Amazon.de: Kundenrezensionen: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Werke. Frankfurter Ausgabe: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 2. Im Schatten junger Mädchenblüte

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83 von 87 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Unbedingt zweimal lesen!, 3. August 2006
Ich habe zwei Jahre gebraucht, um die "Suche nach der verlorenen Zeit" (jawohl, alle 7 Bände!) zu lesen. Deshalb gleich ein Hinweis für alle, die den ersten Band geschafft haben: Es geht genau in diesem Stil weiter! Die Eindrücke, Gedanken, Beschreibungen nehmen unendlich viel Raum ein, die eigentliche Handlung läuft unspektakulär und fast nebenbei. Genau wie im richtigen Leben eben! Jeder von uns ist viel mehr damit beschäftigt, über andere und sich selbst nachzudenken, als äußere Ereignisse wahrzunehmen. Und auch wir wissen bei einer ersten Begegnung noch nicht, ob der Mensch, den wir gerade kennenlernen, eine zukünftige Bedeutung für uns haben wird, oder ob wir ihn schnell vergessen werden.
Hat man sich erst einmal damit abgefunden, dass man nicht auf spektakuläre Handlungsentwicklungen warten muss (so etwa ab Band 3 oder 4 hat man das verinnerlicht), dann fängt man überhaupt erst an, den Roman richtig zu lesen. Am Ende dann weiß man, welche Personen und Eindrücke die wirklich wichtigen waren. Und wenn man danach wieder von vorne anfängt - und das sollte man UNBEDINGT tun - dann bekommt schon der erste, so unscheinbar, ja langweilig wirkende Band eine unglaubliche Spannung. Man erfährt nun nicht mehr die Erinnerungen eines Unbekannten, man teilt diese Erinnerungen, als wenn es die eigenen wären. Und so wie man selber äußerlich unwichtige Ereignisse ein Leben lang im Gedächtnis behält, so versteht man beim zweiten Lesen, wenn man weiß, wo die Geschichte hinführt, warum es so ungeheuer wichtig ist, sich fünf Seiten lang an den Geschmack eines "Madeleine"-Törtchens zu erinnern. Und erst dann bemerkt man verblüfft, wie sehr uns Proust - in einer völlig anderen Lebenswelt als der heutigen - unsere ureigenene Geschichte erzählt.
Deshalb nicht aufgeben und die ganze "Suche" lesen, in aller Ruhe, gerne auch mit zeitlichen Abständen (man kann nicht nur Proust lesen, sonst wird man irgendwann weltfremd), aber unbedingt bis zum Ende. Und wenn man dann zum zweiten Mal "Unterwegs zu Swann" ist, dann will man überhaupt nirgends sonst mehr sein - so wie Proust selbst auch nirgendwo mehr sein wollte, sondern sich in ein schall- und sonnenlichtisoliertes Schreibzimmer einschloss, um nichts anderes mehr zu tun, als die verlorene Zeit seines Lebens wiederzufinden.
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17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Der Gipfel der Gattung, 23. Oktober 2009
Von Thomas Reuter (Düsseldorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REVIEWER)   
"Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen". So einfach beginnt es. So einfach kann ein Anfang sein. Der Rückblick auf eine bereits vergangene Zeit klingt in diesem ersten Satz bereits an und das Motiv der Zeit selber wird im Wortlaut auch schon genannt. Viele Literaturliebhaber kennen diesen Satz schon, bevor sie sich tiefer mit Proust beschäftigt haben - vom zögerlichen Aufschlagen, vom skeptischen Herumblättern in diesem Vieletausendseitenbuch. Als Einstiegssatz ist es der klassische Leseverführer: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen" - Ja, und dann?, fragt sich das lesende Bewusstsein - und schon ist man eingetaucht in einer Welt, die sich - noch bevor es Abend wird - zu einem unendlichen Kosmos ausgeweitet haben wird, in dem kein Bleiben und kein Halten ist und als dessen Versicherung und Gewährsmann einzig der Erzähler bleibt - ein kleiner Junge zu Anfang des Romans - an dessen Mantel sich der orientierungslose Leser festhält wie Dante am Saum des Vergil, als dieser ihn durch die Hölle führt. Nur dass man sich in Prousts A la recherche du temps perdu nicht in der Hölle, sondern wohl eher in den Himmel versetzt findet, so herrlich sind diese Kostbarkeiten der Darstellung, so anmutig die Schilderungen der Figuren, so tief die Erkenntnisse über die menschliche Seele, so leicht die über allem liegende ironische Distanz und so sanft die schwelgende Melancholie über das vergangene Leben.
In Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" hat die Romankunst unzweifelhaft den Gipfel erklommen. Es ist der grandiose Versuch, das einzulösen, worum es dem Roman als Gattung zu tun war, als er als literarische Form angetreten ist: Das Leben in seiner Totalität darzustellen. Es blieb - dies sei hier angemerkt - nicht der einzige Versuch. Es gab andere Unternehmungen dieser Art zu jener Zeit. Keine davon aber hat den Weg Prousts gewählt: Hier wird tatsächlich der Weg beschritten die menschliche Seele, ihren Bezug zur Welt und zu sich selbst in all ihren Facetten, in ihren Verästelungen, ihrer Verschlungenheit und schließlich in ihrem Gewordensein kompakt und abgeschlossen erzählend zu erfassen. Die Methode Prousts besteht darin, dass Bewusstsein in seiner Selbstvergegenwärtigung, in seiner Erinnerung des eigenen Lebens darzustellen. Symbolisch für diese Darstellung des Selbst als sich erinnerndes Subjekt steht die wohl berühmteste Stelle aus dem Mammutwerk: als der Erzähler seine Madleine in den Tee tunkt und anhand des Geschmackes, der ihn an gleiche Situationen in seiner Kindheit erinnert, ihm der gesamte Kosmos dieser vergangenen Welt aufgeht. Im Wortlaut heißt die Stelle:
"Viele Jahre hat von Combray außer dem, was der Schauplatz und das Drama meines Zubettgehens war, nichts für mich existiert, als meine Mutter an einem Wintertage, an dem ich durchfroren nach Hause kam, mir vorschlug, ich solle entgegen meiner Gewohnheit eine Tasse Tee zu mir nehmen. [...] Sie ließ darauf eines jener dicken ovalen Sandtörtchen holen, die man Madeleine nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Musche benutzt. Gleich darauf führte ich, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, einen Löffel Tee mit dem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen. In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt von etwas Ungewöhnlichen [zwei Seiten ausgelassen]. Und dann mit einem Male war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntagmorgen in Combray [...] sobald ich in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie sie in ihren schwarzen Lindenblütentee getaucht hatte." (S. 63-65)
Diese Stelle über die unfreiwillige Erinnerung ist das Zentrum des ersten Teils (Combray) des ersten Bandes (In Swanns Welt) von den insgesamt sieben Bänden des gesamten Werkes. An dieser unfreiwilligen Erinnerung hängt im ersten Teil die gesamte Darstellung der Welt Combrays, ein Dorf im Norden Frankreichs, wo der Erzähler die Sommer seiner Kindheit verlebt. Prinzipiell aber erweist sich dieser Einbruch der unfreiwilligen Erinnerung als Zentrum des gesamten Werkes. Aus ihm heraus generiert sich der immer fortlaufende Erzählfluss. In unendlichen, kaskadenartigen Sätzen werden die zum Teil skurrilen Figuren dieser Welt und Schönheiten der Natur geschildert. Aber auch hierbei geht es nicht um diese selber, sondern darum, wie der Erzähler sie empfindet, um ihre Wirkung, wie alles in diesem Roman Darstellung von psychischen und emotionalen Innenwelten ist. Bereits im ersten Teil Combray taucht ein mysteriöser Monsieur Swann auf, ein Großbürgerlicher, der in den Pariser Salons in den höchsten Gesellschaftskreisen verkehrt. Ihm gilt im ersten Teil die gesamte Verehrung des jungen Erzählers, welcher Swann im Grunde nur durch die Erzählungen der Eltern wahrnimmt. Den Großteil der Erzählung Combray nimmt dann die Darstellung des dörflichen Alltags im ausgehenden 19. Jahrhundert ein. Die Spaziergänge, die entweder über das eine, oder über das andere Dorf