Der Titel von Wallraffs neuestem Werk ist sicherlich angelehnt an den Roman von Aldous Huxley "Brave new world", und ist trotzdem so aktuell wie nie zuvor. Huxley veröffentlichte ihn unter dem Eindruck der Ära der Automarke Ford (und Charlie Chaplin kritisierte in seinem Film "Modern Times" die Massenproduktion an den Ford-Fließbändern). Es war der Auftakt zur Massenproduktion, Industrialisierung, Globalisierung und Umweltverschmutzung. Der Mensch als austauschbares Objekt, dem jegliche Individualität abhanden gekommen ist.
Ist es wirklich wieder soweit?, mag man sich bei der Lektüre fragen. Sind wir wieder im kalten Manchester-Kapitalismus des Karl Marx angekommen? Es scheint so.
Das erste Kapitel ist dem Rassismus in Deutschland gewidmet. Für mich leider das schwächste in diesem Buch, weil es irgendwie nicht funktioniert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Wallraff als Farbiger durchgegangen ist - aber vielleicht ist gerade das das Verrückte daran. Niemand sieht genauer hin, man sieht nur die Hautfarbe, und macht die Schotten dicht.
Als Obdachloser bei Minus 20 Grad versucht Wallraff, sich auf der Straße durchzuschlagen, oder ggf. in Obdachlosenunterkünften unterzukommen. Das ist leichter gesagt, als getan. Als Obdachloser, Wohnungsloser oder Nichtsesshafter (das Amt macht da gravierende Unterschiede!) ist es schwer, die Menschenwürde zu behalten, geschweige denn eine menschenwürdige Unterkunft gerade in diesen kalten Nächten zu ergattern. Sehr interessant fand ich die zwischengeschobenen Originalberichte von Männern, die er getroffen hat, und die uns sagen, dass es jeden treffen kann, und dass die Aussage: das hätte nicht sein müssen, zu kurz gedacht ist.
Im Kapitel über diverse Callcenter erfahren wir nicht ganz etwas neues, aber die kriminellen Praktiken so schamlos aus erster Hand zu lesen - das hat schon was.
Die Hundsrücker Bäckerei Weinzheimer. Auf ihrer Internetpräsentation wirbt sie nach wie vor mit 100jähiger Erfahrung und Tradition in Sachen Brotbacken. Das Problem ist nur: Weinzheimer backt gar kein Brot mehr, sondern ist alleiniger Lieferant der Aufbackbrötchen für den Discounter Lidl. Wallraff bekommt dort einen Job und lernt in dem härtesten und längsten Monat seiner jüngeren Vergangenheit was malochen bedeutet - es verfolgt ihn bis in seine Träume, in denen ihm die Brötchen vom heißen Blech um die Ohren fliegen.
Nicht erst seit der Bekanntmachung von Lidls unsäglicher Menschenbehandlung bin ich ein Totalverweigerer. Wallraff hat mich hierin nur bestätigt. Und was Weinzheimer angeht.... urteilen Sie selbst.
Starbucks. Das allseits beliebte und hoch frequentierte Modekaffeehaus made in USA. Die Normierung des individuellen Geschmacks, und das auch noch weltweit. Das ist nicht cool, sondern traurig.
Starbucks fröhliche Maxime - wir sind alle so frei, so glücklich und so wunderbar - wird durch die gnadenlose Ausbeutung der Mitarbeiter contrakariert. Teilweise blieb mir echt die Spucke weg. Was treibt die Leute dazu, bei Starbucks auszuhalten? Ein Gutteil Masochismus? Ich habe nicht verstanden, wie man sich systematisch kaputtmachen lassen kann.
Und was können wir tun, um diese Praktiken nicht zu unterstützen? Nicht hingehen, nicht kaufen!
Die Wartenberger Mühle ist ein Nobelrestaurant des Sternekoches Andreas Scharff. Auf seiner protzigen Webseite präsentiert er die heile Gourmetwelt im Pfälzischen. Dahinter steckt auch hier die gnadenlose Ausbeutung der jungen, oft minderjährigen Auszubildenden, die täglich bis zu 12stündige Schichten fahren, damit auch dem größten Feinschmecker nicht der geangelte Wolfsbarsch und die Sauce Farigoule im Halse stecken bleiben. Falls es diesen überhaupt interessiert, was so hinter den Kulissen passiert. Aber Wallraff deutete an, dass bewusst denkende Kunden die Wartenberger Mühle auffällig meiden. Gut so!
Auch hier konnte ich nicht nachvollziehen, dass sich der Ruf von Scharff als Leuteschinder noch nicht so weit rumgesprochen hat, so dass sich immer wieder Lehrlinge von den Sternen im Michelin und Punkten im Gault Millau blenden lassen und ihm als billige Arbeitskräfte auf den Leim gehen.
Hartmut Mehdorn. Ex-Bahnchef, belohnt mit einer schwindelerregenden Abfindung für geleistete "Dienste". Viel ist geschrieben worden in den letzten Monaten, da das S-Bahnchaos Berlin ganz fest im Griff hatte (und bis heute noch nicht hundertprozentig beseitigt ist). Viel ist geschrieben worden über die Gründe, über die Ausblutung der S-Bahn zugunsten der Privatisierung der Bahn. Vieles war aber auch neu detailliert für mich: Mehdorns Tyrannenherrschaft, seine Beziehungen bis in höchste Kreise. Die Schleimerei von Mitarbeitern, die Katzbuckelei von Politikern. Dieser Mann ist ein Fall für den Staatsanwalt. Er hat mit dem Leben von zig-Tausenden gespielt.
Helmut Naujoks, unlängst erst zu erleben im Talk bei Maybrit Illner - im direkten Zweikampf mit Günter Wallraff. Diesem Monsteranwalt auch noch Sendezeit und Redefreiheit zu gewähren mag interessant für den Zuschauer sein - für die Betroffenen, die Naujoks auf dem Gewissen hat (und das meine ich buchstäblich), wird es eine Qual gewesen sein. Es ist unglaublich, was diesem Menschen (und er wird nicht der einzige sein mit dieser "Berufsauffassung") erlaubt ist, zu tun, alles unter dem Deckmantel von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat. Er hat den Persilschein zur Anwendung von Stasimethoden, von Mobbing bis zum Suizidversuch. Seine Prahlerei mit seiner "Abschussliste", mit Menschen, die er fertiggemacht hat, nur weil sie Gewerkschafter und/oder im Betriebsrat tätig sind, deren Leben er zerstört hat - all das macht ihn zum modernen Advocatus Diaboli.
Günter Wallraffs Buch lässt mich noch mehr am Rechtsstaat zweifeln. Ich frage mich: wie sind wir dorthin geraten? Die schöne neue Welt ist abgebrannt. Menschliche Kälte regiert. Wir sind ertrunken in Korruption, Feigheit, Duckmäusertum und Geldgeilheit.