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Kundenrezensionen

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am 21. November 2011
'Der Mensch glaubt nicht, dass er das Leben gewinnt, wenn er es drangibt. Daran scheitert Gottes Utopie'. Funkelnd geschliffene Sätze wie diese finden sich zuweilen in Christoph Schlingensiefs letztem Buch, den Tagebuchaufzeichnungen des 2008 an Lungenkrebs erkrankten Regisseurs und genialischen Bürgerschrecks mit haarsträubend zerzauster Sturm-und-Drang-Frisur. Sätze wie diese sagen: Hier geht einer unbekümmert aufs Ganze. Gemessen daran wirkt der Titel des Buches geradezu provinziell: 'So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!' Nun ja, wer's glaubt....
Aber man täte diesem Buch Unrecht, wenn man es der plakativen Diesseitigkeitsbehauptung seines Titels überließe. Denn eigentlich ging es dem damals 47jährigen Autor immer um die Würde, seine 'Autonomie' als leidendes Individuum gegenüber jeder (auch göttlichen) Fremdbestimmung, die ihn einen provozierend naiven Blick auf das Drama Jesu am Kreuz werfen lässt: 'Ich glaube wirklich nicht, dass Jesus gerufen hat: Mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Ich glaube, er ist einfach ganz still da oben gehangen , hat Aua gesagt und was weiß ich....Er hat einfach gesagt: Ich bin autonom'. Diese 'Autonomie' aber bedeutet zugleich unbedingtes Vertrauen: 'Mein Gott, ich fühle mich geborgen in Dir, ich lasse mich fallen, und glaube an den guten Ausgang in Frieden.' Immer wieder spürt man in diesen frei assoziierenden Einlassungen den Versuch, eine dogmatisch verkrustete Gottesrede aufzubrechen, die im Blick auf eine radikal befristete Zeit jede Lust an der Präsenz, einer auch sinnlich erlebten Gegenwart austreibt.
Weitreichender und tiefschürfender sind indes Schlingensiefs Fragen nach dem Sinn des Leidens überhaupt, nach der Botschaft des christlichen Gottes, der seinen Geschöpfen gerade in diesem Aspekt nahe kommt und den Leidenden, Marginalisierten, Schwerstkranken andere, zukunftsweisende Perspektiven auf sich und die Welt eröffnet. Und dieser Frage geht Schlingensief etwa in seiner Lektüre von Joseph Beuys' 'Christus denken' nach. Bei Beuys finden sich markant formulierte Ausblicke auf einen christlich inspirierten, egalitären, auf alle Menschen 'erweiterten Kunstbegriff'. Als Leser behält man vor allem diese Markierungen der Beuysschen Zitate in den troubled waters einer immer auch atemlos-aufgewühlten Erlebnisprosa des krebskranken Autors in Erinnerung:
So schreibt Schlingensief:'Beuys sagt: `Zeig mal Deine Wunde. Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt. Wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.' Ja, das ist es vielleicht: Wer seine Wunde zeigt, dessen Seele wird gesund.' Das erinnert an die nachösterliche Begegnung des un- oder halb-gläubigen Thomas mit dem auferstandenen Jesus. Diese Entblößung bewirkt, so Schlingensiefs Credo als Krebspatient, jene Erkenntnis Gottes, des Anderen mitten in der Welt, im eigenen Leben. Schließlich kann Schlingensief aus eigener Erfahrung und Anschauung geradezu beiläufig formulieren:'Ich habe die Wunde der Welt berührt.' Und berührt damit auch den Leser.
Welche Einsicht hält nun Schlingensiefs Protokoll der Krankheit (zugleich eine Hommage an seine spätere Ehefrau Aino Laberenz) bereit? 'Die Liebe Gottes manifestiert sich vor allem in der Liebe zu uns selbst! In der Fähigkeit, sich selbst in seiner Eigenart lieben zu dürfen, und nicht nur in dem, was wir uns ständig an- und umhängen, um zu beweisen, dass wir wertvoll, klug, hübsch, erfolgreich sind. Nein! Wir sind ganz einfach wunderbar. Also lieben wir uns auch mal selbst. Gott kann nichts besseres passieren.'
Das sollte - natürlich - nicht das letzte Wort in der Sache gewesen sein, aber ein gutes Schlusswort ist und bleibt es allemal. Auch über Christof Schlingensiefs Tod hinaus, der - wie immer - zur Unzeit kam.
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am 7. Oktober 2009
Eine Liebeserklärung an das Leben? Eine Kriegserklärung an den Tod?
Ein Notruf an all die da oben, die tödliche Schicksalspläne schmieden?
Vielleicht auch ein verzweifelter Versuch, das Hier und Jetzt festzuhalten.
In der gleichzeitigen Tuchfühlung mit einer jenseitigen Welt.
Ein Seelenbekenntnis, das selbst den Himmel aufhorchen lässt.
Und eine Diagnose, die einen Ra(s)tlosen zum Innehalten zwingt.