führen und die Ausnahme des Sonntags, an dem das Mittagessen eine Stunde früher eingenommen wird. "Eine Liebe von Swann", der zweite Teil des ersten Bandes spielt zeitlich vor der ersten und behandelt die unglückliche Liebe Swanns zu der leichtlebigen Odette. Swann steht gesellschaftlich weit über dieser jungen Frau, ist ihr aber in unendlicher Liebesqual verhaftet und führt dem staunenden Leser ein weiteres Mal jenes unendliche Rätsel namens Liebe vor Augen, das er selber sicher auch in irgend einer ihrer proteischen Spielarten kennt. Dieser Teil (Eine Liebe von Swann) ist eine geschlossene Erzählung in sich und ist auch als einziger Teil im gesamten Werk in der Er-Erzählform geschrieben. Als Studie über die Formen und Abgründe der Eifersucht mag er so manchem Leser die Wunden geleckt haben
Der letzte Teil des ersten Bandes nennt sich "Ortsnamen. Namen überhaupt". Dieser Teil spielt wiederum in der Kindheit des Erzählers, diesmal allerdings größtenteils in Paris, dem eigentlichen Wohnort der Familie. Ausgehend von der magischen Anziehungskraft von Ortsnamen wie Florenz oder Künstlernamen wie Giotto erlebt der Erzähler in dieser hyper-affizierbaren Befindlichkeit des kindlichen Bewusstseins seine erste Liebe - und zwar zu Gilberte, der Tochter Swanns und - der Leser nimmt dies mit Überraschung und Erstaunen wahr - Odettes, die gegen alle Erwartung offenbar doch ein Paar wurden. Der erste Band schließt mit den Sätzen: Die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist wehmutsvolles Gedenken an einen bestimmten Augenblick; und Häuser, Straßen, Avenuen sind flüchtig, ach! wie die Jahre." (564)
Wenn man bis hier gelesen hat, hat man vielleicht das Basislager dieses viereinhalbtausend Seiten Buches erreicht. Zum Gipfel hinaufschauend fragt man sich, welche nachbarschaftlichen Gebirge man wohl von dort oben sichten kann. Welche anderen Romanprojekte wohl noch in diese Höhe wachsen. Es gab, wie bereits bemerkt, zu dieser Zeit auch andere Würfe, die das Versprechen des Romans, die Totalität des Lebens in erzählter Form darzustellen, einzulösen versuchten. In nächster Nähe - und doch vollkommen anders - muss wohl James Joyce Ulysses" genannt werden. Weiter hinten am Horizont taucht Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften auf".
Joyce Totalitätsversuch arbeitet nach einem völlig andern Prinzip als das Prousts. Seine Darstellung von allem in allem besteht gerade nicht in der immer differenzierteren Ausgestaltung und spiralenartigen Umkreisung des immer Gleichen, sondern in der Verdichtung, der Verkürzung, der Verrätselung und damit in der ungeheuren Aufladung eines Verweisungszusammenhangs, der potentiell unendlich ist. Sowohl Proust als auch Joyce lebten in Paris, als sie an ihren Weltromanen schrieben. Ein einziges Mal sind sie sich begegnet. Die Unterhaltung wird in verschiedenen Formen wiedergegeben. Einem Bericht William Carlos Williams zufolge sagte Joyce: "Ich habe jeden Tag Kopfschmerzen. Meine Augen sind fürchterlich." Proust erwiderte: "Mein armer Magen. Was soll ich nur tun? Ich muss eigentlich gleich wieder gehen." "Mir geht's genauso. Auf wiedersehen". "Charmé", sagte Proust, "ach, mein Magen". Margaret Anderson schreibt, Proust habe gesagt: "Ich bedaure, dass ich Joyce Werk nicht kenne." und Joyce parierte: "Ich habe Proust nie gelesen", womit die Unterhaltung zu Ende gewesen sei. Da haben wir heutigen Leser es besser: Wir können beide wieder und wieder lesen und brauchen auf ihre künstlerischen Eitelkeiten keine Rücksicht zu nehmen.

