der Altenpflege diskutiert und um Gedanken der Leitbildarbeit erweitert. Bereits aus diesen kann sich dann der folgende Schritt ergeben: die Festlegung auf eine Zielgruppe. Dieser Zielgruppe und den Bedürfnissen der Gruppenmitglieder gebührt eine intensive Betrachtung. Am sehr anschaulichen Beispiel des Eisbergmodells der Kundenwünsche stellen die Autorinnen diese Problematik anschaulich dar.
„Schlank" in diesem Sinne meint also, das sich die Träger der Einrichtung auf bestimmte Kompetenzen konzentriert, hier Zielgruppen und Angebote, und nicht versucht das gesamte Spektrum abzudecken, um die Wünsche und Bedürfnisse einer Zielgruppe annähernd erfüllen zu können.
Im folgenden zweiten Kapitel wird von den zuvor gemachten Erfahrungen ausgegangen und die Dienstleistungen der Pflege analysiert. Die zuvor geschilderte Wertschöpfung wird hier zur Wertschöpfungskette erweitert. Mit einer Differenzierung in primäre und unterstützende Aktivitäten wird dargestellt, wie umfassend die Tätigkeiten eines Dienstleistungsunternehmens sind. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels wird ausgeführt, welche Schritte notwendig sind um die Leistungen derart zu gestalten, dass sie auf die Zielgruppe zugeschnitten sind. Durch die Implementierung praktischer Probleme wie jenem der Pflegedokumentation und dem Klingeln der Bewohner, werden die geschilderten Prozesse auch praktisch sehr anschaulich.
Das dritte Kapitel stellt Möglichkeiten vor die Arbeitsabläufe auf das Wesentliche zu beschränken. Gleich im Vorfeld wird jedoch von tayloristischen Vorstellungen Abstand genommen und sich distanziert. Die Autorinnen setzen dabei vermehrt auf die organisatorischen Fähigkeiten des Teams. Genannt seien an dieser Stelle die Dienstplangestaltung und die Struktur einer Einrichtung. Diese haben keinen direkten Einfluss auf Kosten oder Wertschöpfung, finden aber durch Kooperation und Zufriedenheit des Personals, z.B. über geringere Krankheitsquoten, ihren Weg zurück zur Ausgangssituation.
Mit dem Kapitel „Arbeit auf Abruf" stellen Brater/Maurus ebenfalls bekannte tayloristische Ansätze vor, geben jedoch ihr Verständnis dieses Aspektes für die Altenpflege wieder. Als Lösungsansätze werden versucht die anfallende Arbeit beim Bewohner weniger stark zu fragmentieren, sprich keine Unterbrechungen durch Anrufe etc., es wird versucht proaktiv zu handeln, also Abläufe so zu gestalten, dass sich ihrer angenommen wird, bevor sie andere Tätigkeiten unterbrechen. Dies fordert allerdings eine intensive Anamnese und Biografie der Bewohner.
Um diese Maßnahmen zu ermöglichen, ist die Selbstorganisation der Mitarbeiter ein wichtiger Faktor, dem auch das bewusst machen der eigenen Einstellung zu jeder Zeit angehört.
Der ständigen Verbesserung des Heims widmet sich das abschießende fünfte Kapitel, das besonders hervorzuheben ist, da es sich mit aktuellen Management-Modellen wie der „Lernenden Organisation" beschäftigt und diese im praktischen Alltag darstellt.
Ergänzt um die drei Anhänge werden die Konzeption und Hintergründe der geschilderten Einrichtung anschaulicher. So schildert der erste Anhang das Haus Aja Textor-Goethe, werden im zweiten Anhang Angaben zur Wertkettenanalyse gemacht und gibt der dritte Anhang eine Übersicht über die verwendeten Schriften, die in direktem Zusammenhang mit dem Projekt stehen.
Fazit: Den Autorinnen gelingt es zweifellos das Konzept des Lean Management vorzustellen und dem Leser zu vermitteln. Der praktische Bezug wird durch das parallel geschilderte Projekt am Aja Textor-Goethe Haus deutlich und gibt Anreize zur Umsetzung.
Als problematisch muss aber die nicht nachvollziehbare wirtschaftliche Komponente betrachtet werden. Die Ausführungen und Gedanken der Autorinnen sind durchweg schlüssig, hätten es allerdings verdient durch handfestes Zahlenmaterial, auch wenn dies innerhalb dieser Thematik und dieses Buches sicherlich schwer zu implementieren gewesen wäre, untermauert zu werden. Jedem betriebswirtschaftlich geschulten Analysten und Manager werden die Darstellungen entgegenkommen, jedoch könnte das vollständige Fehlen von Zahlen Einrichtungsbetreiber wieder in die handfesten und kurzfristigen Sparzwänge treiben, welche von den Autorinnen so vehement abgelehnt werden.
Darüber hinaus stellen auch die sehr kompakten Texte eine schwer überschaubare Struktur dar, die ein anderes Format hätten Wünschen lassen.
Alles in allem leidet das sehr gute Konzept des Lean Management unter den Schwierigkeiten der Darstellung und der Vergleichbarkeit, sowie der integrativen Konzeption des Aja Textor-Goethe Hauses, bei welchem aktuelle Erkenntnisse (segregativer Ansatz) scheinbar außer Acht gelassen werden, der jedoch mit seinem unkonventionellem Ansatz möglicherweise auch zur Ausgrenzung weniger intellektueller Bewohner beitragen könnte.
Rezensiert von Andreas Neves da Costa