Christoph Schlingensief taucht in seiner todernsten Begegnung mit einer
bedrohlichen Krankheit in alle Seelentiefen ein.
Mal gehalten von einer unerschütterlichen Hoffnung, dann wieder fallen
gelassen von der zugeschütteten Angst, sterben zu müssen.
Mit der immer wiederkehrenden Frage:
wo bleibt der allmächtige Gott in dieser ohnmächtigen Zeit?
Und wo bitte sehr seine göttliche Gnade in diesem ungnädigen Schicksal?
Er scheint sich in Luft aufzulösen, wo man um Atem ringt.
Selbst seine himmlischen Helfer glänzen durch Abwesenheit.
Hat Schicksal überhaupt ein Gefühl für Zeit? Dafür, wann Menschen bereit sind,
zu gehen? All diese Fragen stellt sich ein Todkranker, der am Leben festhält.
Sein unvollendetes Lebenswerk erfüllt sehen möchte. Und seinen ungebrochenen
Überlebenswillen auf geballten Hoffnungshänden trägt.
Christoph Schlingensief scheint in aller Verlassenheit dennoch einen irdischen Engel
an seiner Seite zu haben. Dem dieses Buch gewidmet ist.
Ob er von Gott geschickt wurde, sei dahingestellt.

Ein Schicksal, das in aller Mutlosigkeit den Weg der Demut findet. Ja sogar neue
Lebenspläne im Angesicht des Todes schmiedet. Und jeden gelebten Augenblick
als geschenkte Ewigkeit annimmt.
Ein Buch, das Schicksal tragenden Menschen Mut macht, ihre schlaflosen Nächte
in Tagträume zu verwandeln. Jeden einzelnen Hoffnungsfaden als Anfang einer
neuen Zeitrechnung zu nehmen.
Schade nur, dass ausgerechnet Vertreter der Kirche dieses kostbare Dokument
des Lebens anzweifeln. Ja sogar als Provokation bezeichnen.
Als christliche Vorbilder sollten gerade sie begriffen haben, dass jeder Seelenschmerz
seinen Ausdruck finden muss.
Danke, lieber Christoph Schlingensief, für dieses leidgesäumte, schmerzdurchlebte,
heilsame Buch!
66 Kommentare|127 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Als Christoph Schlingensief im Januar 2008 mit der Diagnose Lungenkrebs konfrontiert wird, beginnt er schon bald, seine Gedanken auf Band zu sprechen. Auf diesen Aufnahmen basiert das Buch.
"So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!" hat mich zutiefst berührt. In diesem Buch der eher leisen Töne wirkt der Regisseur und Aktionskünstler zutiefst verletzlich. Ich habe das Buch in einem Zug durchgelesen.
Schlingensief hat einen sehr sehr traurigen aber auch einen ermutigenden Text geschrieben, der unter die Haut geht. Da steckt so viel Angst drin, soviel Trauer und Wut aber auch sehr viel Liebe. Liebe zu seiner Verlobten Aino, zu seiner Arbeit und vor allem zum Leben.
Das Buch ist kein verjammertes Hadern mit dem eigenen Schicksal, sondern der mutige Versuch das Ungeheuerliche zu verstehen und sich ein Stück weit selbst auf die Spur zu kommen. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit der Familie (vor allem dem verstorbenen Vater), mit der eigenen Einstellung zur Arbeit, mit dem Leben an sich und natürlich mit dem Tod. Schlingensief greift dabei nicht einfach "nur" sein eigenes ganz persönliches Schicksal auf, sondern den Umgang mit Krankheit und mit Tod in unserer Gesellschaft. Er zeigt auf, wie häufig Kranke und ihre Angehörigen allein gelassen werden und ruft bereits im Vorwort dazu auf, aktiv etwas dagegen zu unternehmen. Hier geht es nicht darum, dass ein Mensch seine Geschichte hinausposaunen will um zu sagen "Seht her, da bin ich - und so krass bin ich drauf!" Wer das denkt, hat das Buch nicht gelesen - kann es nicht gelesen haben. Es geht hier nicht um Exhibitionismus o.ä., sondern um einen wichtigen Prozess, den ein Mensch durchläuft und um Erfahrungen, die sicherlich anderen helfen können. Menschen, die selbst in der Situation sind und sich mit Ängsten konfrontiert sehen, die man sich gar nicht vorstellen kann - oder auch Gesunden, die wieder einmal vor Augen geführt bekommen, wie wertvoll der "normale Alltag" ist.
Schlingensief berichtet in seinem Protokoll auch von heiteren Momenten. Wie er sich vor Lachen kaum halten kann, als eine geistig verwirrte Patientin ihm vor die Zimmertür kackt und eine Putzfrau das ganze auch noch mit den Worten "Ach du Scheiße, Kacke!" kommentiert. Oder einfach die eigentlich banalen und doch so schönen Kleinigkeiten, die unseren Alltag ausmachen: Pizza essen mit Freunden, der Frühlingsbeginn u.v.m.
Christoph Schlingensief hat ein wichtiges Buch geschrieben - nicht nur für sich selbst, sondern auch für Kranke wie Gesunde.
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Das ganze Buch im Plauderton von Schlingensief.Dies vorneweg. Der Inhalt trifft die Leser somit unvorbereitet mit der ganzen Härte.

