Kundenrezension

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die weiße Venus im Wechsel archaischer Bestimmtheit und zeitloser Phantasie., 26. Februar 2012
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Grande Beune (Gebundene Ausgabe)
"Oft habe ich im Geiste jenen Zaubermond angerufen, jene Stille, jenes Schmachten,
jenes seltsame Geständnis, hingeflüstert im Beichtstuhl des Herzens."
(Charles Baudelaire; Confession)

Mit Pierre Michon (1945-) wagt man einen erneuten Blick auf unseren Nachbarn Frankreich. In diesem Blick wird deutlich, dass durchaus das ländliche Frankreich gegenüber Paris eine gewisse Bedeutung hat, mit dem Blick auf diese kleinen besonderen Landschaften erhellt das Besondere, das Ursprüngliche. Dieser Kurzroman führt den Leser in die kleine Gegend entlang der Beune, einem kurzen Fluss, der der Große genannt wird und damit ins Périgord, einer historisch bedeutenden, kulinarisch erlebnisreichen Gegend des Südwestens.

Michon verführt den Leser in Begleitung eines 20jährigen Lehrers, des Protagonisten und Erzählers dieses Romans, in eine Welt, die das Archaische verbindet mit dem Augenblicklichen, die das Leben mit der Herkunft ausmalt und in der die Begierde aus der Phantasie verliert gegenüber der Berührung. Genuss ist, wenn vollendet, fad, schrieb Shakespeare in einem der Sonette und so trägt auch diese nie enden wollende Leidenschaft des Junglehrers gegenüber der schönen Tabakverkäuferin Yvonne diese Geschichte neben all den Einheimischen, die ihre Geschichten der Vergangenheit, der Tradition, der Menschen erzählen in einem von Regen verhangenen Dorf in der Winterzeit, jedoch warm behütet in dem kleinen Lokal bei "Chez Helene". Anders als Beatrice bei Dante und Laura bei Petrarca und Schiller, wird Yvonne nicht zum Gipfel der vollendeten aber geistig überhöhten Liebe. Michon belässt diese begehrende körperliche Liebe im Stadium der unerfüllten, der unberührten Begierde und im ungestillten Schmachten.

Daher führt er seinen Protagonisten, Lehrer und Erzähler über pointierte Sexualität, Leidenschaft und Phantasie nah an die Grenzen der Obszönität und doch überschreitet er sie nie, weil in allem, auch im Übertriebenen, ein intelligenter Geist webt, eine bewundernswerte angemessene Sprache mitteilt, um im Kontext alle reizvollen Begierden zwischen Stammhirn und Gesellschaft plausibel zu halten. Dort, wo es um praktizierten Sex geht, muss ein alter Renault wie ein Korsett herhalten und mit dem Auto seine tatsächliche Freundin. Beide sehen sich ab und zu. Vielmehr als sie bewegt den Lehrer jedoch seine neue Erlebniswelt zwischen dem kurzen Fluss, den Nebel verschleierten Wegen, den von einer anderen Welt kommenden Menschen und letztendlich seine Leidenschaft zu Nylon, Bein und Schuh. Yvonne zu betrachten, ihre geheimen Wege zu ergründen, ihre befriedigte Fleischeslust in seiner Vorstellung führen ihn zu den Menschen, dem Fischfang und wie metaphorisch notwendig in die Höhlen von Lascaux. Die damaligen Rituale der Menschen aus Leben, Liebe, Tod und Blut mit daraus folgenden Malereien verbindet dieser Roman mit den subtilen Strängen einer Geschichte junger Menschen, die sich wiederfindet in einer archaischen Herkunft in der Tonlage von "Mäuseschreien" ohne aber auf die Banalität von Neandertal-Geschichten zu verfallen.

Alles, was hier lesend erlebt wird, scheint elementar. Es ist dunkel, kein Licht, Nebel und Regen, die Menschen wie in der Zeit stehen geblieben und selbst die Begierde des Dazugekommenen: "Ich glaube nicht an langsam sich enthüllende Schönheiten, wenn man sie unbedingt erfinden muss, mich packen nur Erscheinungen. Diese hier jagte mir sofort ganz unanständige Gedanken ins Blut. Sie war gelinde gesagt ein Prachtweib. Sie war groß und weiß, Milch. Voll, üppig wie die Huris im Paradies, ausladend, aber eingeschnürt, mit korsettierter Taille, und wenn der Blick der Tiere durchaus von ihrem eigenen Körper spricht, dann war sie ein Tier ..."

Vielleicht geht es Michon darum, altes Feuer um die Frage der Geschlechter neu zu entfachen. Oder doch eher, wie der ursprüngliche Zyklus seines Werkes heißen sollte, "Um den Ursprung der Welt". Denn es ist nicht zu leugnen, das die Rollen und die Besitzverhältnisse hier unumstößlich sind. Seine Begierde gegenüber Yvonne bleibt nur phantasievoller Fluchtpunkt, solange JeanJean, ein bedeutender Mann im Ort und Yvonnes Liebhaber, sie bei jeder Begegnung erröten lässt. Und so wird die dauerhaft Begehrte kein einziges Mal berührt.

Berührt wird jedoch all das Weiße, sei es der Körper in der Phantasie, sei es die Begierde selbst im Fluchtpunkt des Weißen und sei es die Wand der Höhle. Denn alles Weiß ist Voraussetzung der Kunst, der Malerei, des Neuen, was darauf geschieht. Weiß ist wie beglaubigte Unwahrheit, weiß erhöht die Schönheit und damit den Grad des Wertes, weiß - darin liegt das Unfassbare verborgen, die Summe aller Farben, selbst das Bedrohliche. Das Weiß in den Augen der Fische in der Höhle war ihr Tod, als das Licht kam.

Eine sprachlich brillante, in der Dichte bedeutende Fassung eines Kurzromans empfiehlt sich selbst. Der Leser vermag ob der Kürze die Lust zu spüren, von vorn zu beginnen.
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 29.02.2012 08:14:44 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 29.02.2012 08:15:34 GMT+01:00
cl.borries meint:
Lieber kpoac,
Sie treffen mit Ihren Worten genau den Ton des Autors. Sehr schön.
Auffallend ist ja die Ästhetik der Sprache im Kontrast zu dem Inhalt eines sinnlichen Begehrens. Das findet man in Ihrer Rezension gut gespiegelt.

BG
Cl. B.

Veröffentlicht am 29.02.2012 08:17:23 GMT+01:00
cl.borries meint:
Leider löscht Amazon ja alle Mehrfachbewertungen von einem Leser!
Das ist bedauerlich.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 29.02.2012 09:12:02 GMT+01:00
kpoac meint:
Guten Morgen Frau Borries,
danke für Ihren Kommentar. Sie haben es richtig beschrieben, Michons Sprache ist in der Tat von besonderer Ästhetik, gleichwohl komprimiert er Geschehnisse, Gedanken vortrefflich, wie es sonst in der Poesie vorkommt. Auch lässt ihn gerade das unerfüllt Sinnliche zu dieser Sprache greifen. Man kennt es bei Gedichten von Petrarca, Yeats u.a. .
Kennen Sie das andere Buch: Rimbaud der Sohn (Bibliothek Suhrkamp)? Hier fällt es besonders auf, wie dicht Michon an Poesie schreibt, vielleicht weil ein Dichter über einen Dichter schreibt.

Viele Grüße in Ihr Lesezimmer
K.
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