Thomas Reuter
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67 von 74 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Spiegel der menschlichen Seele, 14. Juli 2007
Der zweite Band von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" trägt den Titel "Im Schatten junger Mädchenblüte". und ist in zwei Teile unterteilt: "Madame Swann und ihre Welt" und "Ortsnamen. Die Landschaft".
Im ersten Teil "Madame Swann und ihre Welt" erfährt der Leser Neues über die Ehe von Charles und Odette Swann, vor allem über die Verwandlung der ehemaligen Kokotte Odette in die Gastgeberin eines bürgerlichen Salons, in der der Protagonist als Verwandter und Spielkamerad der Tochter Gilberte aufgenommen wird. Im Salon bei Madame Swann wird reichlich über Kunst und Politik debattiert, es werden soziale Distinktionen der erlesensten Art zelebriert, während sich der Erzähler immer mehr in die kesse Gilberte Swann verliebt. Leider beruht diese Zuneigung nicht auf Gegenseitigkeit, sie wird seiner bald überdrüssig, und ihm bleibt nichts anderen übrig, als sich im Rahmen einer raffinierten aber effektlosen Psychologie des Liebesverzichtes zurückzuziehen und unter den unsagbaren Leiden seiner erste unschuldigen Liebe Adieu zu sagen.
Der zweite Teil des zweiten Buches "Ortsnamen. Die Landschaft" schließt an den ersten Teil direkt an und berichtet vom Aufenthalt des kleinen Erzählers im fiktiven Seebad Balbec in der Bretagne (Dahinter verbirgt sich, wie Proust-Kenner wissen, das Seeband Cabourg in der Normandie, in dessen Grand Hotel Proust ab 1907 allsommerlich schrieb und schrieb und schrieb). Jenseits der zahllosen brillanten Einschüben zu Kunst und Leben, Liebe und Alltag und der unsterblichen Portraitierung der Hotelgesellschaft samt ihrer mikroskopisch feinen sozialen Nuancierungen, erscheinen einige neue Gestalten am Horizont des Gesamtwerkes, etwa der feinsinnige Freund Robert de Saint-Loup, der exzentrische Baron de Charlus, der widerliche Bloch junior, der Maler Elstir - vor allem aber die vier Mädchen Albertine, Andree, Gisele und Rosemonde, die den bis dahin verängstigten und vereinsamten geistigen Frühentwickler aus seiner Vereinzelung erlösen. Geselligkeit, Spiel und Verliebtheit wechseln "im Schatten junger Mädchenblüte" so kunterbunt, dass am Ende viel diskutiert, räsoniert, aber nichts wirklich geschehen ist, als mit dem herannahenden Herbst die Saison zu Ende geht und sich die Hotelgesellschaft in alle Winde zerstreut.