Erst jetzt habe ich mich aufgerafft, dieses hoffnungsvolle und energiegeladene Kranken-Tagebuch von Christoph Schlingensief zu lesen - zu frisch war noch meine eigene Erinnerung an Schlingensief, die Unfassbarkeit seines Todes. Ich habe im letzten Jahrzehnt sehr viele Auftritte des Aktionskünstlers gesehen, so z.B. die Hälfte aller ATTA ATTA Vorstellungen an der Berliner Volksbühne. Ich erinnere mich noch gut an die ersten Meldungen von Schlingensiefs Erkrankung Anfang 2008. Alle hatten damals noch gedacht, dass diese Krankheit spätestens bis zur Premiere der HEILIGEN JOHANNA an der Deutschen Oper Berlin, Ende April 08, wieder überstanden ist. Dem war nicht so. Schlingensief war beim Schlussapplaus nicht anwesend.

Schlingensief schildert in seinem Krebstagebuch meist täglich seine Empfindungen, Stimmungen, Eindrücke, medizinische Abläufe. Das packt jeden Leser, man kann nicht weghören. Ich höre es, mit Schlingensiefs Stimme, wenn ich dieses Buch lese. Die Hoffnung, es doch noch zu schaffen. Der heutige Leser weiß um das Ende - wenn man Schlingensief gekannt hat, schwer zu verarbeiten. Jedoch, es schärft den Blick auf das eigene Leben.
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am 24. März 2013
Ich kannte Schlingensief vorher nur oberflächlich aus der Zeitung und Interviews, habe ihn aber immer gemocht.
Durch das Mitgenommen sein in diesen dramatischen Lebensabschnitt, das stete Auf und Ab der Gefühle. Durch die intensive Beschreibung der Personen und Dinge die ihm im Angesicht der bedrohlichen Krankheit überlebenswichtig werden/sind. Dadurch entwickelt man als Leser eine Beziehung zu ihm, die sehr persönlich wird. Ich bin sehr dankbar, dass es dieses sehr bewegende Buch gibt. Durch dieses Buch kommt immer wieder das eigene Nachdenken in Gang, wie würde ich wohl damit umgehen, so ginge es mir wohl auch. Man kann sich sehr gut hinein versetzen und fühlt sich ganz eng mit Christian Schlingensief verbunden. Ich habe ihn dadurch wirklich sehr lieb gewonnen und ich bin wirklich sehr traurig, dass er nicht mehr hier ist. Nichts desto trotz ist das ein Buch das das Leben feiert und deutlich macht - es ist ein Geschenk.
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am 27. März 2011
Zum Inhalt:
Christoph Schlingensief, seines Zeichens Film-, Theater- und Opernregisseur und somit nebenbei mit einer der größten Kunstschaffenden der jüngeren Vergangenheit berichtet in So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein - wie schon der Untertitel verrät - von dem Leidensweg seiner Krebserkrankung, dem Hoffen und Bangen, seinen Gedanken zum Leben und Sterben, seinem toten Vater und Gott und der Liebe und schafft damit ein einmaliges und eindrückliches Vermächtnis, nachdem er im August 2010 seiner Krankheit erlag.

