Hinweis: Diese Rezension bezieht sich auf eine CD, und zwar auf den Mitschnitt einer Lesung von Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Peter Knorr 1995, und nicht auf das gleichnamige Buch!
Zwar ist die Produktbeschreibung von Amazon falsch -- es handelt sich NICHT um die legendäre Rubrik "Doktor Seltsam" vom HR ("Sie anten, wir fragworten") -- aber das macht nix, denn dieser Lesungs-Mitschnitt gehört zum eisernen Bestand der deutschen Hochkomik. Man liegt geschlagene 55 Minuten lang vor Lachen unterm Tisch und will gleich nochmal, wenn's aus ist.
Der Titel von CD und zugrunde liegender Lesung verdankt sich übrigens dem Umstand, dass das berühmte Plakat (abgebildet auf der CD-Hülle) im "Haus Waldfrieden" zu Alf an der Mosel auf der Toilette hing...
Wer Robert Gernhardt einmal auf einer Lesung erlebt hat, der weiß: Gernhardt gehört (leider: gehörte) zu jenen Dichtern, die auch begnadete Vorleser sind (leider: waren). Und auch auf dieser CD liest er immer wieder das eine oder andere seiner Gedichte ("Immer", "Folgen der Trunksucht", "Schön -- schöner -- am schönsten", "Deutung eines allegorischen Gemäldes" u.a.). Und diese Lesung hat noch einiges mehr zu bieten, vortragenden Mehrwert gewissermaßen.
Gernhardt, Knorr und Eilert machen aus Perlen der Satire auf alle denkbaren und undenkbaren Facetten der Kultur-Schickeria szenische Lesungen der Extraklasse:
Sei's nun die gediegen-schräge Einführung in die Geschichte des lyrischen Ich, sei's Peter Knorr alias "Drogen-Dieter" im Stile der Büttenrede ("Drum leit ich die Beratungsstelle / für komplizierte Drogenfälle -- Tätääää, tätääää, tätääää"), und das alles im breitesten Frankfurterisch... Oder mehrmals Robert Gernhardt, z.B. als Vorsitzender der glücklosen Viktor-Schlawenz-Gesellschaft (dumm, dass man bis jetzt niemanden dieses Namens gefunden hat, um ihn zu ehren -- "Johann Wolfgang Goethe ist viel ausgefallener, aber die Goethe-Gesellschaft hat halt Glück gehabt"), als Kunstexperte Herr Putel in "Rattenmalerei", oder, was mein Zwerchfell vollends erledigt hat: Salomos "Hohes Lied" als Vermisstenanzeige für die werte Gattin, zusammen mit Peter Knorr als nicht minder poetisch veranlagtem Polizeibeamten. Man hört das Publikum im Hintergrund prusten und keckern und will selber fast um Gnade bitten, bevor man vor Lachen erstickt.
Aber dann würde man ja den Rest verpassen, z.B. "Das debile Dorf", wo zwei Bierdimpfln am Stammtisch, der Huber-Bauer und der Xaver, tiefschürfende Diskussionen führen über die Relevanz von Adorno ("I hab halt gmoant, dass ma sich ab und zu scho amoj was leichters gönne dürft") und Lévi-Strauss...
Außerdem beweisen diese drei Herren in Bestform, dass sie Szenen, mit denen seinerzeit Otto Waalkes reüssierte, zehnmal besser können (Kein Wunder, die Stücke stammen ja auch von Gernhardt und Knorr): Zum einen die "Kriegserklärung" Fabius Maximus Cunctators an Hannibal ("Ah! Elefante! Schänne Tier, große Tier! Wolle kauffe?"). Gernhardt als dedizierter römischer Feldherr und Knorr als begriffstutziger Hannibal sind ebenso unschlagbar wie die Elefanten. Ähnlich scharf ist die Version von Richter Ahrens und seinem schwersten Fall ("Ihnen wird zur Last gelegt, Sie hätten an dem Mast gesägt").
Dies und noch viel mehr -- die 17 Titel auf dieser CD verdienen allesamt ausgiebige Würdigung, da stimmt einfach alles. Die einzelnen Nummern passen wunderbar zusammen, da ist kein Bruch erkennbar, keine übers Knie gebrochene Überleitung -- es sei denn, das berüchtigte kultiviert-ambitionierte Übers-Knie-Brechen werde gerade aufs Korn genommen...
Und, wie gesagt: Am Ende des letzten Vortrages (Gernhardts "Deutung eines Allegorischen Gemäldes") liegt man atemlos japsend unterm Tisch und röchelt "da capo!"
Fünf(zigtausend) Sterne!