Wie alle Bücher des Proustschen Romanzyklusses profitiert auch das vorliegende Werk durch das Nebeneinader einer kindlich-unkschuldigen Verträumtheit, in der der Protagonist alles erlebt, was ihm widerfährt, und einer sprachlichen Durchdringung von unglaublicher Anschaulichkeit. Aber neben der zauberhaften Bekanntschaft mit den Figuren einer versunkenen Epoche, neben der Freude an der erlesenen Poesie und dem intellektuellen Vergnügen an den blitzgescheiten essayistischen Einschüben beinhaltet das Werk einen moralischen Impuls, in dem der Autor seinem Leser buchstäblich einen Spiegel vorhält. Die Geltungssucht, die aufdringliche Unbescheidenheit, die Unreife, die sich im Drang nach ständigem Beurteilen ausdrückt, die zahlreichen Unwahrhaftigkeiten, von denen man in seiner Beschränktheit tatsächlich glaubt, die anderen bemerkten sie nicht, die übertriebene Idee von sich selbst in vollkommener Verkennung oder Unkenntnis des wahren Bildes, das wir für die anderen abgeben - schier unendlich sind die Varianten der menschlichen Gewöhnlichkeit, die Proust wie ein melancholischer Insektenforscher bloßlegt - ohne allerdings jemals den Zeigefinger zu heben. Der Mensch wird bei den zahlreichen Verhaltensanalysen immer wieder und von den unterschiedlichsten Seiten her in einer solchen Überzeugungskraft als Kanaille enttarnt, dass es über ganze Passagen des Buches schier unmöglich ist, nicht sich selbst und seine Fehler wie in einem Spiegel wiederzuerkennen. Wie wunderbar und vorbildlich wirkt dagegen die Bescheidenheit Swanns, die ihre Befriedigung vor allem darin findet, die anderen gelten zu lassen und sich gerade deswegen zurückzunehmen. Man kann dieses Buch nicht aus der Hand legen, ohne an sich zu zweifeln, und was kann man von einem Roman Größeres erwarten?
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Im Labyrinth der Erinnerung, 28. August 2007
"Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ist ein Leselabyrinth von gigantischen Ausmaßen: Sieben Bände, über 4200 Seiten, mehr als 2000 Romanfiguren sowie Satzkonstruktionen mit fast 1000 Wörtern lassen auch die ehrgeizigsten Leser vor Ehrfurcht erblassen. Figuren und Motive werden eingeführt, um bald darauf hinter einer Biegung zu verschwinden und wer weiß wo wieder aufzutauchen. Am Anfang vieler Schachtelsätze ist zudem kein Ende in Sicht, so weit das lesende Auge reicht. Der erste Band "Unterwegs zu Swann" erzählt von der meist glücklichen Kindheit des Ich-Erzählers im ländlichen Combray, von der tragischen Liebe des Familienfreundes Swann zu einer Prostituierten und von der erwachenden Leidenschaft des Erzählers für Swanns Tochter Gilberte. Dass es kaum möglich ist, sich im Proustschen Irrgarten nicht zu verlieren, diese Einsicht haben die Monty-Python-Komiker in ihrem köstlichen Sketch über den Proust-Zusammenfassungs-Wettbewerb auf die Spitze getrieben: Die Teilnehmer haben 15 Sekunden, um die sieben Bände auf den Punkt zu bringen - und scheitern alle kläglich.
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Gewaltige Inszinierung der menschlichen Empfindsamkeit, 18. Dezember 2006
Wenn wir bei einer Rezension von Prousts Werk sprechen, so in erster Linie auch von der Übersetzung. Hochsprache ist nur sehr schwer zu übersetzen und die Erfolgsaussichten sind gering.
Habe ich die 2000er Ausgabe gelesen und war sichtlich enttäuscht von der etwas flachen Übersetzung, so reichten mir nur wenige Zeilen dieser Ausgabe, um mich vollkommen in Prousts Werk zu verlieren. Ich muss mit dem Lesen etwa gegen 4 Uhr begonnen haben. Als sich mein Blick dann endlich nochmal von diesem Buch löste, um mir eine Verschaufpause dieser einzigartigen intensiven Erfahrung zu geben, war es schon dunkel draussen, es war halb 7. Dieses Buch, insbesondere diese Übersetzung, haben einfach eine magische Wirkung auf den Leser. Die Fülle der Gedanken, die völlige Erschöpfung des Momentes, mir fällt es schwer von einem Überladen zu sprechen. Man schwebt einfach über die Zeilen hinweg, getragen von schönen Erinnerungen und Gefühlen. Wenn man sich einen Moment Zeit lässt, und analysiert, was genau geschrieben steht, so muss man erkennen, dass ein Großteil der Bilder, die dieses Buch hervorruft, durch die eigene Phantasie zustande kommt. Die Informationen sind minimal. Doch ist man einmal im Lesefluss, so scheint eine neue Welt um einen herum zu enstehen, und es baut sich eine atemberaubende Szenerie um den Leser herum auf, in welcher man sich Gefangen sieht, und aus welcher man nicht so schnell wieder ausbrechen möchte.