Rezension:
Schlingensiefs mit einem Diktiergerät festgehaltener Weg durch die einzelnen Stationen seiner Lungenkrebserkrankung, -diagnose und -therapie sind eine einzige, zutiefst emotionale, hoffnungsvolle und zugleich tieftragische Offenbarung.

Vom 15. Januar 2008 bis hin zum 20. April lässt er den Leser teilhaben an all seinen Höhen und Tiefen, seinen Erlebnissen während der Therapie und der liebevollen Fürsorge Ainos, seiner Liebsten. Dabei begegnet man nicht nur dem Künstler Schlingensief, sondern vor allem anderen dem Mensch. Seine gedanklichen Ausflüge zum Leben und dem Sinn des Lebens gehören für mich mit zum poetischsten und eindrücklichsten, was die Literatur je hervorgebracht hat.

Noch nie hat das Lesen eines Buches bei mir ein derart beklemmendes Gefühl verursacht und hinterlassen und gleichzeitig doch so viel Hoffnung zu vermitteln gewusst.

Mit am traurigsten natürlich auch die Schlussworte, aufgenommen im Dezember des Jahres 2008 und die Szenen mit seiner Mutter, in denen beiden klar wird, dass dies möglicherweise das letzte gemeinsam verbrachte Weihnachtsfest sein könnte. Das Gefühl des nahenden Endes wie auch die Aussicht, das eigene Kind zu überleben - solche Geschichten schreibt in dieser Eindrücklichkeit nur das Leben, unbarmherzig, aber voller menschlicher Wärme.

Ein unvergleichliches, ein einmaliges Leseerlebnis mit einem leider tragischen Ende. Christoph Schlingensief hat in Personalunion des polarisierenden Künstlers, des aktivistischen Provokateurs, der öffentlichen Person und des an Lungenkrebs erkrankten Mannes ein Vermächtnis geschaffen, was hoffentlich noch lange den Gedanken an ihn überdauern lässt.

Mit Christoph Schlingensief ist einer der ganz Großen von uns gegangen.
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am 20. Dezember 2009
Der berühmte Regisseur und Energiekünstler, der Tausendsassa der deutschen Kultur- und Theaterszene, jener Mann, der seit Jahren sprüht vor Ideen und der ruhelos von einem Projekt zum anderen hetzt, sieht sich Anfang 2008 von einem Tag auf den anderen mit der Diagnose eines Lungenkrebses konfrontiert; sein einer Lungenflügel ist betroffen, obwohl er doch gar nicht raucht.

Und so wie seine beruflichen Projekte versucht auch er auch diese Nachricht aufzunehmen. Er nimmt sich ein Diktiergerät und vertraut diesem Gerät in den folgenden Monaten fast täglich all das an, was er erlebt, denkt und fühlt:
"Dieses Buch ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens. Meine Gedanken aufzuzeichnen, hat mir jedenfalls geholfen, das Schlimmste, was ich je erlebt habe, zu verstehen und mich gegen den Verlust meiner Autonomie zu wehren. Vielleicht hilft es nun auch einigen, diese Aufzeichnungen zu lesen. Denn es geht hier nicht um ein besonderes Schicksal, sondern um eines unter Millionen", schreibt er Ende März 2009 in seinem Vorwort, als nach einer vorübergehenden Verbesserung seines Zustandes durch eine Operation und eine anschließende Chemotherapie, sich auch in seinem verbliebenen Lungenflügel Metastasen gebildet haben.

Es ist ein schreckliches Buch, das Schlingensief da geschrieben hat, weil es von einer Krankheit handelt, gegen die ein Mensch sich letztlich nicht wehren kann. Es ist ein elendes, ein wahnsinnig trauriges Buch, aber auch ein sehr schönes Buch, weil es seinem Autor gelingt, eine Authentizität herzustellen, die unter die Haut geht.

In einem Leben, dass immer bestand aus Energie, völliger Freiheit, Plötzlichkeit und die Menschen mitreißendem Enthusiasmus, aus Wut und grenzenloser Phantasie, hat der Krebs die Macht übernommen.
Zunächst ist Christoph Schlingensief noch richtig bemüht, seine Diktate zu inszenieren, ist selbst ganz hingerissen von den vielen neuen Bildern, die ein solch radikal neuer Lebenszustand mit sich bringt:
"Es gibt eben Bilder, die haben keine Eindeutigkeit, in so einem Bild befinde ich mich zurzeit. Und ich habe das schließlich immer gemocht, dass es Bilder gibt, die nicht eindeutig sind, die aus Überblendungen bestehen und auf die die Leute völlig unterschiedlich reagieren."

