Als die erste Auflage des Buches erschien, das dieser Audiofassung zugrunde liegt, schrieben wir das Jahr 1997. Und vier ergänzte und überarbeitete Auflagen später dämmert es sogar vielen Vertretern der Shareholder Value Theorie, dass Fredmund Malik mit seinen Modellen vielleicht doch richtiger liegt als die Anhänger des Turbokapitalismus. Nicht vergessen sollte man allerdings, wo der Autor wirkte. Denn bis 1984 dozierte er an der Universität St. Gallen, war Mitglied der Direktion des Instituts für Betriebswirtschaft und damit mitverantwortlich für Inhalte, Methoden und Denkmodelle. Und immerhin zählt die Hochschule St. Gallen zu den europäisch führenden Ausbildungsstätten für Manager. Kommt hinzu, dass wir gleich zu Beginn dieses vertonten Buches hören, wie viele Unternehmen der Autor als Inhaber des Malik Management Zentrum St. Gallen AG beraten hat und wie sehr er schon früh auf Fehlentwicklungen aufmerksam machte. Und wenn wir dann noch lesen, dass Malik als der führende Managementberater gilt, stellt sich natürlich schon die Frage, warum in den Teppichetagen noch immer einem Denkmodell gefrönt wird, das hier während 259 Minuten demontiert wird. Auch wenn Fredmund Malik dem Hörer einige Antworten präsentiert, macht letztlich auch er einen großen Bogen um die heilige Kuh des Homo oeconomicus. Da ist Peter Drucker, auf den Malik sich gerne bezieht und der seinerseits Malik als den führenden Analytiker und Experten für Managementtheorien bezeichnet, etwas weiter. Solange in den Lehrbüchern der Kaderschmieden im besten Falle steht, der Mensch handle auch emotional, drehen wir uns im Kreis. Erst wenn wir lesen könnten, dass der Mensch auch rational handelt, kämen wir den tatsächlichen Verhältnissen näher. Und so blieb nach dem Anhören der vier CDs einmal der Eindruck, einer Huldigung des vernünftig handelnden Menschen beigewohnt zu haben, der seine Verhaltensmuster durch Einsicht ändere.
Kluge und meist zutreffende Einsichten kann Fredmund Malik auch mit diesem Hörbuch vermitteln. Und seine Analysen und Beweisführungen sind so spannend, dass man dazu ermuntert wird, das Buch zu kaufen, um den Rhythmus des Verarbeitens selber bestimmen zu können. Denn wie es bei guten Sachbüchern meist der Fall ist, braucht es Denkpausen, um den Ausführungen des Autors folgen zu können. Aber da die Zielgruppe selten Zeit für Weiterbildung durch Lektüre findet, können solche Hörbücher wenigsten erste Anstöße geben.
Unter Corporate Governance versteht man die Gesamtführung eines Unternehmens, von der Management nur ein Teil ist. Werden in den Aufsichts- und Exekutivorganen falsche Werte und Modelle vertreten, kann auch der beste Manager die Ratschläge nicht umsetzen, die Malik seinen Lesern und Hörern gibt. Auf der rationalen Ebene, die allein zwar nicht genügt, aber selbstverständlich ungemein wichtig ist, analysiert Fredmund Malik auch historisch, warum sich das Shareholder Value-Modell durchsetzte und seine Stellung trotz aller Misserfolge halten konnte. Der Rezensent Franz Trauth aus Schlossborn hat den Inhalt in seiner Besprechung der Buchfassung bereits so gut zusammengefasst, dass ich mich mehr oder weniger auf Formales beschränken kann. Wie der Untertitel bereits andeutet, scheut sich Fredmund Malik nicht davor, von richtig und falsch zu sprechen. Das finde ich einerseits gut, um der grassierenden Beliebigkeit und Gleichgültigkeit Widerstand zu leisten, hat aber die Gefahr, die eine Wahrheit durch die andere zu ersetzen. Komplexität lässt sich eben nicht meistern, indem man ihr mit Regeln gegenübertritt. Wer das behauptet, verwechselt kompliziert mit komplex. Gerade bei einem Vordenker, der sich immer wieder auf die Kybernetik beruft und dazu auch viel publizierte, hätte ich erwartet, diesen wichtigen Unterschied klarer zu vermitteln. Zumal Fredmund Malik in verdankenswerter Weise all den Consultern eine Abfuhr erteilt, die Best Practice-Modelle verbreiten. Wenn Malik zu Recht darauf hinweist, dass eine zeitgemässere und wirksamere Corporate Governance ein Wunschdenken ist, solange Juristen und Finanzfachleute das Sagen haben, wäre der Weg für eine Analyse frei, wie Denkmodelle entstehen und verändert werden können. Aber eine solche Analyse, bleibt trotz dem Adjektiv ganzheitlich unvollständig, wenn das Unbewusste nur eine Nebenrolle spielen darf.
Mein Fazit: Da Fredmund Malik zu den anerkanntesten Managementdenkern gehört, hat er auch das Publikum, für das dieses Lehrstück über verfehlte und richtige Corporate Governance geschrieben ist. Dass der Autor selber eine Sprecherrolle übernimmt, finde ich zwar nicht nötig, aber auch nicht so schlimm, um vor einem Kauf abzuraten. Nach 259 Minuten bleibt allerdings die wichtige Frage offen, wieso munter an einem Modell festgehalten wird, dessen Entwicklung zwar historisch erklärbar ist, sich aber als Rohrkrepierer erwiesen hat.