Für alle Menschen, die sich schon einmal gefragt haben, wie komplex und einfühlsam ihre Mitmenschen die Welt wahrnehmen, und wie viel genauer man selbst noch auf die Schönheit der Dinge achten kann, ist dieses Buch zu empfehlen. Wer sich für Literatur interessiert, der kommt nicht um die Lektüre dieses Buches herum. Ich hoffe, und bin zuversichtlich, dass auch die folgenden Bände des umfassenden Werkes "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", dem Anspruch des ersten Bandes gerecht werden.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Für Geniesser, 12. März 2009
Sie werden Proust vielleicht nicht auf Anhieb mögen, wenn Sie Bücher mit spannender Handlung, einem handfesten Romanhelden, einem schnellen Erzähltempo und solidem Satzbau bevorzugen - aber ein Versuch lohnt sich!

Sie werden Proust wahrscheinlich mögen, wenn Sie sich auf minutiös genaue, opulente Beschreibungen des Alltäglichen einlassen und sich in langen, langen Sätzen verlieren können, ohne ungeduldig zu werden, denn Proust liest man nicht unbedingt der Handlung wegen, sondern aus Liebe zu seiner Sprache, mit der er aus kleinen Begebenheiten, aus normalen Menschen und deren Alltag eine reiche Welt an Gefühlen und Erinnerungen zu formen vermag, mit der er uns auf jeder Seite aufs Neue verführt und weil er seiner Erzählung - wenn diese auch nicht im eigentlichen Sinne komisch ist -doch immer eine Prise Humor beigibt.

Definitiv lesenswert - nicht, weil man "Proust gelesen haben muss" oder weil er "Weltliteratur" schrieb, sondern weil es unendlich schade wäre, dieses großartige Werk nie gelesen zu haben.
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7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Die Sucht der Lektüre oder der ganz normale Lesewahnsinn!, 28. Oktober 2006
Das Buch ist sozusagen der zweite Teil in Marcel Prousts Werkroman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, das mit seinen mehr als viertausend Seiten und seinen zum großen Teil sehr langatmigen, ermüdenden Schilderungen, Bildern und Sentenzen über Ereignisse und Begegnungen seiner Biografie im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert den Leser in seiner Lesefähigkeit stark strapaziert, wenn nicht sogar überbeansprucht, da wir heutzutage unter dem Vergnügen des Lesens kurze, prägnante Texte mit nicht allzu schwerer Semantik und Symbolik anhand schnell begreifbarer Formulierungen verstehen, jedoch nicht diese langatmige Proustsche Sprache und Diktion, die in der Literatur des 20. Jahrhunderst bis heute ganz klar ihresgleichen sucht und keinen Vergleich mit inzwischen vergangenen oder heute noch lebenden Autoren scheuen muss; der ihnen, in allem, was er sagt, schreibt und berichtet, haushoch überlegen zu bleiben scheint. Denn, sind auch die ersten Seiten seines Buches kaum lesbar, gehen auch die ersten paar hundert Seiten noch immer sehr schwer in Sinn und Verstand, so liest es sich dann irgendwann von Satz zu Satz und von Seite zu Seite zunehmend besser und leichter, und es wird ganz allmählich daraus eine immer mehr spürbare Neugierde, irgendwann entsteht eine schwache Faszination, bis zuletzt ein Lesefieber ausbricht, gelinde erst, dann schlimmer, um irgendwann, vielleicht erst nach den ersten bewältigten tausend Seiten, zu einem richtigen Lesewahnsinn sich auszuwachsen. Eine alles und jede Hemmung hinweg spülende, virale Epidemie für Sinn und Verstand. Denn diese Sprache, diese Wortwahl, diese Fügungen, diese Sätze, trotz ihrer Länge, ihrer Verschlungenheit, ihrer