Er besucht das Grab seines Vaters, träumt davon ein Opernhaus in Afrika zu bauen, wenn er wieder gesund wird und er setzt sich mit Gott auseinander. Mal ist er ihm nahe, mal ganz fern. Diese Gespräche mit Gott waren für mich die anrührendsten Passagen in einem Buch, das einen nicht kalt lassen kann. Wenn er etwa einfach schreibt: "Und ich lebe doch so gerne." Oder wenn er immer wieder mit Gott rechtet, einen Gott, den er durchaus als seinen Gott ansieht, und ihn anklagt wie damals Hiob: "Und das lieber, Gott, ist die größte Enttäuschung, dass du ein Glückskind einfach so zertrittst."

Das Buch ist ein Dokument eines Menschen, der so wie viele andere sprachlose Krebskranken vor ihm alle Phasen der Krankheit durchkämpfen muss, den Schock der ersten Nachricht, die Diagnose, die Hoffnung auf die Therapie, deren unsägliches Leid und am Ende doch zu spüren, dass man den Kampf verlieren wird. Aber er bleibt nicht sprachlos in seinem Leid; er spricht darüber, und behält gerade dadurch seine Menschenwürde bis zum nahen Ende, als er beginnt, Abschiedsbriefe in sein Handy zu tippen und jeder Optimismus verflogen ist.

Für von dieser Krankheit betroffene Menschen ist dieses Buch eine Ermutigung, nicht aufzugeben, vor allem, nicht die Würde aufzugeben, obwohl sie einem an jeder Ecke des medizinischen Betriebs geraubt wird. Für einen gesunden Leser wie den Rezensenten ist die Lektüre eine permanente Frage an sich selbst, wie man in einer solchen Situation handeln und entscheiden würde.

Und es bleibt zurück ein Gefühl der Dankbarkeit über jeden neuen Tag geschenktes Leben.
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am 18. Oktober 2009
Wer bei diesem Buch einen ausführlichen Leidensbericht mit allen Schikanen erwartet wird enttäuscht. Oft fehlen Teile der "Handlung" und man wird eher ins kalte Wasser geworfen. Doch darum ging es für mich beim Lesen dieses Buchs gar nicht. Ich empfand die Darstellung des Prozesses der Selbstfindung und den Umgang mit der Krankheit wesentlich interessanter. Man lernt den Autor auszugsweise kennen und kann nicht alles in ein harmonisches Bild setzen. Das Buch hat mich zum Nachdenken gebracht und das ist alles, was man sich von einem guten Buch wünschen kann. Nichts ist schlimmer als einfach die Lösung am Ende präsentiert zu bekommen.
Für mich war das Buch eine Bereicherung.
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am 7. Mai 2009
Mit seiner ihm typischen Sprache schreibt Herr Schlingensief über seine Krankheit. Es ist kein Rührstück und trotzdem sehr bewegend und teilweise urkomisch.

Im Stil eines Tagebuchs erfährt man wie es ihm geht, was er denkt (und er denkt viel und gut) und was er tut bzw. nicht tun kann. Seine Launen, seine Ängste und sein Mut sind jeden Tag anders. Während er an einem Tag fast Frieden mit seiner Krankheit, Gott und seinen Mitmenschen schließt, so hadert er am anderen Tag mit seiner Unfreiheit, seiner Ungeduld (die ja bekanntlich oft der Grund vielen Übels ist)und überhaupt allem. Von euphorisch bis hoffnungslos sind es oft nur Minuten, vom sonnigen Tag zur Dämmerung eben auch.

Es ist ein grundehrliches Buch, grandios kurzweilig geschrieben und meines Erachtens nach mit Weisheit. Es geht ihm nicht um den Sinn des Lebens, der ja eigentlich bekannt sein sollte-lieben und reduzieren auf die wahren Werte (leben eben)- sondern um die Freiheit der Selbstbestimmung, um den Sinn des Todes und des Leidens.

Sein im positiven Sinn kindlicher Glaube ist ihm dabei oft eine Hilfe.

Unbedingt lesen !!!
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am 5. Oktober 2012
Für Betroffene (und auch Nichtbetroffene) war dieses Buch notwendig. Es mußte geschrieben werden. Eine harte, unerbittliche Lektüre, der ehrliche Aufschrei vieler gepeinigter Seelen, die das Unfaßbare nicht fassen können, wollen und sollten...
Danke, Christoph Schlingensief! Ich hoffe, im Himmel ist es doch noch ganz schön für ihn geworden!
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