Viele kennen ihn: den Aktionskünstler und Theaterregisseur Christoph Schlingensief mit seinen außergewöhnlichen Inszenierungen, bunt, zuweilen wirr, laut, explosiv und immer eindrucksvoll. Wer ihn nicht kennt, wird jetzt auf ihn aufmerksam. So kraftvoll und vital wie sein Leben bisher verlief, das manche provozierend und unangepasst erlebten, so dramatisch verläuft seine Krankheit, die ihn im Aller von 47 Jahren überfallen hat: Krebsbefall der Lunge und des Zwerchfells.
Schwere Krankheit in mittleren Jahren ist kein Einzelfall. Doch erfährt man selten, wie einer das erlebt; durch welche Höhen und Tiefen er in Hoffnung und Verzweiflung schreitet, um sich mit einem plötzlichen Fall in tiefste Todesfurcht und Angst und immer wieder Fragen um das Wie und Warum zu beschäftigen. Hier hat es einer gewagt und gekonnt: seine innerste Not zu offenbaren, sein Wüten, sein Aufbegehren und die Pein, in der er fortan nach der Eröffnung einer so unwägbaren Diagnose zu leben hat. Der Ton kommt so, wie er ihn gerade denkt, ohne lange daran herumzufeilen bis er druckreif klingt. Am schönsten bleibt die Fähigkeit, auch in der schlimmsten Malaise einmal albern zu sein,--und den Humor nicht ganz verloren zu haben!
So wie die Kreativität ihn zu überbordenden Aktivitäten genötigt hat, so überlässt er sich den Worten und Gedanken, die aus ihm hervorsprudeln, sich Bahn brechen, eine Befreiung versuchen, die doch immer wieder an den Grenzen unseres irdischen Daseins zu scheitern droht. Er bleibt unsentimental, zuweilen distanziert, spontan und immer echt.
Den Widerspruch: Scheitern und Aufbegehren hat er in Worte gefasst, die einem tief ans Herz gehen. Der Glaube gepaart mit dem Zweifel gibt die Richtung vor,--m. E. die einzige Form, sich mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen. Schlingensief bleibt sich treu, wirkt authentisch und offenbart sich in seiner ganzen Verletzlichkeit als Mensch. Wer immer ihn als Narziss oder Egomanen beschreibt: es ist nicht illegitim, mit unterschiedlichen Charaktermerkmalen ausgestattet das Leben anzugehen. Seine Form ist von Nutzen für jene, die sich an ihrem eigenen Leid verschlucken, die sich nicht gegen das Ausgeliefertsein zu wehren wissen, wie es Schlingensief mit seinem offenen Bekenntnis hier versucht. Alles, was einem Menschen hilft, ist erlaubt, so lange man andere mit dem eigenen Verhalten nicht schädigt. Gerade das aber tut er nicht. Indem er seine Krankheitsgefühle verbalisiert, ja als Theaterinszenierung wie in '"Mea Culpa'" oder eine '"Kirche der Angst vor dem Fremden in mir'" zum Verstehen führt, bringt er uns zum Nachdenken über Leben und Tod.
Christoph Schlingensief ist außergewöhnlich, aber er gibt sich nicht so. Er ist begabt und ein begnadeter Künstler,--und bleibt bei allem ein bescheidener, warmherziger Mensch mit zutiefst ernsten und wahrhaftigen Einwendungen gegen sein Geschick.
Seine Bekenntnisse gleichen einem Aufschrei der Angst und Empörung und zeugen zuletzt von der Annahme seines Leidens in Trauer und Zuversicht.