Labyrinthhaftigkeit erzeugen Bilder, Symbole, semantische Wendungen  unglaublich und unglaublich schön zugleich. Dass das, was aus dieser Proustschen Diktion fließt, diese Bilder in dieser fließenden Sprache, überhaupt möglich ist, überhaupt geht? Das solches auszuformulieren, in Worte und Sätze zu bringen, tatsächlich denkbar, schreibbar, lesbar ist: eine Quelle hat? Ein in jeder Weise (auch heute noch) unerreichtes, beeindruckendes Werk, weniger vielleicht in den biografischen, von Jahrhundertwende und deren Kunst, Kultur und Literatur amalgamierten Bildern, aber auf jeden Fall in einer Sprache, die zu lesen zum Wahnsinn sich auswächst, schleichend, aber mit aller Bestimmtheit irgendwann losbricht. Lest dieses Buch! Irgendeins dieser Bücher! Egal was! Lest Proust! Aber lasst Euch bloß anstecken! Oder nicht und legt es für immer weg! Und rührt es bloß niemals mehr an! Ganz gleich was ihr tut, tun wollt, aber tut es ganz konsequent! Wenigstens hier ...
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Belle Époque, 18. Februar 2008
Nur wenige Leser schaffen es, die zehn Bände von Marcel Proust Meisterwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wirklich zu lesen. Wer es bis zur Hälfte schafft, nimmt sich vor, die zweite Hälfte irgendwann in Angriff zu nehmen. So kommt es, dass der Band in Swanns Welt unser Bild von Marcel Proust prägt, weil der zumeist wirklich gelesen wird. In ihm wird die Kindheit des Helden, seine Familie, deren Freunde und Bekannte beschrieben. Proust überschüttet uns mit Landschaftsbeschreibungen und Details, als gebe es nur das Jetzt, kein Morgen mehr. Eine Oase, eine Idylle, die einen Korb von kindlichen Beobachtungen ausschüttet, und einem sofort einen behäbigeren Rhythmus beim Lesen als gewohnt auferlegt. Proust schafft es, einem nicht nur die Zeit nahe zu bringen, in der seine Geschichte spielt, es gelingt ihm auch, dem Leser die Frage nach der Zeit selbst zu stellen. Was haben wir verloren? Wie hektisch sind die Zeiten jetzt? Natürlich liest sich dies alles aus einer großbürgerlichen Sicht heraus. Zola hätte Proust Geschichte vollkommen anders dargestellt Trotzdem zieht sie einen in seine Sicht der verlorenen Dinge hinein, in der Umstürze sich höchstens in kleineren oder größeren Skandalen äußert. Es scheint am Vorabend jeden Krieges, Umbruchs so, als könne der eigenen Welt nicht Schlimmeres geschehen, als dass man sich für die falsche Garderobe entscheidet, als nicht kultiviert genug erscheint.
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5.0 von 5 Sternen Spitze, 4. Oktober 2009
Da ich vor vielen Jahren den ganzen Roman «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» mit wachsender Begeisterung gelesen habe, ist für mich die Hörbuch-Ausgabe eine wunderbare Ergänzung. Die Erinnerung wird wieder wach und die detailreichen Schilderungen der Natur, der Atmosphäre und der Gefühlslage der Hauptfigur, führen mich in eine Welt ohne Hektik. Die Zeit beginnt sich auszudehnen und die Aufmerksamkeit richtet sich ganz dem eigenen Inneren Erleben zu. Die Sensibilität und Beobachtungsgabe des Autors faszinieren mich immer wieder aufs Neue.
Zur Qualität der Aufnahme kann ich nur sagen: sehr gut. An die Stimme von Peter Matic, den ich als Schauspieler sehr schätze, musste ich mich allerdings zuerst gewöhnen, da ich mir eine wärmere und weichere Stimme vorgestellt hatte, vielleicht so eine wie die des leider verstorbenen Wolfgang Reichmann.
Meine Empfehlung: unbedingt hören!!!
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