Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Die Geburt des Terrors aus dem Geist der Aufklärung, 1. April 2008
Jörg Baberowskis Buch über den "Roten Terror" ist als Geschichte des Stalinismus angelegt, nicht als Geschichte der Sowjetunion zur Zeit Stalins. Dieser Umstand bringt es mit sich, dass die Oktoberevolution, der Bürgerkrieg, die Kollektivierung, der Zweite Weltkrieg und viele andere Ereignisse nur am Rande behandelt werden. Das Augenmerk des Autors gilt ganz der Frage, mit welchen Mitteln der Generalsekretär aus Georgien die Macht erringen und so lange behaupten konnte. In seiner Antwort gelingt es Baberowski persönliche, institutionelle, kulturelle und gesellschaftliche Faktoren zu einem theoretischen Modell zu verknüpfen, das als "historische Ortsbestimmung" des Stalinismus verstanden werden kann.
Baberowskis Ausgangspunkt ist die Ideologie. Indem sie unmittelbar an das Gedankengut der Aufklärung und die Reformpolitik der Zaren anknüpften, hätten die Bolschewiki versucht, ihrem rückständigen Land eine Ordnung aufzuzwingen, für die es nur minimale Voraussetzungen mitbrachte. Die Russen sollten in kürzester Zeit moderne Europäer werden und ihre überkommene Lebensform hinter sich lassen. "Die russischen Kommunisten waren gelehrige Schüler des Zeitalters der Vernunft und der Aufklärung. Was die Natur versäumt hatte, das sollte von Menschenhand vollbracht werden. Was sich der Vernunft, so wie die Bolschewiki sie verstanden, nicht fügte, musste aus der Wirklichkeit verschwinden. Der Sozialismus hatte am Projekt der Moderne nichts auszusetzen, er hielt sich im Gegenteil für seine eigentliche Vollendung." (S. 13).
Von den Zaren hätten sich die Anhänger Lenins im Grunde nur durch den radikaleren Charakter ihrer Zukunftsvision, ihr messianisches Selbstverständnis und ihre ungleich größere Brutalität unterschieden. Seien schon die zaristischen Reformprojekte über weite Strecken fehlgeschlagen, habe das utopische Gesellschaftsmodell der Kommunisten von vornherein keine Erfolgsaussichten besessen. Als sein Scheitern deutlich wurde, hätten die roten Machthaber, Lenin allen voran, durch ihre Entscheidung, die Gründe dafür nicht in den Fehlern der eigenen Ideologie, sondern in den Umtrieben von Verrätern und Klassenfeinden zu suchen, die Voraussetzungen für den Terror gelegt. Ein weiterer zentraler Schritt war die Entmenschlichung des Gegners. Schon Lenin bezeichnete die Feinde des Bolschewismus als "menschlichen Abfall", "Insekten" und "Bakterien".
Um sich zur Höhe der Gewaltexzesse der dreißiger Jahre aufzuschwingen, habe der Terror allerdings noch zweier weiterer Voraussetzungen bedurft: Der sozialen Durchlässigkeit der postrevolutionären Gesellschaft sowie der Person Stalins. Die neuen Aufstiegsmöglichkeiten hätten Männer in führende Positionen gebracht, die noch ganz der bäuerlichen Gewaltkultur des flachen Landes verhaftet waren. Fernab jeglicher Sentimentalität beschreibt Baberowski das Leben der Bauern als "primitiv, schmutzig und kurz". Die meisten von ihnen seien es gewohnt gewesen, sich regelmäßig zu prügeln und ihre Frauen und Kinder zu schlagen. Hinzu sei die Verrohung gekommen, die eine ganze Generation junger Bauern durch den Ersten Weltkrieg und den Bürgerkrieg erlitt. Die "Chancengleichheit" des neuen Systems habe nun Vertreter dieser Mentalität an die Spitze der politischen Hierarchie befördert. Gerade ihr unmittelbares, physisches Verhältnis zur Gewalt unterschied, so meint Baberowski, Stalin und seine Anhänger von den Revolutionären der ersten Stunde, den Debattierern und Kaffeehaussozialisten vom Schlage Trotzkis, Radeks und Bucharins. "Stalin ließ sich die Geschlagenen und Gefolterten in seinem Arbeitszimmer vorführen, er gab Anweisungen, wie die Verhafteten zu misshandeln seien, und er schlug seinen Sekretär Poskrebyschew. 'Wie er mich geschlagen hat. Er hat mich an den Haaren gepackt und meinen Kopf auf den Tisch geschlagen', berichtete Poskrebyschew ..." (S. 206).
Der Mentalität der neuen Männer habe es außerdem entsprochen, politische Auseinandersetzungen in den Kategorien ihrer bäuerlichen Herkunft zu deuten: als Kämpfe verfeindeter Männerbünde. "Stalins Gesellschaftsmodell war die Räuberbande, deren Mitglieder in der rauhen Wirklichkeit nur überlebten, wenn sie einander auf Gedeih und Verderb die Treue hielten." (S. 179). Faktisch habe diese Einstellung die Sowjetunion in einen Personenverbandsstaat verwandelt, der von persönlichen Netzen und Gefolgschaftshierarchien zusammengehalten wurde. Zwar kam die Feudalisierung Stalins Macht zunächst zugute, doch lag in ihr auch eine Gefahr. Als seine Provinzfürsten zu selbständig zu werden drohten, habe der Diktator sich zu den Säuberungen der dreißiger Jahre entschlossen, um die feudalen Netze, die er ins Leben gerufen hatte, wieder zu zerschlagen. Ganz richtig habe er erkannt, dass persönliche Treue und Loyalität verschwinden würden, wenn niemand sich mehr seines Lebens sicher sein konnte. Indem er auf allen Ebenen Misstrauen schürte, stellte er sicher, dass seine Macht unumschränkt wurde.
Die "funktionalistische" These mancher Historiker, der Terror habe sich weitgehend aus der Eigendynamik des sowjetischen Systems entwickelt, weist Baberowski zurück. Seit Öffnung der Archive bestehe kein Zweifel mehr daran, dass alle entscheidenden Aktionen von Stalin selbst ausgingen und er jederzeit die Kontrolle über das Geschehen behielt. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Geschichte der Sowjetunion ohne ihn friedlich verlaufen wäre. Der Versuch, den Russen eine aufklärerische Utopie aufzuzwingen, musste in jedem Falle fehlschlagen. Angesichts der Herkunft der neuen Machthaber durfte man kaum erwarten, dass sie auf diese Entwicklung anders als mit Gewalt reagieren würden, ganz gleich wer sie anführte. So gesehen ist der Stalinismus nicht nur das Wüten eines einzelnen Mannes, sondern auch Ausdruck einer kollektiven Mentalität und das Scheitern der Moderne an ihren eigenen Idealen.
|
|
|
16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der rote Terror, 27. Mai 2007
"Der Rote Terror" ist eine der besten Werke, die es zum Thema Sowjetunion und Stalin gibt. Im Vergleich zu anderen, meist sehr umfangreichen und langen Werken schafft Jörg Baberoski es, Stalins Werdegang vor dem Hintergrund der Entwicklungen im Sowjetimperium darzustellen, ohne sich dabei in den Details des zweiten Weltkrieges, Hitlerdeutschlands, der chinesischen Ereignisse etc. zu verlieren. Der Leser gewinnt dadurch ein "unabgelenktes", präzises Bild der Gesellschaft und Entwicklung innerhalb der Sowjetunion zu Zeiten des Stalinismus.
|
|
|
142 von 186 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Fulminante Studie, 4. Dezember 2003
Jörg Baberowski hat mit seiner Studie "Der rote Terror" eine brilliante Geschichte der Sowjetunion bis zum Tode Stalins vorgelegt. Der Autor arbeitet überzeugend die Gründe für den einzigartigen Gewalt- und Terrorexzeß heraus, der mit der bolschewistischen Revolution in die Welt kam: im Grunde handelten die bolschewistischen Revolutionsführer, ob sie nun Lenin, Trotzki, Stalin usw. heißen, wie Oberhäupter einer Mafiabande. Am besten verkörpert sieht Baberowski das in Stalin. Er verstand die Gesellschaft als Objekt seiner räuberischen Exzesse. Kontrahenten, ob reale oder eingebildete, wurden mit Gewalt beseitigt. Er besetzte wichtige Posten im ganzen Land mit seinen Kreaturen, die sich allein darin auszeichneten, ihm zu Willen zu sein. Wie ein Pate beherrschte er das Land. Für Fehler, Schlampereien und Fehlentwicklungen, die zwangsläufig auftreten, wo persönliche Treue über Sachverstand triumphiert, wurden Spione, Volksfeinde oder der Bourgeois verantwortlich gemacht. Die Schauprozesse dienten zu nichts anderem, als die Anhängerschaft immer wieder neu auf den "Führer" einzuschwören. Selbst das einzige Verdienst, daß in Rußland immer noch mit dem Namen Stalin verbunden wird, der Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg", ist Resultat seines brutalen Terrorapparats und der grenzenlosen Menschenverachtung eines Regimes, dem es buchstäblich egal war, über welche Leichen es ging. Aber über Leichen ging es immer.
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|